Kommentar

Schöne neue Welt?

Das Genome Engineering macht Menschenzucht möglich

Der dystopische Roman „Schöne neue Welt“ gehört in vielen Schulen zur Pflichtlektüre. Der Autor Aldous Huxley beschreibt darin eine Gesellschaft, in der Stabilität, Frieden und Gerechtigkeit zu existieren scheinen. Das alles geschieht aber zu einem hohen Preis. Denn die Menschen werden mithilfe künstlicher Fortpflanzung, Konditionierung und Indoktrination zu perfekt funktionierenden Teilen eines Kastenwesens herangezüchtet. Damals erschien solch eine Vision als völlig illusorisch.

Seit ein paar Tagen erscheint die Vorstellung von der Züchtung von Menschen alles andere als unrealistisch. Fortschritte in der Genetik erlauben so präzise Eingriffe in die Bausteine des menschlichen Lebens wie nie zuvor. Das am Reißbrett entworfene Kind scheint bald möglich zu sein, denn mithilfe der drei neuen Techniken Zinkfingernuklease, CRISPR-Cas9 sowie TALEN können erstmals ganz gezielt Gene bearbeitet werden. Mit geradezu spielerischer Leichtigkeit lässt sich mittlerweile sogar das menschliche Genom verändern. Biochemikerin Jennifer Doudna von der University of Berkeley sagt: „Die Einfachheit der Methode erlaubt es jedem Wissenschaftler mit molekularbiologischen Kenntnissen Genome zu verändern und Experimente durchzuführen, die zuvor schwierig oder gar unmöglich gewesen wären.“ Biomechaniker und Biotech-Unternehmer Edward Lanphier äußerte im ebenfalls angesehenen Nature-Magazin: „Es ist anzunehmen, dass in Kürze Studien zur Veränderung der DNA in menschlichen Embryonen mit den Werkzeigen des Genome Engineering (Genmanipulation oder Bearbeitung der Gene) veröffentlicht werden.“ Die Manipulation von Embryonen rückt also in greifbare Nähe.

Es lockt die Kontrolle der menschlichen Evolution

Wie bei den meisten neuen Errungenschaften sind diese zunächst ethisch wertneutral. Die Entdeckung der Kernenergie zum Beispiel war weder gut noch böse. Auch ihre Anwendungsmöglichkeiten sind noch nicht per se moralisch gut oder schlecht. Die Frage nach der Moral stellt sich im konkreten Fall. Da die neuen Techniken, derart saubere Schnitte im Erbgut erlauben, scheinen bis vor kurzem unvorstellbare Therapien greifbar. Mithilfe der Zinkfingernuklease beispielsweise sollen die entscheidenden Eintrittspforten des HI-Virus auf den Zielzellen des Patienten so verändert werden, dass der Aids-Erreger gar nicht mehr in die Zellen hineingelangen kann. Auch Alzheimer oder die Mukoviszidose sollen durch die neuen Techniken therapierbar sein. Gleichzeitig könnte man aber die gleiche Technik nutzen, um daraus tödliche Biowaffen herzustellen. Die Manipulation des Erbguts könnte sich so als sprichwörtliche Büchse der Pandora entpuppen.

Es liegt in der Natur des Menschen, wie Gott sein zu wollen. Kein Wunder, dass schon erste Wissenschaftler darüber nachdenken, menschliche Embryos, Eizellen oder Spermien zu verändern. Ein Eingriff auf dieser Ebene hätte Konsequenzen für sämtliche folgenden Generationen. Denn die Veränderung des Erbguts wirkt sich auf die sogenannte Keimbahn aus. Dort vorgenommene Veränderungen enden nie – sie sind unsterblich. Diese Art von Eingriffen können also ganz real das Schicksal beziehungsweise die Zukunft der Menschheit verändern. Damit rückt dann auch die Kontrolle der menschlichen Evolution erschreckend nahe. Dass der Mensch an sich solch „verlockenden“ Möglichkeiten nicht widersteht, zeigt schon ein Blick in die Geschichte. Immer wieder haben die Menschen versucht, Gott zu spielen. Dieser Wunsch – und der Zweifel, dass uns die göttlichen Grenzen zum Schutz dienen sollen – ist die Wurzel der Trennung zwischen Mensch und Gott. Vermutlich laufen irgendwo auf der Welt schon die ersten Versuche, den genetisch optimierten „Supermenschen“ durch Genome Engineering zu erschaffen.

Wer ist der Mensch und welche Macht sollte er ausüben?

Nicht alles, was man tun kann, sollte man auch tun. Immer, wenn der Mensch Gott spielen wollte, ist das grandios nach hinten losgegangen. Im Alten Testament wird die Geschichte vom Turmbau zu Babel überliefert. Dort heißt es, dass die Menschen einen Turm bauen wollten, der bis zum Himmel reicht: „ein Denkmal unserer Erhabenheit“ wie es die Neues Leben Bibel in 1. Mose 11,4 übersetzt. Gott beschließt einzugreifen, da den Menschen sonst „nichts unmöglich sein wird, was sie sich vornehmen.“ (1. Mo 11, 6) Diese Hybris ist heute genauso aktuell wie damals. Doch nicht ohne Grund differenziert die Bibel zwischen Geschöpf und Schöpfer. Gott hat eine gute Ordnung geschaffen. Immer wieder zeigt sich, dass menschliches Eingreifen mehr Probleme schafft als es löst.

Den führenden Wissenschaftlern auf diesem Gebiet ist das schon bewusst, während die Kirchen noch den Schlaf der Ahnungslosen schlafen. Weihbischof Losinger von der Katholischen Kirche beispielsweise hält es bisher nicht für notwendig, über diese neuen Erkenntnisse zu sprechen. Ganz anders – und wohltuend – die Forscher um Jennifer Doudna. Sie haben sich vor kurzem über die Möglichkeiten der neuen Technik ausgetauscht – und dabei erhebliche Zweifel geäußert. Und nicht nur das – sie lassen ihren Gedanken auch Taten folgen. Im Wissenschaftsmagazin Science haben sie sich dafür ausgesprochen, diese neue Technik nicht zuzulassen. Sie fordern gar ein Moratorium. Dass Wissenschaftler sich selbst Schranken auferlegen, ist äußerst selten. In der modernen Forschung ist dies erst viermal der Fall gewesen. Dass sie im Fall des Genome Engineering ein Moratorium fordern, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Traurig, dass die Kirchen vor sich hin dämmern, statt sich offensiv zu positionieren.

Forscherin Jennifer Doudna stellt fest, dass es auf die Frage hinausläuft, „wer wir als Menschen sind und ob der Mensch diese Art der Macht ausüben sollte.“ Als Christ ist die Antwort auf diese Frage eindeutig. Es steht uns nicht zu, in den autonomen Schöpfungsakt dergestalt einzugreifen. Es gibt Grenzen, die wir nicht überschreiten sollten. Im Fall des Genome Engineering sind diese Grenzen eindeutig: Finger weg vom menschlichen Erbgut! 


Kommentare

Von Dorena am .

Danke, der Beitrag ist sehr gut verständlich geschrieben und das Thema geht uns alle an.
Keiner leidet gern und greift daher im Fall einer Krankheit nach jedem sich bietenden Strohhalm. Von einem Schicksal, dass man akzeptieren muss, ist in der Öffentlichkeit selten die Rede. Gut, dass die Wissenschaftler sich der Gefahren bewusst sind.
Gruss Dorena

Von Margit am .

Vielen Dank für diese Info. Man sollte dies viel mehr bekannt machen. Die Wissenschaft wurde anfangs gegründet, weil man beweisen wollte, dass es Gott nicht gibt.
Herzliche Grüße

Von maite am .

danke für diesen spannenden und gut geschriebenen beitrag. klasse, dass auch solche themen bei erf zu wort kommen. ein angebot weiterführender links wäre noch schön. liebe grüße


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