Zerrbild alter Menschen
Volksmusik ist nicht jedermanns Sache. Aber sind alte Menschen, die diese Musik mögen, automatisch eine "schunkelnde und grölende, postsenile Horde"?
Man kennt sie, die begeisterten Klatscher als Dauer-Kulisse in den Fernsehstudios bei Live-TV-Aufnahmen. Sie freuen sich, einmal dabei sein zu dürfen. Ihre Volksmusikstars ganz aus der Nähe erleben zu dürfen. Und sie freuen sich schon darauf, die Sendung, die ihnen ihre Lieben zuhause aufzeichnen, hinterher noch einmal sehen zu können.
Abqualifizierung alter Menschen
Die Frage ist, ob man solche Freude am Fernseh-Direkterlebnis so ironisch darstellen muss, wie das der Medienkritiker Thomas Wieczorek in seinem neuen Buch „Die verblödete Republik“ tut. Da lesen wir auf Seite 206 folgendes:
„Das Saalpublikum erscheint als eine schunkelnde und grölende postsenile Horde mit alkoholroten Gesichtern und wirren Blicken, die Musikanten dagegen als hampelnde und trampelnde Gestalten, die mit verbissenem Bühnengrinsen die Lippen meist asynchron zum Playbackgeplärre bewegen, voll Zuversicht, dass die altersschwachsinnigen Deppen das eh nicht mitkriegen – nicht einmal, dass es sich zumeist um volkstümliche Musik handelt, drittklassige Schlager also, die mit Volksmusik so viel gemein haben wie ein zerknittertes Fanposter mit dem leibhaftigen Star“.
Das ist starker Tobak. Die Abqualifizierung alter Menschen ist nur aus dem Duktus heraus zu verstehen, dass der Autor die „Einschläferung“ der Bevölkerung zu unkritischen Menschen durch die Medien deutlich machen möchte. Aber die Abqualifizierung alter Menschen, die sich an zugegeben einfach gestrickter U-Musik erfreuen, zu einer „schunkelnden und grölenden postsenilen Horde“ und zu „altersschwachsinnigen Deppen“ ist doch überzogen. Sie nährt Vorurteile, dass alte Menschen unselbstständig und unkritisch sind, sich willig von anderen vor ihren Karren spannen lassen und sich für das Wohlergehen ihrer Mitmenschen keinen Deut interessieren.
Nicht jeder Gartenzwergliebhaber ist gleich ein Depp
Aber kann es nicht auch sein, dass unter den sich über die Lieder der Wildecker Herzbuben und der Kastelruther Spatzen sowie über die Musik der Egerländer und der Oberkrainer freuenden Studiogäste auch Menschen sind, die am nächsten Tag als Grüne Dame Schwerkranken und Sterbenden beistehen oder die gestern noch die Rechnungsführung im heimischen Krankenpflegeverein besorgt haben? Und die sich schlicht einfach einmal am Tapetenwechsel in eine andere Umgebung erfreuen?
Vorsicht also bei der Benennung der „postsenilen Horde“ und der „altersschwachsinnigen Deppen“! Man kann schließlich auch den Gartenzwerg im Blumengarten oder die roséfarbene Rose im Poesiealbum nicht zum Charakteristikum des mittelmäßigen Geschmacks einer ganzen Alterspopulation machen. Auch hier gilt: Das Alter ist bunter denn je.
Und diese Vielfalt und Buntheit gilt nicht nur interindividuell von einem zum anderen Menschen. Bei denen man eben auch über den Geschmack nicht streiten sollte. Sondern die Verschiedenartigkeit gilt sogar intra-individuell bei ein und demselben alten Menschen: Der sich heute an diesem, morgen an jenem erfreut. Sich heute vielleicht in ein einfaches Vergnügen fallen lässt, morgen aber wieder einem Mitmenschen hilfreich zur Seite steht.
Quelle: Informationsbrief Nr. 64 / 2-2010 des Evangelischen Seniorenwerks (ESW)
Foto (Vorschau): cydonna / photocase.de
Autor: Prof. Kurt Witterstätter
Leserbrief zu diesem Beitrag
- Von Hans-Otto am 27.04.2010, 6:03 Uhr.
- Volksmusik = Musik für Deppen
Country = ist in, für moderne junge Menschen.
....aber haben die sich schon mal Gedanken gemacht was Country ist ? - Von Bernd am 26.04.2010, 7:51 Uhr.
- Recht so, Ihr Kommentar. Ich fände es gut, wenn Sie den direkt an den Buchautor als Reaktion schicken. Der Mann hat sicher noch Raum für Entwicklung. Ich wünsche es ihm eine neue Sicht.
- Von Katrin am 22.04.2010, 11:30 Uhr.
- Ich muss zugeben, einige Zeit selbst so geurteilt zu haben. Bin mit Volksmusik aufgewachsen und fand es grässlich !
Nur durch den Glauben, darf ich nun anders darüber denken ! Werde nun nicht mehr darüber meckern, wenn meine Mama mal wieder darüber schwärmt !!! - Von Astrid am 21.04.2010, 19:02 Uhr.
- Danke an Prof. Witterstätter!
Nicht jeder Beitrag aus unseren Medien muß unwidersprochen hingenommen werden.
Dennoch würde meine 86jährige Mutter zu dem Schreiben von Herrn Wieczorek nur sagen:
"Lasst die Leute reden, die Hühner können's ja nicht..." - Von Gudrun am 21.04.2010, 18:38 Uhr.
- Ich kann Gabi.S. nur beipflichten. Toleranz ist nicht Wieczoreks Stärke. Und welche Vermessenheit hat dieser Herr mit seinen Verurteilungen. Welches Kalkül steckt wohl dahinter? Bekannt werden? Hohe Verkaufsquote seines Buches? Reaktionen anderer, um im Gespräch zu bleiben? Emotionen schüren? Lust am Konflikt? Das scheint ihm ja zu gelingen. Ob dieser Herr wohl mit Gott etwas am Hut hat? Hoffentlich Gott mit ihm!
- Von Josi am 21.04.2010, 12:41 Uhr.
- Es tut schon fast weh, solche Kommentare zu lesen. Hat nicht jedes Alter "seine" Zeit, seine Vorlieben, und vor allem seine Erinnerungen. Grade die heutigen Senioren lieben diese Erinnerungen an diese Zeit. Was ist daran verwerflich. Und vor allen Dingen was ist mit den "jungen". Gibt es noch eine Sendung, die keine "doku-soap" ist. Also wirklich ein Film oder so. Jede Situation aus dem Alltag wird "dargestellt" mit Gesprächen, die angeblich "echt" sind, und die "schauspieler" haben ein Mikro am Kragen. Was ist da echt??
Ich finde es nicht richtig, irgendwen aufgrund seiner Vorlieben so abzuqualifizieren. Das möchte keiner, auch kein Autor, egal was er erreichen möchte.
Und den "Jungen" ist es meist egal was die anderen denken und setzen sich drüber hinweg, aber die "Alten" werden sehr gekränkt und - so finde ich- auch eines Teils ihrer Persönlichkeit beraubt.
Ich bin sehr froh, dass es Menschen gibt, die meine Mutter mögen, egal was sie mit ihren 82 Jahren macht und gut findet und ich bemühe mich, Verständnis für die Generationen nach mir zu haben, was mir nicht immer gelingt, aber deshalb brauche ich nicht alle so in der Luft zu zerreißen.
Laßt uns versuchen Vorbild zu sein und die Menschen mit den Augen Gottes als seine Geschöpfe anzuschauen. - Von Gabi.S. am 21.04.2010, 6:40 Uhr.
- Noch mehr bedauerlich ist so ein Thomas Wieczorek mit seinem Pauschalurteil der keine Toleranz zeigt.Traurig, wenn aus Kosten anderer, älterer Menschen, so abgeurteilt wird. Die Wertigkeit eines Menschen macht zuletzt sein Musikgeschmack aus, der bei alten Menschen sicherlich auch eine Erinnerung an fröhliche Zeiten sein kann.Aber-Toleranz ist einfach nicht jedermanns Sache.




