Den Alemannen aufs Maul geschaut
Der seiner badischen Heimat stets verbundene J.P. Hebel war ein Beispiel für die glückliche Verbindung zwischen Lebensweisheit, Volksfrömmigkeit und Theologie
Es ist Stoff eher aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten USA als aus dem kleinen südbadischen Breisgau-Winkel an der Schweizer Grenze: Ein aus einem armen Hintersassen-Haus stammender Bub sitzt am Ende als Prälat im Karlsruher Parlamentarischen Herrenhaus des Großherzogs. Und dieser erste Prälat Johann Peter Hebel der unierten Evangelischen Landeskirche Badens erregt mit seiner Heimatdichtung sogar die Bewunderung Goethes. Der seiner badischen Heimat stets verbundene Hebel ist ein Beispiel für die glückliche Verbindung zwischen Lebensweisheit, Volksfrömmigkeit und Theologie.
Mit Land und Leuten verbunden
Es kommt nicht von ungefähr, dass der am 10. Mai 1760 vor 250 Jahren in Basel zur Welt gekommene Johann Peter Hebel seine alemannischen Mundartgedichte und seine Kalendergeschichten für den „Rheinländischen Hausfreund“ zeitlich vor seinen theologischen Schriften, nämlich Gutachten für den schulischen Religionsunterricht und den Biblischen Geschichten, schrieb. So konnte Hebel aus seiner Kenntnis von Land und Leuten am Oberrhein fundierte religionspädagogische Empfehlungen geben. Auch dass der 66jährige Prälat Hebel nach Schulprüfungen in Mannheim und Heidelberg auf der Rückreise nach Karlsruhe am 22. September 1826 in Schwetzingen starb, spricht für seinen lebenslangen pädagogischen Impetus.
Johann Peter Hebel wurde 1760 am Dienstort seiner Eltern in Basel geboren. Sein Vater Johann Jacob Hebel stammte aus dem Hunsrück und verdingte sich nach Erlernen des Weber-Handwerks als Kriegsknech t bei verschiedenen Heerführern. So kam er in die Dienste des Baseler Söldnerführers und Majors Iselin. In dessen herrschaftlichem Baseler Patrizierhaus diente im Sommer auch Hebels Mutter Ursula Örtlin, ein Bauernmädchen aus Hausen im nahen Wiesental auf badischer Seite. So lernte der kleine Johann Peter sowohl das ärmliche ländliche Leben (den Winter über) als auch im Sommer die großbürgerliche städtische Welt kennen. Diese Einflüsse wurden prägend für seine spätere Doppel-Existenz als Heimatdichter und Religionsführer.
Dabei waren die weiteren Umstände in Hebels Kindheit einer Karriere zu Spitzenpositionen nicht unbedingt förderlich. Als einjähriger verlor er den Vater, als dreizehnjähriger die Mutter. Der aufgeweckte Vollwaise kam zuerst zu seinem Schopfheimer Lehrer und ein Jahr später aufs Lyzeum nach Karlsruhe, wo ihn der frühere Schopfheimer Hofdiakon Preuschen beherbergte. Der junge Johann Peter lernte so gut, dass er schon ein Jahr früher mit einem kleinen Stipendium von 1778 bis 1780 in Erlangen Theologie studieren durfte. Der lebenslustige Studiosus wandte sich aber dort offenbar nicht nur den Wissenschaften, sondern auch allerlei Geselligkeiten zu. Jedenfalls fiel sein Examen am Ende in Karlsruhe nicht berauschend aus.
Volkswitz im Oberland
Hebel bekam anschließend Anstellungen als Haus- und Hilfslehrer in der Heimat seiner Kinderjahre in Hertingen und Lörrach. In diesen zehn Jahren von 1781 bis 1791 im „Oberland“ lernte er im Lehren das Leben der einfachen alemannischen Menschen, deren Mundart und Volkswitz ihm ja von Kindheit an vertraut waren. Zur Schwägerin Gustave Fecht seines Prorektors Günttert entwickelte er eine Zuneigung, ohne dass eine eheliche Verbindung daraus wurde. Denn 1791 wurde Hebel als Subdiakon für alte Sprachen, Religion und Naturkunde an sein einstiges Karlsruher Lyzeum berufen. Noch viele Briefe gingen von Karlsruhe zu Gustave Fecht.
Von 1803 an schrieb Hebel Gedichte über volkstümliche Begebenheiten in alemannischer Sprache nieder, für deren erste, noch anonym veröffentlichte Auflage er sogar eine Garantie-Abnahme zusichern musste. Der Erfolg war derartig, dass schon ein Jahr später unter seiner Autorschaft eine zweite und danach viele weitere Auflagen folgten. Sie erregten die Bewunderung Jean Pauls und Goethes, der sogar abriet, sie ins Hochdeutsche zu übertragen: Einen solchen Dichter „muss man im Original lesen, dann muss man halt diese Sprache lernen“, meinte Goethe einmal. Hebel hatte den Alemannen wahrlich aufs Maul geschaut.
Zur Veranschaulichung von Hebels Mundart-Dichtung seien hier der dritt- und zweitletzte Vers aus seinem Gedicht „Der Abendstern“ in (zuerst) der Mundart- und (sodann) einer hochdeutschen Version wieder gegeben: Die Beschaulichkeit der Abendstern-Schilderung mündet hier in den vorbildhaften Wunsch nach Harmonie, wie sie der Sternenhimmel offenbart, und Verträglichkeit, wie sie Hebel seinen Mitmenschen wünscht.
Der Abendstern
Schlof wohl, du schönen Obestern!
’s isch wohr, mer henn die alli gern.
Er luegt in d’Welt so lieb und guet,
und bschaut en eis mit schwerem Muet,
und isch me müed und het e Schmerz,
mit stillem Friede füllt er ’s Herz.
Die anderen im Strahlegwand,
he fryli ja, sinn au charmant.
O lueg, wie’s flimmert wit und breit
In Lieb und Freud und Einigkeit!
’s macht kein em andere ’s Lebe schwer;
wenn’s doch donieden au so wär!
Hochdeutsche Fassung
Schlaf wohl Du schöner Abendstern
S’ist wahr: Wir haben Dich alle gern.
Er schaut zur Welt so lieb und gut;
erblickt ihn jemand mit trübem Mut,
und ist man müde und fühlt Schmerz,
mit stillem Frieden füllt er ’s Herz.
Die anderen im Strahlgewand,
freilich doch, sind auch charmant,
o schau, wie’s flimmert weit und breit,
in Liebe, Freude, Einigkeit!
Keiner macht dem andern das Leben schwer,
wenn’s doch hier unten auch so wär’!
Seine ebenfalls von Humanität und Versöhnung durchdrungenen Kalendergeschichten für den „Rheinländischen Hausfreund“ mit Begebenheiten aus der großen und kleinen Welt verfasste Hebel von 1807 an. Auch hier stieß er von der Erzählung kleiner Vorkommnisse aus gerne zu beispielgebenden Fingerzeigen. So war Hebels Pädagogik immer weit entfernt von moralisierender Säuerlichkeit, sondern stets mit einem Schuss enger Lebensverhaftung gewürzt. Als Lese-Empfehlung drucken wir beifolgend die Erzählung „Zwei Weissagungen“ ab mit Aufstieg und Fall des Marschalls Poniatowsky und einer von anderen aufgeholfenen Begnadigung eines zum Tode verurteilten Delinquenten durch Friedrich den Großen.
Erster unierter Prälat
Die letzten zehn Lebensjahre Hebels bis zu seinem Tod auf einer Schulvisitation 1826 galten seiner religionspädagogischen und kirchen-führenden Tätigkeit in Karlsruhe. Als Kirchenrat in Karlsruhe verfasste er Gutachten für den Religionsunterricht und die lange im Gebrauch stehenden Biblischen Geschichten. 1819 wurde er zum Prälaten der lutherischen badischen Landeskirche berufen. Nach deren Vereinigung mit den reformierten Gemeinden Badens zur unierten Evangelischen Landeskirche Badens 1821 wurde er zu deren erstem Führer und Prälaten eingesetzt. Dieses Amt behielt er bis zu seinem Tod 1826 inne.
Quelle: Informationsbrief Nr. 64 / 2-2010 des Evangelischen Seniorenwerks (ESW)
Bild (Hebel-Statue): gemeinfrei
Autor: Prof. Kurt Witterstätter
Leserbrief zu diesem Beitrag
- Von Kaiser am 11.05.2010, 15:19 Uhr.
- Hochdeutsch, besser ohne Wertung Schriftdeutsch genannt, wirkt halt meistens distanziert und hat für uns Schweizer etwas Deklamatorisches. Im Dialekt schwingt mehr von der Stimmung und der Persönlichkeit des Sprechenden mit. Im Dialekt zu lügen ist schwieriger als im Schriftdeutschen. Schriftdeutsch ist die Sprache des Verstandes, der Dialekt ist die Sprache des Herzens.
- Von Alemanin mit Leib und Seele am 10.05.2010, 14:28 Uhr.
- Wir hatten in der Grundschule einen Lehrer, der mit uns bewusst alemanische Lieder und Gedichte eingeübt hat. Ich habe das gemocht. Auch bei uns in der Familie wird der Dialekt gesprochen und vor allem mein Bruder hat Gedichte und Lieder von Hebel auswendig gelernt und vorgetragen. Für mich wir Alemanisch vermutlich immer die Sprache meines Herzens bleiben, auch wenn es mich jetzt nach Hessen verschlagen hat. Es isch halt öbbis anderes, ob ma Hochdütsch schwätzt oder Dialekt (-:




