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© Allen Taylor / unsplash.com

10.09.2021 / Kommentar / Lesezeit: ~ 7 min

Autor: Andreas Malessa

Heilige Familie? Schön wär`s!

Muss das Familienleben perfekt sein, damit Gott zufrieden ist? Ein Kommentar.


Welche Familienbilder finden wir in der Bibel? Woher kommt unsere Vorstellung der heilen Familie? Und bedeutet Familie nach Gottes Vorstellung, dass das Familienleben möglichst perfekt sein muss? Der Theologe und Journalist Andreas Malessa hat sich darüber seine Gedanken gemacht.
 

„Wollte er nicht mit Jürgen heimfahren?“ „Er ist bestimmt bei Tante Lisa.“ „Ich dachte, Meiers nehmen ihn mit.“ Wenn Sie von einem Fest nach Hause kommen und Ihr Kind ist weg – ab wann sind Sie panisch genug, die Polizei anzurufen? Maria und Josef sind fertig mit den Nerven, als ihr zwölfjähriger Sohn im Gewühl des Passahfestes unauffindbar bleibt, erzählt die Bibel (Lukas 2,44–45). War Jesus ein „braver Junge“ im landläufigen Sinne? Waren Maria und Josef umsichtige Eltern? Zumindest dieses Mal nicht. Eine derartige Verletzung der Aufsichtspflicht würde heute jede Erzieherin den Job kosten.

Konfliktreich war das Familienleben von Maria und Josef von Anfang an: Als Maria ihrem Verlobten sagt, dass sie schwanger ist, fühlt sich Josef sexuell betrogen. Vom Pollenflug kann`s ja nicht passiert sein. Und was denken Marias Eltern jetzt von ihm! Im antiken Judentum – und bei vielen Völkern noch heute – ist ein „Brautpreis“ für die Hochzeit üblich. Die Rentenversicherung des Brautvaters.

Habe ich Söhne, werden die mich später ernähren. Habe ich Töchter, sollen die Schwiegersöhne in meine Altersvorsorge investieren. Die ist futsch, wenn ein Unbekannter mit der Braut geschlafen hat, der sie gar nicht heiraten will. Es ist zum Davonlaufen!, mag Josef gedacht haben. Und das ist verständlich.
 

Ehe und Familie – ungebrochen begehrt

Die erste gute Nachricht für uns heute kommt vom Statistischen Bundesamt: 86 Prozent aller 82 Millionen Deutschen sind verheiratet oder amtlich verpartnert. Rund 80 Prozent jedes Geburtsjahrgangs werden in eine trauscheinbesiegelte Ehe hineingeboren. Im Jahr 2019 wurden rund 416.000 Ehen geschlossen und 149.000 geschieden.

Diese Zahlen zeigen: Scheidungen sind seit 2003 – da waren es noch 214.000 – erstaunlich rückläufig. Der gern zitierte Satz „Die Ehe ist ein Auslaufmodell, jede zweite wird geschieden“ ist nicht haltbar. Übrigens: Auch die Geschiedenen wollen ja nicht keine Ehe, sondern eine bessere. Meistens jedenfalls. Um den Gesundheitszustand der Institution Ehe genau zu erfassen, müsste man die jedes Jahr weiterbestehenden Ehen dazurechnen. Aber von Silber- und Goldhochzeiten gibt es keine Statistik. Schade eigentlich.

Schlagzeilen wie „Ehe und Familie, vom Zeitgeist bedroht!“ sind Alarmismus und halten einer Prüfung nicht stand. Nein, Ehe und Familie sind die heiß begehrte, hoch verehrte, alles überragende Lebensform unserer Gesellschaft. Die Frage ist nicht, ob Männer und Frauen des 21. Jahrhunderts Ehe und Familie wertschätzen – das tun sie ganz unübersehbar.

Die Frage ist, ob sie in der lebenslangen Treue und Verantwortung füreinander noch einen Schöpfungsauftrag Gottes sehen. Das tun sie ganz offenbar nicht mehr.

Das Problem ist nicht eine Geringschätzung der Ehe, sondern wo und wie Männer und Frauen Beziehungsfähigkeit, Resilienz, Frustrationstoleranz, Treue und Verantwortlichkeit lernen.

 

Womit also begründen Christinnen und Christen ihr christliches Eheverständnis? Wie stärken wir „heile“ Familien, wenn schon die „heilige Familie“ aus der Weihnachtsgeschichte sooo heil nicht war?
 

Konfliktgeschichten …

Wenn Verliebte, Verlobte oder junge Ehepaare auf ein „biblisches Familienbild“ eingeschworen werden, ist das eigentlich nicht besonders bibeltreu, denn fast alle Familiengeschichten der Bibel sind Konfliktgeschichten.

Schon Adam und Eva haben an ihren Söhnen Kain und Abel keine ungetrübte Freude; die Söhne Noahs entdecken ihren Vater sturzbetrunken und splitternackt im Zelt; Abraham gibt seine Frau als seine Schwester aus und überlässt sie dem Pharao als Haremsgespielin; Erbschleicher Jakob muss vor seinem rachelüsternen Bruder Esau fliehen und wird von Onkel Laban mit der falschen Frau zwangsverheiratet; Mose holt sich neben seiner Frau Zippora noch eine dunkelhäutige Äthiopierin ins Bett und wird dafür von seinen Geschwistern Aaron und Miriam heftig kritisiert; die junge Witwe Tamar verkleidet sich als Hure und verführt ihren Schwiegervater Juda; Prinz Absalom putscht gegen seinen Vater David; der wiederum lässt den Ehemann seiner Geliebten Batseba umbringen – fast alle diese moralischen Versager stehen im Stammbaum Jesu (Matthäus 1,2–16)!

Nein, Gott hatte bei seiner guten Schöpfungsordnung aus lebenslanger Treue, Verantwortung und Fürsorge offenbar keine TV-Seifenopern wie „Unsere kleine Farm“, Familie Hesselbach oder Mutter Beimer vor Augen.
 

… mit Happy End

Was ist dann die biblische „Gute Nachricht“ für Ehen und Familien heute?

  • Dass Gott oft auf der Seite der jeweils Schwächeren eines Konflikts steht.
  • Dass er für die Betrogenen und Übervorteilten eintritt.
  • Dass sich Gott parteilich und anwaltschaftlich zu den Opfern eines Familiendramas stellt.
  • Dass er die segnet, belohnt und rehabilitiert, die den kürzeren Strohhalm gezogen haben. Meist sind das die Frauen und die Kinder.
     

Als der angesichts der Schwangerschaft seiner unfruchtbaren Ehefrau Elisabeth sprachlos staunende Priester Zacharias wieder Töne hat, lobpreist er „die mitleidsvolle Barmherzigkeit Gottes“ (Lukas 1,78).

Als Josef vor Verzweiflung schlecht schläft, versichert ihm im Traum ein tröstender Engel die Treue Marias (Matthäus 1,20).

Als Maria und Josef ihren vermissten Zwölfjährigen finden, sitzt der wohlbehalten im Tempel (Lukas 2,46).

Gott rettet, repariert, ermahnt und verzeiht. Gott begleitet, fördert und führt die unvollkommenen Menschen und ihre unvollständigen Lebenswege zu erstaunlichen Karrieren: Mörder Kain wird Städtegründer; Abraham reift zu einem „Vater des Glaubens“ heran; Jakob versöhnt sich mit seinem Bruder Esau und trennt sich gütlich von Onkel Laban; Mose wird der Befreier und Gesetzgeber seines Volkes; David trauert herzzerreißend um seinen Sohn Absalom, bereut seinen Ehebruch, singt zeitlose, bis heute unfassbar tiefgehende Psalmengebete und bekommt in Salomo einen würdigen Thronfolger …

Zügig oder langfristig, offenkundig oder versteckt schreibt Gott auf krummen Linien grade, wie wir sagen. Warum? Weil er Liebe ist.

 

Und in „mitleidsvoller Barmherzigkeit“ schon bei der Erschaffung der Menschen feststellte: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2,18). Sind also alle Männer und Frauen für die Ehe geschaffen? Nein, Millionen glücklich gesegneter Mönche, Nonnen und Singles zeigen, dass sie Gemeinschaft auch in anderer Form erleben können. Gottes Schöpfungsordnung sagt: Niemand ist für die Einsamkeit geschaffen. Aber es gibt durchaus andere Möglichkeiten der Gemeinschaft als die Ehe.
 

Großfamilien und Patchwork-Eltern

Das wusste auch der unverheiratete, kinderlose Apostel Paulus, dessen Brieftexte wir im Neuen Testament als vom Heiligen Geist inspiriertes Wort Gottes ernstnehmen. Die Adressaten seiner Briefe lebten mehrheitlich in Großfamilien, weil der Broterwerb, der Haushalt, die Kindererziehung und die Pflege der alten Eltern in einer bäuerlich-handwerklichen, vorindustriellen Gesellschaft nicht anders zu schaffen waren. Männer, die ihren Lebensunterhalt mit schwerer körperlicher Arbeit bei Wind und Wetter erwirtschafteten; Frauen, die wegen hoher Kindersterblichkeit bis zu zehn oder mehr Kinder geboren hatten, konnten unter Umständen mit 50 oder 60 erschöpft ins Grab sinken.

Was die Zweit- oder „Fortsetzungsehe“ zum Normalfall machte. Bis ins 19. Jahrhundert hinein übrigens. Warum kommt in deutschen Märchen so oft die (meist böse) Stiefmutter und das (meist arme) Waisenkind vor? Weil es sie in jeder zweiten Familie gab. Wir nennen das heute „Patchworkfamilie“. Die bürgerliche Kleinfamilie ist ein Ergebnis der Industriegesellschaft, kein Gebot des Evangeliums.
 

Gute Freunde, schwierige Verwandte

„Gute Freunde sind Gottes Entschuldigung für schlechte Verwandte“, hat der Schriftsteller Mark Twain einmal gespottet. Das stimmt sicher nicht immer, aber der Blick in die Bibel macht nachdenklich. Jesus hatte vier leibliche, namentlich genannte Brüder sowie „Schwestern“. Der verwendete Plural bedeutet also mindestens zwei (Matthäus 13,55–56). Grund genug, anzunehmen, dass Maria mindestens sieben Kinder zur Welt brachte.

Seine leibliche Herkunftsfamilie ist zumindest zeitweise nicht begeistert von ihm. Als Maria und ihre Söhne verlangen, dass Jesus eine Predigt vor versammeltem Publikum abbricht, zeigt er auf die Zuhörenden und sagt „Da! Das ist meine Mutter, das sind meine Brüder. Die den Willen Gottes tun!“ (Matthäus 12,46–50).

Jesus hebt den Wert und die Verbindlichkeit der leiblichen Familie nicht auf, aber er widersetzt sich ihrem autoritären Anspruch. Er stellt die geistliche Verbundenheit über die biologische Blutsverwandtschaft. Christinnen und Christen in islamistischen Ländern, die von ihren Familien verstoßen wurden oder bedroht werden, verstehen das nur zu gut. Jesus befreit seine Jüngerinnen und Jünger von dem Druck, den mächtige Patriarchen, klettenhafte Mütter oder eiserne Familientraditionen ausüben können.

Als Maria das Schrecklichste erleben muss, was eine Mutter erleben kann – ihr Kind stirbt vor ihren Augen – da sagt der gekreuzigte Jesus mit letzter Kraft: „Siehe da, Johannes, das ist jetzt dein Sohn“ (Johannes 19,26). Noch im Sterben stiftet Jesus neue Familienbeziehungen.

Wer den Willen Gottes tut, ist meine Familie? Was ist denn der Wille Gottes? Dass wir so geduldig und barmherzig miteinander umgehen, so langen Atem haben, so nachsuchend liebevoll sind, wie Gott es mit den Familien der Bibel war und mit den Familien heute ist. In Schönheit und Schmerz, in Zuwendung und Zumutung von Partnerschaft, Ehe und Elternsein.
 

Andreas Malessa ist Hörfunkjournalist in der ARD, ev.-freikirchlicher Theologe, Buchautor, Referent und Moderator. Er ist seit 43 Jahren verheiratet und hat zwei Töchter.

Dieser Artikel erschien erstmalig in der Zeitschrift LYDIA, Ausgabe 2/2021. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung. Mehr Informationen unter lydia.net.

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