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15.01.2022 / Porträt / Lesezeit: ~ 3 min

Autor/-in: Lothar Rühl

Pastor Markus Neitzel in der Sportschau

Kobayashis deutsche Stimme kommt aus Hüttenberg.


Hüttenberg. Ein evangelikaler Pastor hat es wegen der Vierschanzentournee in die ARD-Sendung Sportschau und weltweit ins Fernsehen geschafft. Doch Markus Neitzel aus Hüttenberg bei Wetzlar gehört nicht zu den Stars der Skispringerszene. Der 62-Jährige hat ehrenamtlich als Übersetzer für das japanische Team um den Gesamtsieger Ryoyu Kobayashi (25) gearbeitet. Neitzel ist Mitarbeiter des Missionswerks OMF Deutschland im oberhessischen Mücke.

Zusammen mit seiner Frau Conny war er von 1987 bis 2000 im Land der aufgehenden Sonne als Missionar tätig. In dieser Zeit gründete er auf Einladung der evangelischen Kirche Japans fünf neue Gemeinden. Nach einem einjährigen Sprachstudium in England hatte ihr gemeinsamer Dienst sie nach Sapporo sowie in andere Städte auf Hokkaido, der Insel im Norden Japans.

Seit 2001 ist Neitzel als Missionar unter Japanern in Deutschland aktiv. Unter anderem betreut er als Pastor eine japanische Gemeinde im Rhein-Main-Gebiet. Von 2001 bis 2003 arbeitete er zudem für eine japanische Fluggesellschaft am Check-in-Schalter am Flughafen Frankfurt. Seitdem kennt er Sportler und Trainer des japanischen Teams. „Ich habe damals auch Noriaki Kasai und Hideharu Miyahira, der mittlerweile der japanische Trainer ist, von Frankfurt nach Tokio eingecheckt", erzählt der Hüttenberger.

Von 2003 bis 2013 war Neitzel Pastor der Evangelischen Gesellschaft in Deutschland im Bezirk Hüttenberg.

In den letzten Tagen gehörte der Japaner Kobayashi zu den begehrtesten Interviewpartnern bei den internationalen Medien, immer mit Neitzel als Übersetzer an seiner Seite. ARD, ZDF, ORF, Eurosport, Sky und das polnische Fernsehen waren täglich präsent und wollten etwas aus dem Mund des Japaners erhaschen, das Neitzel dann in Deutsch wiedergab.

„Ich bin dankbar, dass Markus da ist und dass er für mich übersetzt“, erzählte Kobayashi im Sportschau-Interview. Inzwischen ist ein besonderes Vertrauensverhältnis entstanden, das er und sein Dolmetscher haben. Neitzel hat den Skistar auch bei der Dopingkontrolle und bei der Medaillenübergabe begleitet, war während des Trainings und auch bei den Springen nahe dabei.

Sein ertster Dolmetscher-Einsatz bei den Skispringern ergab sich eher spontan. Das war 2013 bei einem Besuch seiner Eltern in Schopfheim im Schwarzwald. Das Sommerskispringen in Hinterzarten gewannen die Japaner rund um Noriaki Kasai und Sara Takanashi. Interviews mit den Gewinnern konnte aber niemand machen wegen der Sprachbarriere. Neitzel bekam das mit und meldete sich.

„Ich bin als Zuschauer zum Springen gegangen und dann durfte ich vorne bei der Siegerehrung dabei sein, das war schon interessant." Seine erste Vierschanzentournee als Übersetzer für das japanische Team erlebte Neitzel in der Saison 2018/2019 als Volunteer, also als Freiwilliger. Neitzel hatte dem Pressesprecher der Vier-Schanzentournee Ingo Jessen gesagt, wenn er gebraucht werde, könne man sich an ihn wenden.

Jessen konnte den Dolmetscher am Startort der Reise zu den vier Schanzen sehr gut gebrauchen. Denn unter den fast 70 Skispringern aus 17 Nationen befand sich in Oberstdorf jener Japaner, der die Öffentlichkeit auf sich zog.

Auch damals dominierte Kobayashi die Skisprung-Szene, gewann alle vier Tournee-Springen und wurde Gesamtsieger. Das entscheidende Springen in Bischofshofen konnte der Hüttenberger allerdings nicht vor Ort miterleben, weil er in Frankfurt einen Gottesdienst in japanischer Sprache hatte. „Die Arbeit als Pastor geht vor", kommentiert Neitzel.

In den letzten Tagen hat ihn seine Ehefrau Conny begleitet, auch in den Zugangsbereich der Übersetzer. „Für Sportler und Begleiter keine einfache Zeit, denn es geht in wenigen Tag an vier Orte und in vier verschiedene Hotels“. Zum Glück konnte er dieses Mal Silvester gemeinsam mit seiner Frau feiern. Der Jahreswechsel 2018/2019 sei für ihn ein sehr einsamer gewesen, weil er in fremder Umgebung mit wenig Hotelpersonal feiern musste, erinnert sich Neitzel. Nicht nur Kobayashi hat er nach den Qualifikationen und den Springen übersetzt. Auch dessen japanischer Kollege Naoki Nakamura, der Platz 28 erreichte, bedurfte der Hilfe des Pastors.

Über seine Zusammenarbeit mit Kobayashi sagt er, dass der Japaner offener auf die Fragen der Journalisten eingegangen ist, mehr als nur wenige Worte formulierte. Erstmals habe der sich getraut, in Englisch gestellte Fragen auch in englischer Sprache zu beantworten. Überhaupt habe der Skispringer aus Japan sich den europäischen Gepflogenheiten stärker angepasst. So hat er ganz selbstverständlich die deutschen und österreichischen Springer umarmt, eine Geste, die in Japan als No-Go gilt, meint Neitzel.

Die gesamt Vierschanzentournee sieht Neitzel zwiespältig. „Ohne Zuschauer ist das eine traurige Sache“. Hatten früher in Oberstdorf 2000 Besucher die Sportler angefeuert, so waren es dieses Mal etwa 50 Helfer, die an der Piste standen. Den fünften Platz beim letzten Springen von Kobayashi kommentiert Neitzel so: „Anfangs war er ganz ruhig. Doch zuletzt war ein hoher Druck da und er wirkte aufgeregt“.

Wird der Hüttenberger, der diesen Einsatz ehrenamtlich geleistet hat, in Zukunft überflüssig für Kobayashi, wenn dieser sein Englisch verbessert? „Ich bin froh, wenn ich nicht mehr gebraucht werde“, antwortet der Pastor darauf.

 Lothar Rühl

Lothar Rühl

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