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08.07.2026 / Bericht / Lesezeit: ~ 10 min

Autor/-in: Annegret Schneider / Sonja Kilian

Kriegswirren, Wunder und Mut

Wie drei Menschen in der Ukraine zwischen Drohnenalarm, Familienalltag und Luftschutzbunker ihr Leben meistern.

Wenn frühmorgens, mitten in der Nacht oder während der Schulzeit der Kinder der Bombenalarm schrillt, dann macht dies etwas mit einem. Und doch ist dieser Ausnahmezustand für die Menschen in der Ukraine seit viereinhalb Jahren Realität. Wie schafft man es, mitten im Krieg als Familie seinen Alltag zu gestalten? Und wie kann man als Christ oder Christin in einer solch schwierigen Lage noch Hoffnung in seinem Umfeld verbreiten?

Anja, Alex und Ana und deren Familie
Mitte: Anja, Ana und Alex, außen Familie von Alex und Ana (Copyright: L. Remhof / ERF Medien e.V.)

Alexander, Anja und Ana wissen es. Die Mitarbeitenden von TWR Ukraine haben den ERF besucht und von ihrem Alltag  im Kriegsgebiet erzählt. Da ist Anja, deren Tochter als Neunjährige schon die Geschwindigkeit verschiedener Raketen kennt; Ana, die als junge Mutter ihr Leben trotz Krieg führen will und doch mit Angst und Panikattacken kämpft. Und Alexander, dem es als Leiter von TWR Ukraine wichtig ist, zu zeigen, wie Christen zu Hass stehen und wie man Hass überwinden kann.

Sie alle gestalten ihr Leben in der Ukraine unter herausfordernden Bedingungen und doch ist für sie klar, warum sie gerade als Christen dort gebraucht werden.
 

 

Alexander

Kein Morgen wie jeder andere

Es ist ein buchstäbliches Morgengrauen, als Alexander am 24 Februar 2022 feststellt, dass sich sein Land im Krieg befindet. Gegen 5 Uhr morgens wird der Leiter der christlichen Medienarbeit von TWR (Trans World Radio) in der Ukraine unsanft geweckt. Sein Land steht unter Beschuss. Eigentlich soll Alexander an diesem Tag in einer Bibelschule in der Nähe von Kiew unterrichten. Stattdessen ruft er telefonisch sein Team zusammen und trifft sich mit den Mitarbeitenden in seinem Keller.

Leid, Willkür, Tod und Verwüstung verändern ihrer aller Leben von einer Sekunde auf die andere, aber selbst ein halbes Jahr danach konnte Alexander noch nicht fassen, was da geschehen ist: „Du siehst die Realität, aber der Verstand ist blockiert.“

Gehen oder bleiben?

Zu Kriegsbeginn verlässt Alexander mit seinen Angehörigen für einen Monat Kiew. Dann kehren sie wieder zurück. Außer einem Sohn, der aus beruflichen Gründen schon vor dem Krieg in den USA wohnte, lebt die ganze Familie in der Ukraine. Der Krieg dauert an. Menschen in ihrem Familien- und Freundeskreis haben mittlerweile Angehörige verloren, andere sind verwundet oder traumatisiert.

Alexander und seine Familie teilen die Sorgen und Ängste dieser Menschen, die seit Kriegsbeginn allgegenwärtig sind. Alexander erinnert sich dabei immer wieder daran, dass auch Jesus im Garten Gethsemane große Angst aushalten musste. Dass er dabei sogar Blut und Wasser geschwitzt hat. Und dass Jesus sich in dieser notvollen Situation Gott, seinem Vater, anvertraut hat. „Genau das mache ich auch, wenn ich Angst bekomme“, sagt Alexander und fügt hinzu: „Das lehre ich auch meine Familie. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als damit zu Jesus zu gehen. Er gibt uns Frieden ins Herz. Danach verschwindet auch die Angst.“

Weil Alexander mit seinem Team den Menschen in der Ukraine Hoffnung und Orientierung geben will, machen sie Radioprogramme. Außerdem schult das Team Pastoren darin, wie man gut mit traumatisierten Menschen umgeht. Sie besuchen Gemeinden, geben Kurse und bieten Seminare an. Das ist auch notwendig, denn die Soldaten, die von der Front kommen, leiden meist unter PTBS, einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Obwohl er selbst nicht an der Front war, erlebt auch Alexander, dass der Krieg ihn verändert hat. Er sagt von sich selbst:

Inzwischen ist es so: Wenn ich ein lautes Geräusch höre – auch wenn ich hier bin und nicht in der Ukraine –, dann erschrecke ich. Das ist eine physische Auswirkung der Angst. – Alexander

Niemals den Hass regieren lassen

Doch Alexander, seine Familie und die Mitarbeitenden von TWR wollen in der Ukraine bleiben, sie wollen da arbeiten, wo Jesus sie hingestellt hat, weil dort Menschen sind, die sie brauchen. In ihren Programmen reagieren sie auf die Bedürfnisse der Menschen in der Ukraine, zum Beispiel mit Programmen wie „Study the Bible“. Die Reihe geht von Kapitel zu Kapitel durch die Bibel und bezieht die biblischen Inhalte auf den Alltag der Menschen in der Ukraine.

Zudem machen sie Podcasts, Audios und Videos, die authentische Erlebnisse von Menschen erzählen, die Schlimmes durchgemacht haben. Ein wichtiger Ansatz dabei ist zu zeigen, wie diese Menschen es mit der Hilfe von Jesus geschafft haben, mit Hass und Trauer umzugehen. Alexander erklärt: „Wir zeigen, wie wir als Christen und aus biblischer Sicht zu Hass stehen und dass wir uns nie mit Hass abfinden wollen.“

Seinen Herzenswunsch fasst Alexander folgendermaßen zusammen:

Mein tiefster Wunsch ist, dass wir eine Erweckung erleben. Dass Menschen ihre Herzen für Jesus öffnen. Das ist mein größter Wunsch. Damit alle Menschen, die etwas Schlimmes erlebt haben, dadurch zu Gott kommen. – Alexander

Alexander ist persönlich in Zusammenhang mit Krieg und Leid auch wichtig geworden, immer wieder den Zustand seines eigenen Herzens zu prüfen. Denn Wut und Hass machen nicht vor einem halt, nur weil man Christ ist. Er betet dazu mit den Worten aus Psalm 139: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege“ (Psalm 139,23-24).

Dieses Gebet ist für ihn sehr wichtig, denn er hat erkannt: „Du kannst schon in einer Minute in der Ewigkeit sein. Man muss bereit sein – jede Sekunde.“


 

 

Anja

Einschulung unter Sirenenalarm

Anja arbeitet ebenfalls bei TWR Ukraine. Ihre heute neunjährige Tochter ist in der dritten Klasse; sie kennt das Leben als Schülerin nur unter Kriegsbedingungen. Bereits ihre Einschulungsfeier musste aufgrund von Sirenenalarm abgebrochen werden. Doch weil es in ihrer Schule einen guten Luftschutzbunker gibt, kann Anjas Tochter die Schule besuchen. In anderen Gegenden der Ukraine ist das nicht möglich. Dort findet der Unterricht nur online statt.

Anja fasst die Situation und die Auswirkungen des Krieges auf den Alltag der Kinder knapp so zusammen: „Wenn es einen Alarm gibt, geht die ganze Klasse gemeinsam in den Luftschutzbunker. Die Kinder kennen mittlerweile die unterschiedlichen Typen von Raketen. Wenn es eine kleine Rakete ist, gehen sie relativ entspannt. Aber wenn sie merken, dass eine größere kommt, weinen die Kinder oder rufen sogar ihre Eltern an und wollen abgeholt werden.“

Meine Tochter ist neun Jahre alt. Sie kennt die Geschwindigkeiten von Raketen und ihre Größen. Das interessiert sie. Ich selbst habe in ihrem Alter noch mit Puppen gespielt. – Anja

Große Nöte, aber auch Wunder

Aber das ist Vergangenheit. Heute ist auch Anjas Leben geprägt von der täglichen Gefahr. Doch ihr Alltag geht weiter inmitten aller Schwierigkeiten. Anja gestaltet als Medienschaffende bei TWR Ukraine Podcasts für Frauen und koordiniert die Sendereihe „Women of Hope“. Außerdem kümmert sie sich auf YouTube um die Rückmeldungen der Hörerinnen.

Früher hat Anja sich für die Programme Themen ausgesucht, die sie selbst für wichtig hielt, doch mittlerweile orientiert sie sich vor allem an dem, was ihr die Frauen zurückmelden, und an den Fragen, die sie stellen. Es gibt jetzt spezielle Sendungen für Frauen, deren Männer im Krieg sind, und für Mütter, die ihren Kindern allein beistehen müssen.

Anja kennt das Bangen um Angehörige aus eigener Erfahrung. Ihr Bruder ist im Militärdienst und nur deswegen noch am Leben, weil er Gottes Stimme gehört hat und seine Mitfahrer warnen konnte, als sie gemeinsam im Auto unterwegs waren. Vor was, war ihm in der Situation selbst nicht klar, doch dann kam die Explosion, bei der alle verletzt wurden, aber überlebten.

Wie er Gottes Stimme gehört hat, dafür hat Anjas Bruder bis heute keine Erklärung. Doch er ist sich sicher, dass es Gottes Stimme war, die ihn gewarnt hat. Anja sagt: „Wir haben viel für ihn gebetet. Aber die anderen Soldaten glauben nicht an Gott. Die anderen wussten schon immer, dass mein Bruder gläubig ist, aber jetzt spüren sie die Auswirkungen im Alltag.“

Entscheidung zwischen Sicherheit und Berufung

Anja und ihre Familie beschlossen, überall, wo sie sind, etwas für die Ukraine zu tun. Zu Kriegsbeginn war Anja aufgrund von gesundheitlichen Problemen mit ihrer fünfjährigen Tochter dreieinhalb Monate in Deutschland. Selbst in dem kleinen Zimmer, das sie damals gemeinsam bewohnten, nahm Anja mit ihrem Handy Programme für die Reihe „Women of Hope“ auf: „Wir haben viele Aufnahmen gemacht, auch von anderen ukrainischen Frauen, die erzählt haben, wo sie sich gerade befinden und was sie erlebt haben. Kiew war zu dem Zeitpunkt ja besetzt und Frauen haben uns berichtet, wie sie das überlebt haben und was passiert ist.“

Anja und ihre Tochter hätten in Sicherheit in Deutschland bleiben können. Weil sie Psychologin ist, bekommt Anja sogar sehr schnell ein Jobangebot in der Flüchtlingsarbeit. Doch ihr Mann ist in der Ukraine geblieben. Er ist als Pastor nun allein für eine Gemeinde verantwortlich, weil sein Kollege an die Front musste. Auf einem Foto, das Anja von ihm erhält, sieht sie, wie 400 Menschen im Eingangsbereich ihrer Gemeinde stehen, in der normalerweise nur für 60 Personen Platz ist. Anja wird klar, dass es plötzlich sehr viele Menschen in der Ukraine gibt, die ihre Hilfe brauchen.

Auch Anjas Tochter bekommt mit, dass Anja ein Angebot vom deutschen Jobcenter bekommen hat und fragt sie, warum sie nicht zurück zu ihrem Papa fahren. Als Anja ihrer Tochter erklärt, dass sie in der Ukraine ständig beschossen werden würden und ihr Mann Angst um sie beide hat, antwortet ihre Tochter ohne Angst: „Wenn eine Rakete Papa trifft, werden wir ein Leben lang um ihn weinen. Wenn wir aber zusammen sind und eine Rakete uns alle trifft, sind wir alle zusammen im Himmel.“

Am nächsten Tag fahren die beiden zurück in ihre Heimat. Die Entscheidung ist gefallen. Anja sagt:

Ich denke manchmal: Ja, ich hätte meiner Tochter ein ruhigeres Leben bieten können. Aber ich glaube nicht an ein glückliches Leben ohne meinen Mann. Und ich glaube, dass Gott uns eine Berufung gegeben hat. Der will ich folgen. – Anja

 

Ana

Frauen in der Ukraine haben neue Herausforderungen

Ana ist als Tochter von Alexander quasi im Radiostudio aufgewachsen. Schon als Kind hat sie bei Aufnahmen mitgewirkt. Von jeher interessiert sie sich für Mikrofone, Fotos und Aufnahmen und so ist es nicht verwunderlich, dass sie sich heute als Teil des ukrainischen TWR-Teams bei YouTube, Instagram, TikTok und Facebook engagiert.

Als Medienschaffende weiß sie:

Es ist schwer geworden für uns. Frauen in der Ukraine müssen vieles neu lernen und machen, wobei ihnen früher die Männer geholfen hätten. Das müssen sie heute selbstständig tun. – Ana

Die Programme von TWR wollen die Frauen dabei unterstützen. Ana wüscht sich, dass die Frauen stark werden und bleiben. Sie spürt, dass sie warten und auf ein Leben nach dem Krieg hoffen.

Kinderwunsch und Panikattacke

Als sie heiraten, wollen Ana und ihr Mann am liebsten gleich ihr erstes Kind bekommen, wegen des Krieges schieben sie diesen Plan zunächst allerdings auf. Doch heute sagt Ana: „Mein Mann und ich, wir haben immer gedacht: Nach dem Krieg bekommen wir ein Kind. Aber wir müssen hier und jetzt leben.“ Ana und ihr Mann beschließen daher, das in ihrem Leben umzusetzen, was Jesus lehrt, und erkennen, dass sie lernen müssen, sich an dem zu freuen, was sie jetzt haben.

Mittlerweile haben sie einen Sohn und wünschen sich noch weitere Kinder. Ana und ihr Mann sind glückliche Eltern, aber gleichzeitig ist Angst ein ständiger Begleiter: „Wenn du bei zerstörten Häusern kleine Händchen und Füßchen irgendwo rausschauen siehst, dann macht das was mit dir. Ich bekomme Angst davor, dass ich mein Kind nicht gut beschütze, weil ich nicht mit ihm in ein sicheres Land fahre. Ich habe Angst, dass ich schuld daran bin, wenn meinem Kind etwas passiert.“

Ana weiß, wie sich eine Panikattacke anfühlt, wenn die Sorgen überhandnehmen. Dass die Angst sich schon in kleinen Kindern Bahn bricht, merkt sie an den Äußerungen ihres Sohnes:

Er sagt oft: „Mama, geh nicht raus.“ Weil er einen Beschuss befürchtet. Und er sagt auch: „Papa, geh nicht raus.“ Bevor er schlafen geht, möchte er ein Video schauen und ein Lied hören, das ihn beruhigt. – Ana

Scheinbar normale Dinge werden zum Segen

In einer Krise, so hat Ana in einem Buch gelesen, bemerkt man viele Details nicht, doch man sollte kleine Dinge, die einem normal erscheinen, aufmerksam beachten. Zum Beispiel dass der Frühling nach einem sehr kalten Winter kommt. Sie empfindet auch folgendes als sehr schön: „Wenn wir morgens wach werden und es hat keinen Beschuss gegeben. Und wir mussten das Kind nicht nachts raustragen und ständig auf der Handy-App beobachten, ob wieder ein Alarm kommt. Das ist ein Segen und eine Freude für uns.“

Ana versucht in ihrem Alltag immer wieder auf solche kleinen Segnungen und Glücksmomente zu achten. Das erfüllt sie mit Dankbarkeit und stärkt sie innerlich.

Zu diesen kleinen normalen stärkenden Dingen zählt für Ana auch die Gemeinschaft mit anderen. Wenn man sie danach fragt, was am Ende wirklich zählt, sagt Ana: „Während des Krieges habe ich festgestellt: Das Wichtigste ist, neben Menschen zu bleiben. Das sagt uns Jesus. Wir sollen zusammenbleiben. Gemeinsam. Eine Einheit bilden. Das ist gut für uns Christen, auch eine Einheit mit Gott zu bilden. Ich denke, das ist die Basis für das Christsein. Dass Christen eine Gemeinschaft sind. Das wünsche ich mir.“
 

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