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© Maksim Goncharenok / pexels.com

05.11.2023 / Serviceartikel / Lesezeit: ~ 10 min

Autor/-in: Rebecca Schneebeli

Zu schön, um wahr zu sein

5 pseudopsychologische Lügen, die wir gerne glauben: Was sie attraktiv macht und warum sie uns lähmen.


„Das ist doch zu schön, um wahr zu sein.“ Vielleicht hast du das auch schon mal gedacht, wenn dir jemand einen genialen und scheinbar simplen Tipp gegeben hat.

Manchmal sind diese Tipps wahre Lebensretter. Kleine Änderungen in unserem Alltag wie ein täglicher Spaziergang um den Block oder das Führen eines Dankbarkeitstagebuchs können unsere Lebensqualität deutlich verbessern.

Leider ist nicht jeder gut gemeinte Ratschlag zielführend. Manche psychologisch angehauchte und stetig wiederholte Lebenstipps führen eher in die Erschöpfung als in ein erfülltes Leben. Doch die Inbrunst, mit der sogenannte Motivationscoachs sie wiederholen, lassen uns glauben, dass wir nur bei der Umsetzung etwas falsch machen, der Tipp aber eigentlich funktioniert.
 

Ausgebremst statt vorangebracht

Ich selbst tappe immer wieder in die Falle solcher Versprechungen, denn ein großer Wunsch von mir ist, mich weiterzuentwickeln. Und genau da setzen solche Tipps oft an und versprechen, die alltäglichen Sorgen auf der Überholspur hinter uns zu lassen. Sie präsentieren einen scheinbaren Ausweg aus belastenden Lebenssituationen und geben mir das Gefühl, selbstwirksam Probleme angehen zu können, nur um mich in eine noch größere Sackgasse zu führen.

Um dir und mir die Last zu nehmen, weiter diesen Lügen zu glauben und davon letztlich gelähmt statt vorangebracht zu werden, habe ich mir fünf typische pseudopsychologische Lügen herausgesucht, die ich in diesem Artikel auseinandernehme. Bezug nehme ich dabei auch auf die Erkenntnisse des Psychologen Jörg Berger aus seinem Buch „Die Anti-Erschöpfungsstrategie“.
 

Lüge Nr. 1: Ich kann mich selbst optimieren.

Wer möchte das nicht? Ich persönlich finde bei mir ziemlich viele Macken, die ich lieber heute als morgen korrigieren möchte. Nicht mehr zu spät ins Bett gehen, kein ungesundes Essen mehr vor dem TV, mehr Sport und vor allem Schluss mit Prokrastinieren. So in etwa sähe mein perfektes Ich aus.

Und genau das kann ich erreichen. Sport-Apps versprechen mir endlich meinen Traumkörper, Business-Tools mehr Effektivität in meiner Selbstständigkeit und mit der richtigen Zeiteinteilung schaffe ich auch locker die weit über 100 Punkte auf meiner To-Do-Liste, oder?

Weit gefehlt! Natürlich kann mich eine Sport-App zu mehr Bewegung motivieren und eine bessere Zeiteinteilung ist nie schlecht, aber ich bleibe am Ende doch die, die ich bin. Denn es gibt oft unterbewusste Mechanismen, die die Tiefkühlpizza attraktiver erscheinen lassen als die Runde um den Block. Gehe ich diese unbewussten Mechanismen nicht an, scheitere ich bei jedem neuen Optimierungsversuch.

Besonders problematisch wird es, wenn mein Selbstoptimierungsdrang von einem niedrigen Selbstwert herrührt. Der Psychologe Jörg Berger warnt davor, den eigenen Selbstwert von äußerem Erfolg abhängig zu machen. Denn, so Berger, „für die meisten Menschen bedeutet Leben: mal gewinnen und mal verlieren“ (Berger, Die Anti-Erschöpfungsstrategie, S. 39).

Ist jede Form von Selbstoptimierung somit schädlich? Nein, Jörg Berger ist überzeugt: Selbstoptimierung ist vor allem dann ein Problem, wenn sie darauf zielt „das Lebensgefühl und den Selbstwert (…) zu stützen“ (Berger, Die Anti-Erschöpfungsstrategie, S. 40). Dann entzieht sie uns Kraft und führt im schlimmsten Fall in tiefe Lebenskrisen.

Es tut also Not, zunächst beherzt Ja zu meinen Schwächen sagen, bevor ich sie versuche zu ändern.

 

In der Bibel steht: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Römer 5,8). Daher darf auch ich mich selbst wertschätzen, bevor ich mich selbst optimiert habe, und darauf vertrauen, dass ich auch bei Misserfolg ein geliebtes Kind Gottes bin.
 

Lüge Nr. 2: Wenn ich positiv denke, habe ich ein gutes Leben.

Positives Denken oder auch ein positives Mindset gilt als das Erfolgsrezept für ein glückliches und erfolgreiches Leben. Tatsächlich gibt es Studien, die darauf hindeuten, dass optimistische Menschen glücklicher, gesünder und länger leben. Jörg Berger schreibt dazu: „Die Hoffnung auf Erfolg führt weiter als die Furcht vor Misserfolg. Wenn wir Gutes von Menschen erwarten, wird es meistens belohnt“ (Berger, Die Anti-Erschöpfungsstrategie S. 41f). Dass positives Denken unsere Lebensqualität steigert, ist also per se keine Lüge.

ABER es gibt eine Form von positivem Denken, die in Richtung eines Irrglaubens geht und genau da wird es gefährlich: Wenn ich beginne zu glauben, dass ich mit meiner positiven Lebenseinstellung nicht nur leichter die Widrigkeiten des Lebens meistern kann, sondern Gutes quasi automatisch anziehe.

Natürlich steckt auch hier ein Funke Wahrheit drin. Ein optimistischer Mensch mit einer positiven Ausstrahlung wird mehr Freunde finden als ein Griesgram. Aber spätestens bei Jobverlust, einer schweren Krankheit, dem Tod eines geliebten Menschen oder der Trennung vom Partner ist es normal, dass uns nicht mehr nach positivem Denken zumute ist. Solche Krisenphasen verschwinden nicht einfach, weil ich ein positives Mindset habe.

Hier kann es sogar kontraproduktiv sein, uns nicht den Raum zu geben, um das zu beklagen, was gerade schwierig ist. Zu akzeptieren, dass das Leben auch aus schwierigen Phasen besteht, ist wichtig. Doch leider – so Berger – fällt es vielen Menschen schwer, diese Wahrheit anzunehmen. Der Grund aus seiner Sicht: „Zu groß ist die Sehnsucht, ein ausschließlich positives Leben zu haben. Zu tief ist die Überzeugung von Menschen, dass sie schuld daran seien, wenn ihr Leben nicht positiv ist“ (Berger, Die Anti-Erschöpfungsstrategie, S. 43).

Es kann sogar kontraproduktiv sein, uns nicht den Raum zu geben, um zu beklagen, was gerade schwierig ist.

 

Daher, wenn du mal wieder in einem Loch steckst, lass dich durchaus ermutigen, auch wieder das Positive zu sehen – zum Beispiel ein Dankbarkeitstagebuch kann hier helfen –, aber lass dir nicht einreden, es ginge dir nur schlecht, weil du nicht positiv genug an das Leben herangehst. Das ist Quatsch!
 

Lüge Nr. 3: Mich selbst kritisch zu sehen, hilft mir, mich zu verbessern.

Viele Menschen brüsten sich damit, selbst ihr härtester Kritiker zu sein. Sie glauben an strenge Disziplin und schauen immer auf das, was es noch zu verbessern gilt. Ich selbst muss zugeben: Auch ich ticke so, zumindest in manchen Bereichen. Wenn mir jemand einen Text gegenliest und kaum etwas zur Änderung anmerkt, denke ich nicht: „Toll, da habe ich ja einen guten Artikel geschrieben.“ Ich denke stattdessen: „Da hat der andere sicherlich noch was übersehen!“

In der Psychologie bezeichnet man diese dauernörgelige innere Stimme als „inneren Kritiker“. Ich selbst habe einen starken inneren Kritiker und das ist nicht immer leicht. Denn trotz der Tatsache, dass ich generell glaube, vieles ganz ordentlich hinzukriegen, nervt da immer wieder diese Stimme, der ich selten etwas recht machen kann.

Gleichzeitig ist unser innerer Kritiker auch nicht nutzlos. Seine ursprüngliche Aufgabe ist es, uns zu schützen und zu warnen. Der innere Kritiker weist mich nämlich auch darauf hin, dass ich mit meiner Stimme besser kein Solo singen sollte. Ohne diese innere Warnzentrale würden wir uns alle regelmäßig mit Dingen blamieren, für die wir völlig talentfrei sind, oder uns sogar in Gefahr begeben.

Leider kann dieser Schutzmechanismus schnell kippen. Wenn wir etwa in unserer Kindheit mehr negative als positive Botschaften gehört haben, nährt das unseren inneren Kritiker in einem solchen Maß, das er uns nicht mehr nur warnt, wenn wir etwas wirklich noch mal überdenken sollten. Dann wird er zum Feind, der uns tagtäglich vorhält, was wir alles nicht können.

Daher nein, uns selbst kritisch zu sehen, hilft uns nicht dabei, uns zu verbessern. Im schlimmsten Fall entwickelt sich daraus ein destruktives Selbstbild, so dass wir uns gar nichts mehr zutrauen.

Uns selbst kritisch zu sehen, hilft uns nicht dabei, uns zu verbessern. Im schlimmsten Fall entwickelt sich daraus ein destruktives Selbstbild.

 

Beim Schreiben habe ich meinen inneren Kritiker mittlerweile so weit im Griff, dass er weiß, er darf erst im Überarbeitungsschritt den Rotstift zücken. Auch Jörg Berger rät dazu, dem inneren Kritiker entschlossen entgegenzutreten, seine Kritikpunkte positiv und klar außer Kraft zu setzen und ihm nötigenfalls auch mal den Mund zu verbieten. Probiere das doch mal aus, wenn dein innerer Kritiker dich runtermachen möchte!

Lies hier ein Interview mit Jörg Berger zum inneren Kritiker

Es ist übrigens kein Zufall, dass sich diese Lüge in einigen Punkten mit der Lüge der Selbstoptimierung überschneidet. Oft ist ein starker innerer Kritiker die Ursache für den Drang zur Selbstoptimierung. Wird mein innere Kritiker stiller, kann ich auch die Lüge der Selbstoptimierung loslassen.
 

Lüge Nr. 4: An meiner Persönlichkeit kann ich alles / nichts ändern.

Auch über unsere Persönlichkeit sitzen wir gerne der ein oder anderen Lüge auf. Es gibt Menschen, die ganz im Sinne der Selbstoptimierungslüge glauben, dass sie nur hart genug an sich arbeiten müssen, um zu dem Menschen zu werden, der sie immer schon sein wollten.

Andere Menschen tragen mit schicksalsergebener Miene ihre persönlichen Macken vor sich her. Wenn man sie zum eigenen Wohl oder dem anderer ermutigt, an ihrer Persönlichkeit zu arbeiten, lächeln sie müde. Sie seien eben so und man müsse sie nehmen, wie sie sind.

Besonders bedauerlich ist, dass diese Menschen oft nicht einmal selbst mit sich und ihrem Leben zufrieden sind. Sie fühlen sich erkennbar nicht wohl in ihrer Haut und dennoch sind sie überzeugt, nichts an den Charaktereigenschaften ändern zu können, die sie und andere belasten.

Was ist nun also wahr? Ist unsere Persönlichkeit etwas, was wir als gegeben ansehen sollten und mit dem wir uns allenfalls versöhnen können? Oder aber kann ich mich quasi immer wieder neu erfinden, auch in meiner Persönlichkeit? Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und selbst Psychologen sind sich noch nicht einig darüber, welche Teile unserer Persönlichkeit wandelbar sind und welche nicht.

Wer also meint, mit aller Kraft bestimmte unliebsame Charaktereigenschaften ausmerzen zu müssen, müht sich gegebenenfalls umsonst ab. Denn unsere Persönlichkeit verändert sich nur langsam und meist müssen wir uns in diesem Prozess mit unterbewussten Denkmustern aus unserer Kindheit auseinandersetzen. Das dauert und kostet Kraft. Ein kurzes Bühnencoaching macht eine schüchterne graue Maus eben nicht über Nacht zu einer Rampensau.

Gleichzeitig darf ich wissen: Ich kann und soll mich verändern. Es gibt keinen Freibrief, sich auf ungesunden Charaktereigenschaften auszuruhen, besonders nicht für Christen. Das ganze neue Testament ist durchdrungen von einer einzigen Botschaft: Gott liebt uns Menschen wie wir sind und will uns gleichzeitig in Menschen verwandeln, die nach seinem Willen leben. Das heißt auch, Charaktereigenschaften Stück für Stück loszulassen, die mich und andere belasten. Wenn du in diesem Bereich Hilfe brauchst, such dir einen Therapeuten oder Seelsorger.

In unserem Online-Seelsorger-Portal findest du Begleitung, wenn du bei diesen und anderen Themen Unterstützung suchst. Weitere Möglichkeiten, einen christlichen Seelsorger zu finden (auch in deiner Umgebung) findest du unter diesem Artikel in einer kleinen Linksammlung.
 

Lüge Nr. 5: Die Meinung anderer Menschen über mich ist egal.

„Mir ist egal, was andere über mich denken!“ Vielleicht hast du auch schon mal gehört, wie jemand dies im Brustton der Überzeugung sagte, und fühltest Neid in dir aufsteigen. Vielleicht hat er sogar noch ein „Mir ist nur wichtig, was Gott über mich denkt“ hinterhergeschoben und du sankst noch zwei Zentimeter tiefer in den Boden.

Mir ging es schon oft so. Denn so gerne mir egal wäre, was andere über mich denken, meist ist das nicht der Fall. Trotzdem höre ich diesen Satz immer wieder als wohlmeinenden Ratschlag. Die Eltern finden deinen Berufswunsch nicht gut? Tja, da muss man eben drüberstehen. Du bist deinem Partner zu dick? Solange du dich selbst in deinem Körper wohlfühlst, ist doch alles dufte.

Nein, das ist es eben nicht. Natürlich habe ich ein Recht auf meinen eigenen Berufswunsch und selbst zu entscheiden, wie viele Kilos ich akzeptabel finde, ABER wenn ein Mensch aus meinem engsten Umfeld ein Urteil über mich fällt, dann ist mir das nicht egal. Und das ist völlig normal so.

Versteh mich bitte nicht falsch: Du solltest dein Leben NIE nur darauf auslegen, es anderen recht zu machen. Es ist dein Leben und bitte nutze es so, wie es dir gefällt. Aber du und ich wir sind eben auch Beziehungsmenschen. Jörg Berger schreibt in seinem Buch dazu: „Alle unsere Motivationen zielen letztlich darauf ab, gute Bindungen aufzubauen, zu kooperieren und im Einklang mit einer Gemeinschaft zu leben“ (Berger, Die Anti-Erschöpfungsstrategie, S. 55).

Da unser tiefster Wunsch ist, Verbindung zu schaffen, wird uns eine Scheißegal-Haltung zur Meinung anderer weder weiterbringen noch glücklich machen.

 

Nichts auf die Meinung eines anderen Menschen zu geben, gelingt mir vielleicht beim unfreundlichen Busfahrer oder der geschwätzigen Nachbarin, nicht aber bei Menschen, die mir wirklich wichtig sind.

Jörg Berger empfiehlt hier folgendes: „Wir haben (…) nicht die Macht, uns unseren Wert selbst zu geben. Aber wir haben die Macht, zu wählen, wer und was uns unseren Wert gibt. Darin besteht echte Unabhängigkeit, die auch in schwierigen Situationen trägt“ (Berger, Die Anti-Erschöpfungsstrategie, S. 56).

Eine Haltung zu entwickeln, in der mir die Meinung anderer grundsätzlich egal ist, ist unrealistisch. Aber ich kann wählen, wessen Meinung über mich ich zählen lasse. Ich kann mich gegen eine Beziehung mit einem Mann entscheiden, für den mein Gewicht eine größere Rolle spielt als mein Charakter. Ich kann mir Unterstützer und Vorbilder für meinen Wunschberuf suchen und den wohlmeinenden Ratschlägen meiner Eltern eine Absage erteilen.

ABER das geht nur, wenn ich Menschen habe, die mir signalisieren: So wie du bist, bist du wertvoll. Und ja, auch der Glaube an Gott kann hier eine wichtige Unterstützung sein, aber ich brauche auch Menschen in meinem Umfeld, die mich in meinem Selbstwert bestärken. Dann kann ich mutig im entscheidenden Moment sagen: „Das, was du da über mich denkst, ist mir egal.“

 

Du kennst weitere pseudopsychologische Lügen, mit denen wir einmal aufräumen sollten? Schreib sie uns gerne in einem Leserbrief!
 

 Rebecca Schneebeli

Rebecca Schneebeli

  |  Redakteurin

Sie schätzt an ihrem Job, mit verschiedenen Menschen und Themen in Kontakt zu kommen. Sie ist verheiratet und mag Krimis und englische Serien.

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