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Können die überhaupt streiten? (2)

Wie Christen ihre Konflikte miteinander austragen können, ohne ihre Liebe zueinander aufzukündigen.


Wo Menschen miteinander zu tun haben, da gibt es meistens auch Auseinandersetzungen. Früher oder später. Christliche Gemeinden sind da keine Ausnahme. Schon in den Anfangstagen, als vor knapp 2.000 Jahren die ersten Menschen zum Glauben an Jesus kamen – schon da gab es Streit unter ihnen.

In der Bibel werden eine ganze Reihe handfester Meinungsverschiedenheiten geschildert. Heftige Auseinandersetzungen – unter Christen. Mitten in ihren Gemeinden. Mit einem Beispiel aus dem zweiten Bericht des griechischen Arztes Lukas haben wir im ersten Teil dieses Artikels begonnen. Aus dem Bericht des Lukas über die Aktionen der engsten Vertrauten von Jesus, der Apostel. Und dort soll es hier im zweiten Teil auch weitergehen.
 

Da schreibt Lukas:

Eines Tages kamen einige Leute aus Judäa in die Gemeinde von Antiochia. Dort behaupteten sie: »Wer sich nicht beschneiden lässt, so wie es in Moses Gesetz vorgeschrieben ist, kann nicht gerettet werden.« Dem widersprachen Paulus und Barnabas ganz entschieden, und es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung (Apostelgeschichte 15,1).

 

Wie im Kindergarten – warum Menschen in Streitereien unreif reagieren

 

Heftige Wortgefechte können beim Streiten vorkommen. Aber sie verstören viele Beteiligte. In den Auseinandersetzungen, die ich in christlichen Gemeinden erlebe, geht es bei den Streitfragen meist um weit weniger als damals in Antiochia. Und dennoch fängt mit einem Mal jemand an, die Anderen lauthals anzuschreien. Was die sich meist nicht einfach bieten lassen. Und entsprechend zurückbrüllen.

In vielen Fällen sind diese aggressiven Verbalattacken absolut nicht angemessen. Und selten hilfreich. Das mag in der Situation von Barnabas und Paulus anders gewesen sein. Dort stand immerhin der gesamte Plan Gottes auf dem Spiel. Sein Plan, wie er Menschen mit sich versöhnen will. Aber warum werden Konflikte, die weit weniger wichtig sind, auch in christlichen Gemeinden mit derart harten Bandagen ausgefochten? Ich denke ein wesentlicher Grund ist die Gefühlswelt der betroffenen Menschen.

Ich halte viel davon, in Streitigkeiten sachlich miteinander zu reden. Aber ich meine, dabei machen zu viele den zweiten Schritt vor dem ersten.

Ist ein Mensch in einem Streit erst einmal derart erregt, dass er rumschreit oder sich beleidigt zurückzieht oder aus lauter Angst erstarrt, wie soll er dann in der Lage sein, sich mit der Streitfrage sachlich auseinanderzusetzten? Das ist meist von vorne herein zum Scheitern verurteilt.

 

Um konfliktfähig zu sein, müssen Menschen eine gewisse emotionale Reife mitbringen. Ein Beispiel: Ich werde zu einem Streit in unserer Gemeinde gerufen. Das Problem: Wo soll der Weihnachtsbaum dieses Jahr stehen? Und wie soll er geschmückt werden? Verwundert bin ich allein schon deshalb, weil das mit dem Weihnachtsbaum schon seit Jahren sehr gut läuft. Aber dieses Jahr sind neue Leute dabei. Und die bringen ihre eigenen Vorstellungen mit.

Problematisch an der ganzen Sache: keiner der streitenden Parteien ist in der Lage, die ganze Angelegenheit sachlich anzugehen. Da sind die einen verletzt, weil sie meinen, ihre gesamte bisherige Arbeit wird jetzt madig gemacht. Und noch schlimmer, sie fühlen sich auch als Menschen grundlegend in Frage gestellt. Rein objektiv ist das ja vielleicht gar nicht der Fall. Was den Betroffenen aber wenig nutzt. Wer hier helfen will, der muss wissen, wie solche emotionalen Prozesse ablaufen. Vor allem dann, wenn sie zunächst einmal augenscheinlich mit dem Problem nichts zu tun haben. Denn immer wieder blockieren solche Vorgänge in unseren Gefühlen den Schritt, die Angelegenheit sachlich zu klären.

Sicher: Es ist eine übersteigerte Gefühlsreaktionen, wenn sich jemand durch den Streit um einen Weihnachtsbaum als Mensch abgewertet fühlt. Aber derartige Reaktionen geschehen dauernd. Und jeder fragt sich: bin ich denn im Kindergarten? Derartige Gefühlsreaktionen sind doch total unreif: Rumschreien, sich beleidigt zurückziehen. Vor Schreck erstarren. Und das sind sie in der Regel auch.

Kein Erwachsener muss beleidigt sein, wenn um den Weihnachtsbaumschmuck gestritten wird. Doch immer wieder kommt jeder von uns in Situationen, die alte Gefühle aus der Kindheit reaktivieren. Und dann brauchen wir einen bewussten Schritt, um aus diesem inneren Kind-Modus wieder auszusteigen. Manche schaffen das besser, andere tun sich sehr schwer. Ein guter Streitschlichter kennt diese Prozesse. Und er findet Wege, wie das den Streitenden gelingt.

Wer meint, Gefühle spielen bei der Suche nach einer gelingenden Streitkultur keine Rolle, der hat sich mit der Materie noch nicht wirklich beschäftigt.

 

Vielleicht kennen Sie die Werbung für Gummibärchen. Da sind lauter Erwachsene zusammen. Aber sie reden alle mit einer Kinderstimme. Im echten Leben sehen und hören wir uns das natürlich nicht an. Aber unsere Gefühle aus der Kindheit laufen immer mit. Wohl dem, der sich dessen bewusst ist. Und der fähig ist, jederzeit wieder in den emotionalen Zustand seines Erwachsenen-Ichs zu wechseln. Denn nur so kann ein Mensch im Konflikt die Sachebene ansteuern.
 

Eine reife Reaktion: Streitschlichter zu Hilfe holen

Nach diesem kleinen Ausflug in die Psychologie eines Streits zurück zu Paulus und Barnabas. Und dem Streit in Antiochia. Auch wenn der Konflikt dort heftig ausgetragen wurde. Die Betroffenen machen einen sehr reifen Schritt.

Lukas schreibt:

Schließlich beschlossen die Christen in Antiochia, dass Paulus und Barnabas mit einigen anderen aus der Gemeinde zu den Aposteln und Gemeindeleitern nach Jerusalem gehen sollten, um diese Streitfrage zu klären (Apostelgeschichte 15,1).

 

Wenn sich ein Konflikt nicht ohne Hilfe lösen lässt, dann ist es keine Schande, Hilfe zu suchen. Im Gegenteil. Wer erkennt, dass dieser Schritt in einer Situation notwendig ist, der handelt besonnen und ausgesprochen erwachsen. Die Christen in Antiochia gehen diesen Weg. Und der Erfolg gibt ihnen Recht (Apostelgeschichte 15,8-11.12.13-20.22-31).

Freilich ist es heute bei manchen Streitigkeiten in christlichen Gemeinden schon ein ellenlanger Prozess, bis die Parteien sich auf einen Streitschlichter einigen. Und wenn es ganz dumm läuft, sagt eine Konfliktpartei später, obwohl sie mit der betreffenden Person einverstanden war: der oder die ist ja parteiisch. Auf so ein hinterhältiges Manöver sollte sich niemand einlassen. Beim Streit in Antiochia wird vielleicht sogar angedeutet: die betroffene Gemeinde beschließt von sich aus, die Apostel und Leiter der Gemeinde in Jerusalem aufzusuchen. Ganz unabhängig davon, ob die Konfliktparteien mitziehen oder nicht. Für viele christliche Gemeinden gibt es offiziell eingerichtete Beratungsstellen. Und die sind in der Regel auch gut geeignet, in Gemeindekonflikten zu beraten und zu schlichten.
 

Kein Solo – ein ganzes Beratungsgremium, geleitet vom Geist Gottes

Die führenden Köpfe in Jerusalem handhaben den Streit aus Antiochia dann überaus klug. Beide Seiten kommen zu Wort. Und zwar ausführlich (Apostelgeschichte 15,4-7). Dabei zeigt sich schließlich: Gott hat sowohl durch Petrus als auch durch Paulus und Barnabas auf die gleiche Weise gehandelt. Durch seine Gnade und durch den Glauben an Jesus rettet Gott Menschen. Juden ebenso wie Nicht-Juden (Apostelgeschichte 15,4.7-12).

Da es bei dem Streit in Antiochia um eine wegweisende Weichenstellung für den gesamten christlichen Glauben ging, lässt sich sicherlich nicht alles aus dem Bericht auf unsere Konflikte heute übertragen. Aber: ein Apostel nach dem anderen kommt im Verlauf der Beratung zu dem gleichen Urteil:

»Wir, die Apostel und Gemeindeleiter in Jerusalem, … haben einstimmig beschlossen … Geleitet durch den Heiligen Geist kamen wir nämlich zu dem Entschluss, euch außer den folgenden Regeln keine weitere Last aufzuerlegen« (Apostelgeschichte 15,23.25.28; vgl. auch Verse 7.12.13.19.22).

 

Was nichts anderes heißt: Kein Christ muss, nachdem er zum Glauben an Jesus gekommen ist, im Nachhinein Jude werden.

Was mir dabei auffällt. Es ist ein ganzes Gremium, das hier berät und dann gemeinsam miteinander eine gute Lösung findet. Ich kenne eine ganze Reihe von Konfliktberatern, die meistens ganz alleine losziehen müssen. Und dann sollen sie in der Höhle des Löwen auch noch eine gute Lösung finden. Die Apostel hätten sich darauf wohl nicht eingelassen. Und auf den Rückhalt, die ganze Sache in ihren eigenen Räumlichkeiten zu verhandeln und mit dem Beistand der eigenen Gemeinde – diesen Rückhalt hätten sie wohl auch nicht aufgegeben.
 

Der Regisseur im Hintergrund – Gottes Geist

Doch dass die Apostel und Leiter der Jerusalemer Gemeinde diesen Konflikt so gut lösen können, dafür ist noch etwas ganz anderes alles entscheidend. Wie schreiben sie in ihrem Abschlussbericht: „Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen …“ (Apostelgeschichte 15,28). Das ist keine vermessene Behauptung. Sondern ganz einfach Realität. Der gesamte zweite Bericht des Arztes Lukas, der heute meist „Die Apostelgeschichte“ genannt wird, dieser gesamte Bericht schildert im Grunde das, was der Heilige Geist nun auf der Erde tut. Jetzt, nachdem Jesus nicht mehr leibhaftig unter seinen Leuten ist (vgl. Apostelgeschichte 1,1-8). Genau so hatte Jesus es seinen Nachfolgern auch angekündigt:

Der Vater wird euch in meinem Namen den Helfer senden, der an meine Stelle tritt, den Heiligen Geist. Der wird euch alles Weitere lehren und euch an alles erinnern, was ich selbst schon gesagt habe (Johannes 14,26).

 

Und die ganze Apostelgeschichte berichtet, was der Heilige Geist durch die Jesusnachfolger tut. Er ist die Hauptperson. Er handelt nun in der Welt durch die Christen. Durch die Menschen, die an Jesus glauben. Das ist für die Apostel und Leiter der Gemeinde in Jerusalem überhaupt keine Frage. In dem ganzen Streit um die Frage, ob Christen nun auch noch Juden werden müssen oder nicht – in diesem ganzen Streit hat der Heilige Geist seine Gemeinden geführt. Und sie die Wahrheit erkennen lassen. Auch wenn er nicht sichtbar ist und sich oft gar nicht in den Vordergrund drängt. Er ist der Regisseur, der hinter den Kulissen die Abläufe auf der Bühne bestimmt.

Wer Streitigkeiten in christlichen Gemeinden schlichten will, der kann auf diesen göttlichen Helfer nicht verzichten. Und sollte Gott deshalb auch immer wieder bitten, dass er durch seinen Geist gute Lösungswege offenbart.

 

Es gibt also wohl noch eine Menge zu lernen für uns und unsere Gemeinden. Gerade wenn wir in Streitigkeiten gute Lösungen finden wollen. Die Auseinandersetzung in Antiochia ist dafür ein gutes Beispiel. Auch für uns. Und es gibt noch viele weitere zu entdecken.


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