„Gratulation oder Beileid?“ Diese Frage ereilt mich in den letzten Monaten öfter. Dankenswerterweise meist mit einem Augenzwinkern. Denn im August 2025 bin ich systembedingt in die „Regelaltersrente“ gerutscht, ganz automatisch.
Die meisten, die ich treffe, assoziieren damit immerhin noch den Begriff „Ruhestand“. Das klingt freundlicher und souveräner. Das Wort „Rentner“ müffelt für mich immer ein bisschen. Für andere ist das anders: Ich erinnere mich noch gut an eine pfiffige Ex-Kollegin, die mir schon vor Jahren wie ein Verkündigungsengel zurief: „Andreas, werde Rentner! Ich genieße das richtig.“
In diesem Moment wollte ich genau das, was sie hatte – endlich raus aus dem Hamsterrad. Denn neben Spaß und sinnstiftender Erfüllung war im Beruf natürlich auch ganz viel Zwang und Druck dabei.
Ehrliche Debatte über das Alter gefragt
Das hört derzeit mit dem Eintritt in die Regelaltersrente bedauerlicherweise aber nicht auf, sondern wird von außen an uns „Boomer“ unüberhörbar herangetragen. Einerseits sollen wir in der Arbeitswelt endlich Platz machen für die Jüngeren. Andererseits sollen wir aber bitte weiterarbeiten, um die nachfolgenden Generationen finanziell nicht zu belasten. Nicht wenige Rentner müssen sogar weiterarbeiten, selbst wenn sie eigentlich nicht mehr können. Weil die Rente auf die Dauer nicht reicht.
Wer heute 60 ist, muss damit rechnen, 90 zu werden. Das ist eine lange Zeit, quasi noch mal ein halbes Leben „on top“.
Ein riesiges Dilemma, eine riesige Herausforderung, die auf alle Generationen zurollt. Auch als Betroffener sage ich: Das muss diskutiert werden. Gerne in einer leidenschaftlichen Debatte, aber bitte ohne Stigmatisierung und verhärtete Fronten. Fakt ist: Wer heute 60 ist, muss damit rechnen, 90 zu werden. Das ist eine lange Zeit, quasi noch mal ein halbes Leben „on top“.
Eine bewusste Planung ist unerlässlich
Mir schwante schon vor Jahren, dass dieses weitere Stück Leben bewusst geplant werden will. „Mir wird schon nicht langweilig werden“ – das erschien mir als Basis für weitere 30 Jahre gedeihliche Lebensplanung zu dünn. So habe ich mich daher schon vor einigen Jahren gefragt: Wer und was will ich zukünftig sein? Was ist künftig meine Berufung? Was kann ich, was geht noch, was mag ich noch mal neu dazulernen, was kann ich weiterhin beitragen, aber was auch nicht? Ein Frageprozess, der sich mit schwindenden Kräften in dieser Lebensphase öfter wiederholen wird. Da bin ich ganz realistisch.
Wer und was will ich zukünftig sein? Was ist künftig meine Berufung? Was kann ich, was mag ich noch mal neu dazulernen, was kann ich weiterhin beitragen, aber was auch nicht?
Als Christ sehe ich das Leben als Geschenk Gottes. Darüber freue ich mich. Ich will aber auch angemessen damit umgehen – nicht durch hektische Aktivität und verkrampfte Planübererfüllung, sondern ganz entspannt.
Dazu gibt es ein wunderbares Bild in der Bibel. Ich habe es in Psalm 23 gefunden, mit dem ich mich in letzter Zeit öfter beschäftigt habe. Psalm 23 beginnt mit einer Pause: Gott nährt mich auf einer grünen Aue und tränkt mich mit frischem Wasser. Erst dann geht es im Psalmtext durch dunkle Täler und die Konfrontation mit Feinden; in meine Situation übersetzt sind das die unangenehmen Herausforderungen des Lebens.
An vorhandene Gaben anknüpfen
Das Schöne für mich ist, dass ich mein Leben mit dem Eintritt in die Rente gar nicht neu erfinden musste, sondern ähnlich wie ein Selbstständiger einfach weitermachen kann – als Journalist, Sprecher und Autor. Nicht mehr im Angestelltenverhältnis, aber dafür als „Frei“-Berufler.
So moderiere weiterhin ab und an auf ERF Plus Sendungen in der Reihe „Das Gespräch“, in Hörspielen leihe ich verschiedenen Figuren meine Stimme. Als Autor mit eigenen Beiträgen und mit Auftragstexten gibt es immer etwas zu tun und im „Netzwerk Journalismus“ zur Ausbildungsförderung junger Nachwuchskräfte bin ich weiterhin gerne dabei.
Gleichzeitig ist aber tatsächlich endlich mehr Zeit für Muße.
Einfach mal gemeinsam mit der Katze meines Enkels den Regen am geöffneten Fenster erschnuppern, mich auf den Feldern bewusst in das Rauschen des Windes stellen, die Jahreszeiten intensiv erleben – dafür habe ich mir früher oft zu wenig Zeit genommen.
Tägliches Training für Kopf, Körper und Geist gehören aber auch dazu. Daher habe ich mir ein Brasilien Jiu Jitsu-Training verordnet. Hier stehe ich als „Grandpa“ bewusst als Anfänger auf der Matte. Das macht frisch und bescheiden.
Die Herausforderung bleibt
Also alles „easy“ und lässig auf meinem Weg durch die dritte Lebensphase? Nein. Geistlich bleibt für mich die Endlichkeit – die Spanne zwischen Werden und Vergehen – eine Herausforderung. Am Schluss könnten Tage kommen, die mir nicht gefallen, wie es in Prediger 12,1 heißt.
Als Spross einer ewig jungen Leistungsgesellschaft muss ich hart daran kauen, dass irgendwann meine körperlichen und geistigen Kräfte schwinden werden.
Als gläubiger Mensch bin ich froh, dass ich nicht unter dem Druck eines vergeblichen Selbsterlösungszwangs stehe. Ich kann Werden und Vergehen aus Gottes Hand nehmen und weiß, dass das irdische Leben nur die Vorstufe zum ewigen Leben darstellt.
Bis dahin hat Gott mir aber noch Erlebnis- und Gestaltungsspielraum geschenkt; er allein weiß, wieviel und wie lange. Diesen Spielraum möchte ich gerne aus seiner Hand nehmen. Ich will die kommenden Jahre mit meiner Frau, meiner Familie und mit Freunden teilen und genießen – und mich zudem gerne dort einbringen, wo es mir Spaß macht, wo ich gebraucht werde, wo ich meine Berufung sehe und wo es meine jeweils aktuellen Möglichkeiten zulassen.
Ihr Kommentar
Kommentare (2)
Lieber Andreas, ich bin jetzt exakt ein Jahr Rentner. Und auch ich habe versucht, die Zeit, vorher, zu verplanen. Endlich Zeit, meine Modelleisenbahn weiter zu ertüchtigen, jeden Tag so eine oder … mehrzwei Stunden im Garten ein Buch lesen, viele Reisen (Kurzreisen Kirchentag o. ä.) zu machen. Doch außer dem Kirchentag in Hannover und der Teilnahme am 40. Jahrestreffens "meines" Oldtimerclubs hat nichts funktioniert. Aber ich wurde trotzdem beschenkt. Mit viel Zeit für meine vier Enkel. Alle anderen Ideen (s. oben) könnten ja in 2026 in Erfüllung gehen. Ob das klappt? Ich denke nicht *breitgrins* Mit ERFreulichen Grüßen, Gunnar aus Frankfurt a. M.
Hallo Herr Odrich, Glückwunsch zum Ruhestand ! In diesem befinde ich mich als frühpensionierter Beamter schon 13 Jahre, obwohl ich nur zwei Jahre älter bin als sie. Ihr Leitsatz finde ich … mehrinteressant. Was ich allerdings schade finde, dass so wenige ihrer Zunft gar nicht neugierig sind, wenn es um die Aufarbeitung der unsäglichen Lügen und der unzähligen Opfer der Lügenpandemie geht. Dass mit Lügen und politischem Druck, ohne Grundlagen von belastbaren Daten gearbeitet wurde, haben ja die freigeklagten RKI Protokolle gezeigt. Alle die an wirklicher Aufklärung interessiert sind, werden bis heute diffamiert und ausgegrenzt, als Rechte oder Nazis usw. Nun will und kann ich ihnen natürlich nicht vorschreiben auf was sie neugierig sein sollen, aber schade finde ich es schon, dass auch in christlichen Portalen wie ERF und PRO an Aufarbeitung kein Interesse besteht. Von einigen Ausnahmen mal abgesehen.