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© Hanafi Mellek / pexels.com

10.11.2026 / Persönlich / Lesezeit: ~ 3 min

Autor/-in: Ruth Hintenender

Unerwartet heilig

Eine Enkelin nimmt Abschied von ihrem Opa. Unter Tränen erlebt sie einen unvergesslichen Moment.

Vor meinem Cousin, seiner Frau und mir liegt eine alte Villa in einer grünen Anlage. Im ersten Obergeschoss klingeln wir. Eine Frau in blauer medizinischer Kleidung sperrt die Glastüre vor uns auf, die zu einem langen Flur führt. Er erinnert mich an ein Krankenhaus. In Zimmer 107 liegt mein Opa.

Opa leidet seit längerer Zeit unter verwirrten Zuständen. Meine Oma und meine Tante haben sich lange zu Hause um ihn gekümmert. Doch irgendwann konnten sie die Verantwortung für seinen Alltag und sein unberechenbares Verhalten zu Hause nicht mehr allein tragen. Aus diesem Grund kam Opa hierher.

Ich betrete zum ersten Mal in meinem Leben eine Psychiatrie und bin hier, um mich bewusst von Opa zu verabschieden. Sein Allgemeinzustand hat sich in den letzten Tagen abrupt verschlechtert. Er kann fast nicht mehr schlucken.

Perfekte Worte sind nicht nötig

In Zimmer 107 liegt Opa schlafend in einem Metallbett, die Decke bis zur Brust gezogen. Ich erkenne ihn kaum. Er ist sehr dünn geworden, sein Gesicht eingefallen, seine Haare fast verschwunden.

Ich stutze. Mein Opa wirkt verletzlich wie ein Neugeborenes. Ganz schwach.

Es berührt mich, wenn ich Momente mit Menschen teilen darf, in denen sie verletzlich sind. Es ist für mich so, als ob mir etwas zutiefst Kostbares anvertraut wird.

Ich knie eine ganze Weile vor seinem Bett, weil ich keine Ahnung habe, was ich sonst tun soll. Ich komme mir so komisch vor: Soll ich ihn berühren? Etwas sagen? Was braucht er jetzt?

Mein Cousin steht am Bett. Er streichelt Opa über die Stirn. Während ich ihn dabei beobachte, treten meine Befürchtungen in den Hintergrund. Von Moment zu Moment traue ich mich mehr. Ich lege meine Hand auf Opas Schulter und streiche sanft über seinen Kopf. Zum ersten Mal heute füllen sich meine Augen mit Tränen.

Tränen, die meine Welt bewegen

Nach über einer Stunde wacht Opa auf. Seine braunen Augen schauen mich direkt an. Aus meinem Mund kommt ein freudiges, sanftes „Hey“. Dieser Augenblick durchbricht etwas in mir und macht alle Berührungslosigkeit zunichte. Ich bin tief bewegt und beginne zu weinen.

Eine Pflegerin unterbricht den Moment. Ich versuche aufzustehen, verheddere mich mit meinem Mantel und stolpere hinter das Bett.

Die Pflegerin erledigt eine kurze Routineaufgabe, während Opa weiterschläft. Ich halte es fast nicht aus, hinter dem Bett stehenzubleiben. Ich will am liebsten wieder direkt zu ihm.

Dann ist der Moment da: Ich gehe an sein Bett, nehme seine Hand in meine Hand und weine über ihm. Meine Tränen bewegen etwas in meinem Herzen – und, so scheint es mir, auch in Opa.

Was dann passiert, kann ich nur schwer in Worte fassen. Für andere ist das vermutlich von außen nicht sichtbar, aber für mich verändert sich die Atmosphäre.

Für einen Augenblick scheint alles andere in den Hintergrund zu treten. Es fühlt sich an, als würde sich eine andere Dimension mit meiner Wirklichkeit verbinden.

Etwas Helles und Tröstliches berührt Opas Herz und mein eigenes.

So fühlt es sich für mich an: Als würde ein Wasserfall vom Himmel durch mein Herz und das meines Opas fließen. Eine Kraft, die größer ist als wir beide und uns dennoch miteinander verbindet. Ich glaube, dass ich in diesem Augenblick etwas von Gottes Wirklichkeit erahne. Einen Moment lang ist sie für mich nicht nur ein Gedanke, sondern beinahe greifbar.

Eine Psychiatrie – ein heiliger Ort?

In Zimmer 107 einer Psychiatrie sehe ich meinen Opa konfrontiert mit Krankheit, Schwäche und Tod und erlebe eine zutiefst echte Begegnung, Nähe und Liebe. Ich glaube, Gottes Wirklichkeit kann den ungewöhnlichsten Ort für einen Moment in seine Heiligkeit tauchen. Gottes Gegenwart und seine Wirklichkeit sind es, die wir an heiligen Orten suchen. Und gleichzeitig sucht Gott uns an den Orten, an denen wir sind.
 

Autor/-in

Ruth Hintenender

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