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© Maarten Wijnants / unsplash.com

31.10.2026 / Theologie / Lesezeit: ~ 7 min

Autor/-in: Horst Kretschi

Wo Gott besonders nah ist

Von Jerusalem bis Skellig Michael: Was heilige Orte ausmacht.

Jede der großen Weltreligionen – und nicht nur diese – kennt heilige Orte. Im Buddhismus sind es unter anderem Lumbini und Kushinagar, im Hinduismus Varanasi und der Fluss Ganges, im Judentum vor allem die Klagemauer in Jerusalem, für Muslime Mekka, Medina und Jerusalem – und für Christen? Welche heiligen Orte kennt das Christentum?

Eine Frage, die nicht ganz so leicht zu beantworten ist, denn aufgrund seiner globalen Ausbreitung und seiner langen Geschichte hat das Christentum eine reiche und vielfältige Tradition an heiligen Orten.

Heilige Orte in der Bibel

Heilige Orte gibt es seit Menschengedenken. Immer ging es dabei um die besondere Nähe zu einem göttlichen Wesen. Eine große Rolle spielen dabei Berge und Gipfel. Dort wurde den Göttern geopfert, um ihre Gunst zu erbitten. Von solchen Höhenheiligtümern wird ausführlich in der Bibel berichtet.

So begegnet Gott den Propheten Elia und Elisa auf dem Berg Karmel, und dort tritt Elia auch den Priestern des Baal gegenüber. Auf dieser Anhöhe befinden sich Altäre. Auch an anderer Stelle werden Höhenheiligtümer erwähnt, etwa im ersten Vers des bekannten Psalms 121: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“

Gemeinhin wird vermutet, dass der Schreiber dieses Psalms die Berge rund um Jerusalem im Sinn gehabt haben könnte, auf denen fremde Götter verehrt wurden. Dabei könnte es sich um Kultstätten gehandelt haben, die König Salomo den Gottheiten seiner vielen Frauen errichten ließ (vgl. 1. Könige 11,7-8).

Da es sich bei Psalm 121 um ein „Wallfahrtslied“ handelt, war der Verfasser des Textes wohl auf dem Weg zum Tempel nach Jerusalem, dem einzig wahren heiligen Ort des Judentums. In der Bibel tauchen noch weitere Orte auf, die den Israeliten heilig waren, etwa der Berg Horeb, an dem Gott dem Mose begegnet und später die Tafeln mit den Zehn Geboten erhält.

„Komm nicht näher! Zieh deine Schuhe aus, denn du stehst auf heiligem Boden!“ (2. Mose 3,5). So spricht Gott durch den brennenden Dornbusch zu Mose. Heilig wird ein Ort also durch die Gegenwart Gottes.

Jerusalem – der heiligste Ort dreier Weltreligionen

Unter allen heiligen Orten sticht Jerusalem am meisten heraus. Hier befinden sich Stätten, die für drei Religionen von zentraler Bedeutung sind. Juden, Christen und Muslime treffen hier aufeinander. Die wechselvolle Geschichte der heiligen Stadt spiegelt das wider.

Für Juden ist Jerusalem heilig, weil hier der Tempel gestanden hat, an dem Gott verehrt wurde. Dieser Tempel hat alle anderen Orte der Gottesverehrung im alten Israel abgelöst. Er wurde um 950 vor Christus unter König Salomo errichtet, und zwar an dem Ort, wo Gott David erschienen war. Zerstört wurde er durch die Römer im Jahr 70 nach Christus. Auch er stand auf einer Anhöhe, dem heutigen Tempelberg, auch Berg Zion genannt. Von den Tempelanlagen ist nur noch die Westmauer erhalten geblieben.

Das ist der Kern heiliger Orte: Sie sind auf besondere Weise mit dem Glauben verbunden.

Der heute unter dem Namen Klagemauer bekannte Teil der alten Tempelanlagen ist daher der heiligste Ort für Juden weltweit. Der Tempelberg ist aber auch den Muslimen heilig, weil hier der Prophet Mohammed dem Koran zufolge in den Himmel aufgestiegen sein soll. Der seit dem siebten Jahrhundert nach Christus auf dem Berg befindliche Felsendom ist der älteste große Sakralbau des Islam.

Auch für Christen ist der Tempelberg – und Jerusalem insgesamt – ein heiliger Ort, denn in der Stadt befindet sich die Grabeskirche. Sie markiert den Ort, an dem Jesus gekreuzigt und begraben wurde. Außerdem sind der Ölberg, wo die Himmelfahrt Jesu stattgefunden haben soll, und der Garten Gethsemane wichtige heilige Orte in Jerusalem.

Christliche Mission und die Ausbreitung heiliger Orte

Von Jerusalem aus hat sich das Christentum weltweit ausgebreitet. Damit entstanden neue heilige Orte, vor allem – aber nicht nur – in Europa. Christliche Missionare der ersten Jahrhunderte errichteten Kirchen und Klöster an markanten Orten, aber auch dort, wo zuvor anderen Gottheiten gehuldigt wurde.

Berühmt ist etwa Bonifatius, der im achten Jahrhundert die germanischen Stämme missioniert hat. Er ließ eine Eiche fällen, die dem Gott Donar geweiht worden war, und an derselben Stelle aus dem Holz eine Kirche errichten. So demonstrierte Bonifatius die Überlegenheit des christlichen Gottes über die Götter der germanischen Stämme. Der Bau von Kirchen diente aber nicht nur der Machtdemonstration.

Kirchen sollten die Herrlichkeit Gottes und des Himmels widerspiegeln und der christlichen Gemeinde als heilige Versammlungsorte dienen.

Auch heute sind Kirchen für viele Menschen noch heilige Orte, an denen sie Gottes Gegenwart erleben. Durch ihre herausragende Bauweise laden sie Menschen ein, gezielt die Begegnung mit Gott zu suchen.

Kirchen – ein Vorgeschmack auf den Himmel

Auch heute sind Kirchen für viele Menschen noch heilige Orte, an denen sie Gottes Gegenwart erleben. Durch ihre herausragende Bauweise laden sie Menschen ein, gezielt die Begegnung mit Gott zu suchen. Wenn sie eine Kirche betreten, stellt sich bei vielen ein Gefühl der Erhabenheit und der Ruhe ein sowie das Bewusstsein, dass dieser Ort Gott geweiht ist.

Die Architektur des Raums verstärkt dieses Empfinden: Weit nach oben gewölbte Decken, hohe, oft farbenprächtig gestaltete Fenster, die das Licht in den Raum fluten lassen, und kunstvoll ausgeführte Bilder und Plastiken spiegeln wider, was Menschen als heilig empfinden.

Ich persönlich stehe da und staune schweigend, beeindruckt von der Leistung und der Leidenschaft, mit der Menschen ihren Glauben in diese Formen gebracht haben. Sie haben ihre Vorstellung von der Heiligkeit, die diesem Ort innewohnen sollte, in Stein, Holz und Glas Wirklichkeit werden lassen. Ich bin fasziniert davon, wie sehr ihr Bild von dem, was heilig ist, mit meinem übereinstimmt. Seit Jahrhunderten empfinden Menschen beim Betreten von Kirchengebäuden die gleiche Erhabenheit.

Heilige Orte am Ende der Welt

Nicht nur Kirchen oder Anhöhen gelten als heilige Orte, an denen Gottes Gegenwart spürbar wird. Auch Klöster – gerne an abgelegenen Orten fernab vom Trubel – sind als solche Orte erdacht worden. Das gilt nicht nur für das Christentum.

Sehr beeindruckt haben mich unter anderem die Inseln Iona vor der Küste Schottlands und Skellig Michael vor der Küste Irlands. Hier haben Mönche im sechsten und siebten Jahrhundert einzigartige Klosteranlagen errichtet. Bis heute strahlen sie eine besondere Atmosphäre, ja Heiligkeit aus. Diesem Gefühl konnte ich mich nicht entziehen: Dies ist ein außergewöhnlicher Ort.

Weit abgelegen von der Zivilisation ist vor allem Skellig Michael bis heute nur schwer zu erreichen. Dass Mönche auf dieser scheinbar von Gott verlassenen Insel die Nähe eben jenes Gottes gesucht haben, mag paradox erscheinen. Für Menschen im ersten Jahrtausend nach Christus war das anders: Je weiter weg von aller Zivilisation, desto näher fühlte man sich am Wesen Gottes.

Auch heute scheint es noch vielen so zu gehen. Sie suchen Orte auf, an denen sie sich Gott besonders nah fühlen können oder an denen sie eine natürliche Heiligkeit empfinden. Das sind bevorzugt Berge, einsame Inseln oder abgelegene Plätze. Hier wirken die Macht und Gewalt der Natur besonders nah. An solchen Orten wird eine Transzendenz spürbar, die in der alltäglichen Umgebung nicht durchscheint.

Heilige Orte als Pilgerziele

Orte, an denen etwas Außergewöhnliches geschehen oder eine bedeutende Person einer Religionsgemeinschaft gestorben oder begraben worden ist, können zu Wallfahrts- oder Pilgerstätten werden. Die berühmtesten Pilgerorte der Christenheit sind Jerusalem, Rom, Santiago de Compostela oder auch Lourdes.

So liegen in Santiago de Compostela der Legende nach die Gebeine von Jakobus dem Älteren, einem der zwölf Apostel, begraben. Die Reise auf dem Jakobsweg gilt inzwischen als die weltweit bekannteste Pilgerreise. In Rom zieht es viele Besuchende in die Basilika Sankt Paul vor den Mauern. Sie wurde an der Stelle errichtet, an der der Apostel Paulus nach seiner Hinrichtung vor den Toren Roms bestattet worden sein soll.

In Lourdes wiederum soll Mitte des 19. Jahrhunderts das 14-jährige Mädchen Bernadette Soubirous Marienerscheinungen gehabt haben. Dabei wurde der Legende nach auch eine Quelle in einer Grotte freigelegt, deren Wasser zu Wunderheilungen geführt haben soll. An der Grotte steht heute eine Kirche, die jedes Jahr zum Wallfahrtsziel für rund fünf Millionen Menschen wird.

Ich persönlich stehe da und staune schweigend, beeindruckt von der Leistung und der Leidenschaft, mit der Menschen ihren Glauben in diese Formen gebracht haben.

Menschen suchen konkrete Orte auf, um sich ihres Glaubens zu vergewissern. Wer daran glaubt, dem sind diese Orte heilig. Sie dienen der Stärkung des Glaubens und der Gemeinschaft mit allen, die ebenfalls dorthin kommen. Das ist der Kern heiliger Orte: Sie sind auf besondere Weise mit dem Glauben verbunden. Dabei kann diese Verbindung stärker oder lockerer sein. Wichtig ist vor allem, welche Bedeutung ich persönlich diesem Ort in Bezug auf meinen Glauben beimesse.

Gemeinsam ist allen heiligen Orten, dass sie Menschen in unmittelbare Verbindung mit ihrem Glauben bringen. Hier ist eine Begegnung mit Gott auf eine Art und Weise möglich, die ich in meinem Alltag so nicht haben kann. Das macht heilige Orte bis heute wichtig.
 

Autor/-in

Horst Kretschi

  |  Redaktionskoordinator

Horst Kretschi ist Redaktionskoordinator im ERF. Der gebürtige Hesse hat Geschichte, Philosophie und Theologie studiert, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er ist sehr heimatverbunden und würde nie aus Butzbach wegziehen. Auf seinem Blog "Horst spielt" rezensiert er regelmäßig Gesellschaftsspiele für Erwachsene und Familien. 

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