Interview Lesezeit: ~ 10 min

Den Ramadan verstehen

Was Christen über den Fastenmonat der Muslime wissen sollten.


Rund 4,5 Millionen Muslime feiern im Zeitraum vom 04.-06.Juni 2019 in Deutschland mit dem „Fest des Fastenbrechens“, auf Türkisch „Zuckerfest“, das Ende des Fastenmonates Ramadan. Ähnlich wie für Christen das Weihnachtsfest, sind diese Tage für Muslime besondere Festtage: Man geht in die Moschee, besucht Familie und Freunde, isst gemeinsam und die Kinder erhalten Geschenke. Der Islamexperte Dr. Reinhold Strähler erklärt im Interview, was der Fastenmonat und das anschließende Fest muslimischen Gläubigen bedeutet, versucht Missverständnisse darüber auszuräumen und gibt Tipps, wie Muslime und Christen sich in dieser Zeit begegnen können.
 

ERF Medien: Muslime haben 2019 weltweit vom 6. Mai bis zum 4. Juni den Fastenmonat Ramadan begangen. Warum lohnt es sich für Christen, etwas über diesen besonderen Monat der Muslime zu wissen?

Dr. Reinhold Strähler: Zunächst einmal, weil hier in Deutschland viele Muslime leben und von daher auch Nichtmuslime in irgendeiner Weise mit dem Fastenmonat konfrontiert werden, indem ihre Nachbarn, Arbeitskollegen oder Freunde davon erzählen. Zum anderen gibt es offizielle Grußbotschaften von den Kirchen oder von örtlichen Verantwortlichen, was zeigt, dass der Ramadan in der deutschen Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Christen, die im Kontakt mit Muslimen stehen und Freundschaften pflegen, merken außerdem, dass ihre Freunde in diesem Monat ganz stark von diesem Fasten geprägt sind. Von daher interessiert es sie natürlich auch, was ihre Freunde in dieser Zeit bewegt. Ein weiteres Anliegen ist es, dass wir als Christen ganz besonders in dieser Zeit, wo Muslime sich auf Gott konzentrieren und fasten, für Muslime beten. Es gibt die Gebetsinitiative „30 Tage Gebet für die islamische Welt“, die dazu konkret anleitet.
 

ERF Medien: Trotz dieser guten Gründe könnte man skeptisch fragen, ob man als Christ damit dem Ramadan nicht eine zu große Bedeutung beimisst. Können Sie verstehen, wenn jemand solche Bedenken hat?

Dr. Reinhold Strähler: Ich denke, es geht darum ein Missverständnis aufzuklären. Wenn wir Christen einladen, während des Ramadan für Muslime zu beten, dann hat das nichts damit zu tun, dass wir uns hinter das Anliegen des Ramadan stellen oder dass wir andere ermutigen, sich am Ramadan zu beteiligen. Es geht darum, wahrzunehmen, was Muslime prägt, was für sie in dieser Zeit wichtig ist und wie wir in einer geistlichen Weise darauf reagieren können. Man muss den Ramadan nicht gut finden oder davon begeistert sein und trotzdem lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob wir als Christen nicht in dieser Zeit für Muslime beten sollten.
 

ERF Medien: Muslimen gilt der Ramadan als „die Königin unter den verbleibenden elf Monaten des Jahres“. Was macht diesen Monat für Muslime so besonders?

Dr. Reinhold Strähler: Der Ramadan ist ein großer Höhepunkt im Leben der Muslime. Zum einen hebt er sich dadurch von den andern Monaten ab, dass der Tagesablauf in vielen Ländern, in denen mehrheitlich Muslime  leben, ganz anders ist. Viele Aktivitäten werden auf den späten Abend oder die Nacht verlegt. Veranstaltungen oder Treffen legt man auf den Abend, wenn die Leute wieder gestärkt sind und sich konzentrieren können. Zum anderen erzeugt das gemeinsame Fasten der ganzen islamischen Gemeinschaft weltweit einen unglaublichen Zusammenhalt. Dazu kommt die geistliche Bedeutung des Ramadan. Muslime gehen davon aus, dass das Fasten im Ramadan nach dem Zeugnis des Koran Sünden vergebende Wirkung hat. Muslime glauben, dass aus diesem Monat in einem Maß ein Segen kommt, wie das in den anderen Monaten nicht der Fall ist.
 

ERF Medien: Können Sie kurz beschreiben, wie ein typischer Fastentag im Ramadan abläuft?

Dr. Reinhold Strähler: Das Fasten im Ramadan bedeutet, dass Gläubige von Beginn der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang nichts essen, nichts trinken, keinen Geschlechtsverkehr haben und nicht rauchen. In den meisten Familien weckt die Mutter die Familie vor der Morgendämmerung, und dann nimmt man eine kleine Mahlzeit ein, die letzte Mahlzeit für den Tag. Danach legt man sich nochmal hin, wenn man das kann, und geht dann seiner normalen Arbeit nach. Dann wartet man gespannt auf den Zeitpunkt, wo die Sonne untergeht und man das Fasten brechen darf. Wenn das Zeichen zum Fastenbrechen kommt, wird der Abend fröhlich verbracht und man genießt, was man essen darf. Viele gehen in die Moscheen, denn zum Ramadan gehört es auch, dass man während des Tages vermehrt Gebete spricht und verstärkt im Koran liest. Deswegen gehen viele abends zum gemeinschaftlichen Gebet in die Moschee, um mit den anderen gemeinsam zu beten.

ERF Medien: Für Christen bedeutet Fasten in der Regel, dass sie nicht nur tagsüber auf Essen verzichten, sondern auch in der Nacht. Die Andersartigkeit des muslimischen Fastens macht deswegen vielleicht den Eindruck, dass es gar kein richtiges Fasten ist. Wie schätzen Sie das ein?

Dr. Reinhold Strähler: Was wäre der Maßstab für ein richtiges Fasten? Es gibt in der Bibel keine konkrete Anweisung, wie gefastet werden soll: ob man 24, 36 oder 48 Stunden am Stück nichts essen oder nichts trinken darf. Wir wissen, dass Menschen zur Zeit des Alten und des Neuen Testamentes gefastet haben. Jesus selbst hat gefastet und ist davon ausgegangen, dass seine Jünger das später ebenfalls tun werden (Matthäus 9,14-15). Aber wie sie fasten werden, dazu hat sich Jesus nicht ausgelassen. Ihm war die innere Haltung dabei wichtig (Matthäus 6,16-18). Aber ob man nur auf bestimmte Speisen verzichtet, oder ob man für eine bestimmte Zeit ganz auf Essen verzichtet oder auf Essen und Trinken zusammen – dazu gibt es keine genaue Aussage in der Bibel.

Deswegen würde ich nicht sagen, dass die Art, wie Muslime fasten, kein richtiges Fasten ist. Von der Ernsthaftigkeit, mit der muslimische Gläubige fasten, muss man schon sagen: Es ist eine unwahrscheinliche Leistung 30 Tage lang, jeden Tag von morgens bis abends nichts zu essen und zu trinken. Ich habe das mal eine Zeitlang probiert und mit meinen muslimischen Freunden mitgefastet. Gerade als Christen tendieren wir manchmal dazu, das Fasten der Muslime geringzuschätzen, weil wir von der Freiheit leben und uns grundsätzlich schwer tun mit religiösen Pflichten. Wir sind aber als Christen aufgerufen, ebenfalls zu fasten. Das ist zwar keine Pflicht nach dem Neuen Testament, aber es wird ganz selbstverständlich an verschiedenen Stellen erwähnt. Von daher können wir das Fasten der Muslime auch als Anfrage an uns nehmen, ob wir nicht neu über unsere eigene Fastenpraxis nachdenken sollten.
 

ERF Medien: Es kommt oft der Vorwurf, dass es nicht gesund sein kann, den ganzen Tag nichts zu trinken, zumal viele Muslime in Ländern leben, in denen es heißer ist, als bei uns.

Dr. Reinhold Strähler: Man kann aus medizinischer Sicht natürlich sagen, dass das Fasten für Jugendliche oder Frauen in der Schwangerschaft und für Ältere nicht gesundheitsfördernd ist. Auf der anderen Seite ist das Fasten eine religiöse Vorschrift und keine gesundheitliche Übung. Wenn man abends und nachts genügend trinkt, kann der Körper das auch aushalten, tagsüber keine Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Kinder ab der Pubertät werden angehalten mitzufasten, so gut sie das können. Oft probieren Jugendliche es für ein paar Tage aus und fasten von Jahr zu Jahr etwas mehr. Jüngere Kinder müssen grundsätzlich nicht fasten. Schwangere, Reisende oder Kranke sind vom Fasten ausgenommen. Sie müssen dann als Ersatz entweder Almosen geben, also Bedürftige unterstützen oder sie speisen, oder das Fasten später nachholen.
 

ERF Medien: Der Ramadan gehört für Muslime nicht nur zu den sogenannten fünf Pfeilern des Islam, die jeder Gläubige erfüllen sollte, sondern ist für viele eine Zeit, in der sie intensiv den Koran lesen, karitativ tätig sind, Gemeinschaft pflegen und Gott suchen. Wie kann ich als Christ die Motivation für diesen Monat besser verstehen oder einordnen?

Dr. Reinhold Strähler: Für mich als Christ sind zwei Dinge wichtig. Auf der einen Seite bin ich beeindruckt von der Ernsthaftigkeit, mit der meine muslimische Freunde versuchen, Gott zu gefallen und die Vorschriften umzusetzen, die sie im Koran als Gott gegeben wahrnehmen. Das hinterfragt meinen Glauben und ob ich selbst bereit bin, mich so einzusetzen und das zu tun, von dem ich überzeugt bin, dass es Gott gefällt.

Auf der anderen Seite bin ich natürlich auch in gewisser Weise kritisch, weil ich als Christ den Ansatz ablehne, dass ich mir mit dem Fasten die Gunst Gottes verdienen kann. Die Bibel unterstützt das Denken nicht, dass ich etwas tue, was Gott beeindruckt, so dass er mir dann meine Schuld vergibt. Nach christlichem Verständnis bietet uns Gott seine Vergebung durch das an, was Jesus Christus für uns Menschen getan hat. Das ist auch ein Punkt, wo wir als Christen das Gespräch mit muslimischen Freunden suchen sollten. Wenn es sich ergibt, kann ich meinen muslimischen Freund fragen: Wie empfindest Du das, wenn Du fastet? Wie denkst Du, dass Gott darauf reagiert? Warum kann etwas Falsches dadurch wieder gut gemacht werden, indem man auf Essen und Trinken verzichtet? Wo ist da der Zusammenhang? Wie viele Tage muss ich fasten, um welche Schuld wiedergutmachen zu können? Es geht nicht darum, zu kritisieren, sondern einfach die muslimische Bedeutung des Fastens zu hinterfragen, wenn sich die Gelegenheit ergibt.
 

ERF Medien: Die Bibel betont immer wieder, dass Gott sich von den Menschen finden lässt, die aufrichtig nach ihm suchen. Das trifft auf viele Muslime zu, auch wenn sie Gott natürlich im Rahmen und unter den Glaubensvoraussetzungen des Islam suchen. Begegnen Gott-Vater und Jesus Christus, wie wir sie als Christen bezeugen, muslimischen Gläubigen in dieser Zeit des Fastens und wenn ja, wie?

Dr. Reinhold Strähler: Auf jeden Fall wendet sich Gott Menschen zu, die ihn suchen - ganz egal, ob ihre Vorstellung von Gott dem entspricht, was die Bibel von Gott sagt oder nicht. Wir wissen aus vielen Berichten aus Ländern der islamischen Welt, dass Muslime Träume oder Visionen von Jesus haben und in irgendeiner Weise auf Jesus aufmerksam werden. Sie fangen an, in der Bibel zu lesen oder Kontakt mit Christen zu suchen und kommen in einem Prozess Jesus Schritt für Schritt näher und entscheiden sich dann irgendwann dafür, Jesus nachzufolgen. Ob das gerade im Ramadan angefangen hat oder in einer anderen Zeit, das ist eigentlich unerheblich. Aber dass Gott sich Muslimen zuwendet und sich ihnen offenbart, das ist bestätigt. Das ist auch ein Anliegen der Gebetsaktion „30 Tage Gebet für die islamische Welt“. Als Christen sind wir überzeugt, dass wir Menschen nur durch den Glauben an Jesus Christus und an das, was er für uns getan hat, eine Verbindung zu Gott bekommen. Von daher ist es uns ein Anliegen, für Muslime zu beten, dass sie diese Erfahrung machen. Wir gehen als Christen davon aus, dass der Weg, den der Koran beschreibt, nicht wirklich zu einer Verbindung mit Gott führt und zum Heil, das Gott schenkt. Deswegen wünschen wir uns, dass Muslime Jesus begegnen. Dafür beten wir.

Auf jeden Fall wendet sich Gott Menschen zu, die ihn suchen - ganz egal, ob ihre Vorstellung von Gott dem entspricht, was die Bibel von Gott sagt oder nicht.  – Dr. Reinhold Strähler

 

ERF Medien: Der Ramadan endet mit dem Fest des Fastenbrechens, auf Türkisch auch „Zuckerfest“ genannt. An diesem Tag gibt es besondere Gebete und Ansprachen und vor allem besucht man sich gegenseitig und feiert mehrere Tage gemeinsam. Eine Art Familienfest, wie wir es auch von unseren christlichen Feiertagen kennen. Wie kann ich mich an diesem besonderen Tag muslimischen Mitbürgern gegenüber verhalten und gibt es Dinge, die ich beachten sollte, wenn ich zum Mitfeiern und Fastenbrechen eingeladen werde?

Dr. Reinhold Strähler: Als Christen wollen wir uns auf der einen Seite nicht mit dem geistlichen Anliegen des Ramadan identifizieren, dass durch dieses Fasten Sünden vergeben werden können. Aber auf der anderen Seite können wir unseren Freunden gegenüber Sympathie ausdrücken, und das kann geschehen, indem man seine Freunde entweder besucht oder sie einfach mit einem Telefonanruf oder einer WhatsApp - Nachricht grüßt. Man kann zum Beispiel sagen: „Herzlichen Glückwunsch zu eurem Feiertag! Ich freue mich, dass ihr heute feiern könnt!“ Das ist ungefähr so, wie wenn Muslime uns als Christen zu Weihnachten „Frohe Weihnachten!“ wünschen. Damit stellen sich Muslime auch nicht hinter all das, was wir theologisch unter Weihnachten verstehen. Aber sie freuen sich mit uns, dass wir dieses große Fest haben und gratulieren uns dazu. In dieser Weise können wir auch ihnen gratulieren.
 

ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch!


Dr. Reinhold Strähler über den islamischen Fastenmonat Ramadan. (Foto: Ruben Moratz)

 

Dr. (Unisa) Reinhold Strähler arbeitet als Theologischer Referent bei der Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten (EMO) in Wiesbaden und setzt sich für die Arbeit mit Migranten und Flüchtlingen ein. Als Vorsitzender des Arbeitskreises Islam der Deutschen Evangelischen Allianz leitet er den Redaktionskreis für die deutschsprachige Ausgabe des Gebetsheftes „30 Tage Gebet für die islamische Welt“


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Kommentare

Von Tomas aus Mähren am .

Ich möchte nur hervorheben, dass ich im persönlichen Leben lauter netten und lieben Muslimen begegnet bin. (Dasselbe gilt übrigens auch für die hierzulande geringgeschätzten Roma, alle die ich kenne, widersprechen mit ihrem Leben regelrecht den Vorurteilen.) Irgendwie passt meine persönliche Erfahrung weder zu meiner Überzeugung noch zu dem, was man von den Medien, Nichtmuslimen, von der Theologie usw. vermittelt bekommt. Anscheinend ist das Leben so vielfältig, dass es sich in keine Wertevorstellungen, Überzeugungen usw. zwingen lässt.


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