Glaube Lesezeit: ~ 9 min

Gott in die Seite knuffen

Für Marcus Walter sind die schönsten Gebetszeiten Gebetsspaziergänge.

Wenn es Gott wirklich gibt, warum sollte er mich dann hören? Und sogar auf mein Gebet reagieren? Diese Fragen stehen für viele am Anfang des Weges als Christ. Über die Jahre habe ich dazu einige Antworten gefunden. Nicht immer erhört Gott meine Gebete so, wie ich es mir vorstelle. Manchmal verändert das Gebet nicht den anderen, sondern mich. Andere Fragen sind, wie oft ich wohl beten sollte oder wo es am besten ist zu beten.

Ein besonderer Ort des Gebets

ERF Mensch Gott Moderator Marcus Walter (Foto: Andreas Lehmann / ERF Medien)
ERF Mensch Gott Moderator Marcus Walter (Foto: Andreas Lehmann / ERF Medien)

Es gab einen Baum in meiner Heimatstadt, an den ich mich hinsetzen konnte und einfach nur geradeaus bis zum Horizont schaute. Kilometerweise Felder und am Horizont eine blutrot untergehende Sonne. Mit der Zeit bemerkte ich, dass, wenn ich einfach drauf los denke, meine Gedanken sich irgendwie von selbst ordnen. Ich diskutiere dann mit mir selbst. Und ich stellte fest, dass ich hin und wieder Gott frage, was er denn von der einen oder anderen Sache hält. Ich war überrascht, dass ich zwar keine Antworten hörte, aber sich bestimmte Gedanken herauskristallisierten und ich dann innerlich über einzelne Dinge zur Ruhe kam. Dieser Baum wurde mein Ort für besondere Stunden.

Dorthin ging ich, wenn wichtige Dinge in meinem Leben passierten, es besonders viel nachzudenken gab oder ich wichtige Entscheidungen treffen musste. An diesem Ort habe ich einmal ein Gebet für meine Frau geschrieben. Ich habe einfach alles notiert, was ich mir so dachte, was gut sei und hab es zu einem Gebet gemacht. Und das habe ich dann monatelang gebetet. Interessanterweise veränderte Gott meine Sicht auf mich selbst. Auf einmal war es so, als wenn Gott mich fragen würde: „Sag mal, Marcus, bist du dir eigentlich bewusst, auf was für einen unfertigen Menschen deine Frau trifft, wenn sie so ist, wie du dir das erbittest? Lass uns bei dir anfangen.“ Seitdem bin ich unterwegs, ein besserer Mann zu werden. Leider bin ich immer noch nicht fertig. Trotzdem habe ich diese Frau geschenkt bekommen. Meine wohl schönste Gebetserhörung!

Auf einmal war es so, als wenn Gott mich fragen würde: „Sag mal, Marcus, bist du dir eigentlich bewusst, auf was für einen unfertigen Menschen deine Frau trifft, wenn sie so ist, wie du dir das erbittest? Lass uns bei dir anfangen.“ (Marcus Walter)

 

Inzwischen ist um diesen Baum herum ein Wohngebiet entstanden. Ich bin mehrfach umgezogen, aber habe diesen Ort mit seinem Baum und seiner Aussicht in meinem Herzen mitgenommen. In allen Städten und Ländern, in denen ich seitdem bin, reicht manchmal ein einfacher Baum, an den ich mich lehnen oder hinsetzen kann. Und dann wandert die Welt um mich herum in die Ferne. Und ich fange an, mit Gott zu reden und auf ihn zu hören. In seinem Evangelium Kapitel 14,23 schreibt Matthäus, dass Jesus sich aus allem Trubel zurückzog, um zu beten. Wow, dachte ich, als ich das las, vielleicht hatte Jesus auch so einen Ort in seinem Herzen, den er überall mit hinnehmen konnte, um mit seinem Vater zu reden.

Ein Kieselstein zum Gebet

Ich bekam einmal von einem Gebetspartner einen kleinen Fisch aus Holz geschenkt, den ich an meinem Schlüsselbund befestigte. Ich gab diesem Fisch die Aufgabe, mich daran zu erinnern, dass ich umgeben bin von vielen guten Freunden. Und so kam es, dass ich jedes Mal, wenn ich den Schlüsselbund in die Hand nahm und einen Schlüssel suchte,  diesen kleinen braunen Fisch sah und kurz und still dachte: „Schön, danke Gott, dass ich so viele gute Freunde habe!“ Ich wusste schon immer, dass ich sehr vergesslich bin, aber durch diesen kleinen Fisch entdeckte ich, dass ich Denkmäler brauche, die mir ständig sagen: „Denk mal drüber nach!“

Seitdem erschaffe ich Denkmäler, um meiner Vergesslichkeit auf die Sprünge zu helfen und verteile diese in unserem ganzen Haus. Eigentlich in meinem ganzen Leben. Hier ein Foto oder ein besonderes Buch, dort eine kleine Figur, eine Postkarte oder häufig auch einfach nur ein kleiner Post-it-Notizzettel, den ich an den Kühlschrank klebe. Ich nehme mir bestimmte Themen vor und überlege mir, was da für ein Denkmal passen könnte. So denke ich den ganzen Tag hindurch immer wieder an eine bestimmte Sache. Auch wenn ich mit Gott was zu besprechen habe, nehme ich etwas Besonderes mit. Das kann ein Kieselstein sein, den ich in meiner Hand halte; ein Regenschirm; ein Rucksack oder ein anderer Gegenstand, den ich in der Tasche mit mir rumtrage und der mich erinnert.

Ich nehme mir bestimmte Themen vor und überlege mir, was da für ein Denkmal passen könnte. So denke ich den ganzen Tag hindurch immer wieder an eine bestimmte Sache.

 

Marcus Walter ist 42 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Er lebt mit seiner Familie in Gummersbach. Der Marketingleiter moderiert die Sendung „Mensch, Gott!“

Eine der schönsten und witzigsten Gebetszeiten, die ich kenne, sind Gebetsspaziergänge – Neudeutsch: Prayerwalk. Ich mag das englische Wort, weil es modern klingt und mich motiviert loszugehen. Es gibt einige Seen in unserer Umgebung, und meine Frau und ich haben dort schon über viele persönliche Themen lange und intensiv geredet und gebetet. Das machen wir laut, weil wir dann unsere Gedanken besser ordnen können und wissen, wie der andere tickt. Ich muss aber auch immer über uns lächeln, wenn andere Menschen entgegenkommen. Die halten uns bestimmt für bekloppt, weil wir ständig laut „Herr“ und „Gott“ sagen. Aber wenn die hinter uns sind, beten wir ganz leise: „Und bitte, Gott, mach, dass diese Menschen dich auch kennenlernen und sich in dich verlieben und so leben, dass du dich freuen kannst.“

Wenn Gott schweigt

In einer sehr schweren Zeit unseres Lebens habe ich angefangen zu joggen, um irgendwie mit den schweren Umständen fertig zu werden. Dabei begann ich, mit Gott zu diskutieren. Das, was ich bei den Prayerwalks angefangen hatte, machte ich jetzt beim Laufen. Weil ich keine Luft hatte, um laut zu reden, formte ich nur Silben mit meinen Lippen. Aber ich sprach alles an, was mich bewegte. Ich hab ihm alles gesagt, was mich belastete, was mich ärgerte, wie ich sein Wort verstand. Ich habe Gott Vorhaltungen gemacht, ihn angeschrien, ihn herausgefordert, endlich der gute und gnädige Gott zu sein. So wie ich ihn eigentlich kannte, so, wie die Bibel über ihn berichtet und über den ich schon so oft gepredigt hatte. Ich war ehrlich und hab zu ihm gesagt: Wenn es ihm nicht passt oder wenn ich irgendwie etwas Falsches mache, dann könne er mich ja mit einem Blitz erschlagen. Ich würde das verstehen und akzeptieren. Er solle sich dann nur bitte um meine Familie kümmern.

Und Gott schwieg. Die ganzen Monate hindurch hörte er sich meine Verzweiflung und meine Vorwürfe an. Aber er hat mich nicht mit dem Blitz erschlagen. Mit den Monaten merkte ich, wie Gott einfach bei unserer kleinen Familie war. Und auch, wie er mit mir beim Laufen war. Er hielt das alles aus, was ich ihm vorwarf. Er nahm meine Sorgen und meine Wut und meine Angst in seine Hand und ging damit sehr sorgfältig um. Ich wurde frei von der Hilflosigkeit und dem Schmerz. Gott machte mir immer wieder klar, dass es okay für ihn war, wie ich betete. Mein Frau und ich und viele Menschen beteten damals für unseren schwerkranken Sohn. Aber Gott erhörte diese Gebete nicht. Wenn ich darüber nachdenke, fasziniert es mich, wie Gott sich in dieser Zeit um uns kümmerte. Er ging mit unserer kleinen Familie durch die schwere Zeit. Er nahm mir die Bitterkeit und legte einen tiefen Frieden in unser Herz.

„Wenn ich darüber nachdenke, fasziniert es mich, wie Gott sich in dieser Zeit um uns kümmerte. Er ging mit unserer kleinen Familie durch die schwere Zeit. Er nahm mir die Bitterkeit und legte einen tiefen Frieden in unser Herz.“

 

Erst letztens sah ich, wie mein anderer 4-jähriger Sohn wütend wurde, weil er nicht vor dem Essen trinken durfte. Diesmal hatte er sich das anders vorgestellt, aber ich hatte das als Vater so festgelegt. Ich dachte, er würde sich zurückziehen und die Tür hinter sich zuknallen. Aber er kam zu mir, setzte sich auf meinen Schoß und ereiferte sich auf meinem Schoß, weil es ihm nicht passte. Er rumorte vor sich hin. Irgendwie war ich glücklich, weil er in seiner Unzufriedenheit meine Nähe suchte. Zwar war ich in seinen Augen der Verursacher, aber die Tatsache, dass er dann mit seinem Leiden zu mir kam, machte mich glücklich. 

Auf einmal hatte ich eine Ahnung, warum Gott mich damals beim Joggen niemals mit dem Blitz erschlagen hätte. Bei meinem Sohn war es jetzt Durst, aber er suchte meine Nähe und ich kümmerte mich um ihn. Das war sein Zeichen von Vertrauen in mich. Damals beim Laufen suchte auch ich die Nähe zu meinem himmlischen Vater und zeigte eigentlich damit, dass ich ihm zutiefst vertraute in dieser Situation.

Mein Stoßgebet: „Herr, hilf!“

Oft erwische ich mich, dass ich erst kurz vor einer wichtigen Sache nochmal beten möchte. Diese kurzen Gebete sind meine Hieb- und Stoßgebete. Hiebgebete, weil ich mir manchmal vorstelle, dass ich Gott gerne liebevoll in die Seite knuffen würde, um ihn an das eine oder andere Versprechen aus seinem Wort zu erinnern. Wenn ich eine wichtige Mail geschrieben habe, dann lese ich sie nochmal durch, ob ich auch alles richtig beschrieben habe. Dann halte ich einen kurzen Moment inne und bete: „So, jetzt hab ich das so gemacht, wie ich es am besten kann. Jetzt bist du dran.“ Und nach diesem „Seitenhieb“ schicke ich die Mail ab.

Das Stoßgebet ist genauso kurz, aber ich gebe zu, dass ich in diesen Situationen deutlich hilfloser und unsicherer bin. Für mich war das oft die letzte Möglichkeit, bevor es losging, und ich hab nicht darüber geredet, weil ich es als ungeistlich und respektlos empfand und auch dachte, dass ich nicht die nötige Ehrfurcht empfinde. Bis ich auf Nehemia und sein Gebet beim Weineinschenken stieß. Nachdem Nehemia viele Monate des Gebets hinter sich hat, kommt es beim Einschenken von Wein dazu, dass der König ihn fragt: „Was willst du?“ Und in Nehemia 2,4 schreibt Nehemia: „Da betete ich zum Gott des Himmels und sprach zum König …“ Zack! Danke, Nehemia. Superkurz. Seitdem kann ich zu meinen Hieb- und Stoßgebeten stehen.

Mein häufigstes lautet: „Herr, hilf!“ Es hat mich bewahrt, als ein 40-Tonner-Lastzug über die rote Ampel fuhr und meinen weißen Polo zu Schrott fuhr, in dem ich saß. Ich sage das oft leise, wenn ich die Türklinke in der Hand habe und das Zimmer zu einem wichtigen Gespräch betrete. Und sogar, wenn ich nachts nicht schlafen und keinen klaren Gedanken fassen kann, wiederhole ich diese beiden Worte: „Herr, hilf!“

So ist er, mein Gebetsstil. Oftmals nur ein paar Worte, manchmal auch viele Stunden. Und irgendwie immer im Gespräch. Es ist gut so. „Ich danke dir, Gott, dass du so unendlich geduldig mit mir bist. Und mit mir redest und mir immer zuhörst. Du kennst meine tiefsten Gedanken und meine größten Herausforderungen. Zieh mich zu dir, dass ich mit deiner Kraft lebe und deine Gebete bete.“

„Ich danke dir, Gott, dass du so unendlich geduldig mit mir bist. Und mit mir redest und mir immer zuhörst. Du kennst meine tiefsten Gedanken und meine größten Herausforderungen. Zieh mich zu dir, dass ich mit deiner Kraft lebe und deine Gebete bete.“

 

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Kommentare

Von Peter am .

Danke, sehr guter Text. Ich erkenne viele parallelen zu meinem Gebetsstil.

Von Stefan am .

sehr schöne Gedanken zum Gebet. Hier und da finde ich mich auch wieder. Ihnen weiterhin alles Gute. Ps.118,25

Von waltraud am .

Danke für die offenen und ehrlichen Worte - das hat so gut getan.

Von Ruth H. am .

Danke vielmal für den persönlichen Gebetsstil. Es hat mich bestätigt, das man so beten darf. Ja das es Jesus sogar freut, wenn ich mit ihm plaudere und mein Herz offen lege.

Von Helga am .

Einfach nur Danke!!!!

Von Renate am .

Danke für diese offenen Worte! Oft tun wir uns schwer mit dem Beten. Da ist mir das Wort aus Römer 8,26.27 so wichtig geworden, das genau dieses Problem anspricht und uns versichert, dass der Geist Gottes selbst für uns eintritt und uns so vor Gott vertritt, wie es angebracht ist. Also dürfen wir doch, was unseren Gebetsstil anbelangt, ganz entspannt sein.

Von Eva A. am .

Dieser Artikel hat mich in mein Gebrtsstil bestätigt oft mache ich dies genau so. Danke! Hatte aber dabei immer kein gutes Gefühl, was mich aber jetzt durch diesen Artikel neu ermutigt hat.

Von Dagmar S. am .

Vielen Dank !


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