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© Jan Venter / pexels.com

03.06.2015 / Interview / Lesezeit: ~ 6 min

Autor/-in: Rebecca Schneebeli

„Wir wollen Brücken bauen!“

Messianische Juden verstehen sich als Verständiger zwischen Juden und Christen.


Was sind und glauben messianische Juden? Mit welchen Vorurteilen und Herausforderungen werden sie konfrontiert – sowohl von Christen als auch von Juden?

Über diese Fragen haben wir mit Anatoli Uschomirski gesprochen. Er ist jüdisch-messianischer Theologe, Gemeindegründer, Redner und Autor zahlreicher theologischer Bücher. Sein Anliegen ist es, Brückenbauer zwischen Juden und Christen zu sein.
 

ERF: Ihre Gemeinde ist eine messianisch-jüdische Gemeinde. Haben Sie auch Mitglieder, die keine Juden sind?

Anatoli Uschomirski: Ich verstehe das Neue Testament so, dass in der Gemeinde Juden und Nichtjuden zusammenkommen. Wir haben daher viele nichtjüdischen Mitglieder, zum Beispiel Russen, Ukrainer und Deutsche. Diese Menschen haben keinen jüdischen Hintergrund, freuen sich aber, auf einer hebräisch-jüdischen Basis ihren Glauben zu praktizieren. Sie müssen nicht Juden werden. Sie leben ihre Identität weiter. Das ist der Vorteil einer neutestamentlich messianischen Gemeinde, dass jeder dort seine Identität leben kann.

Das ist der Unterschied zu vielen christlichen Gemeinden. Als ich nach Deutschland kam, war ich drei Jahre lang Mitglied einer christlichen Gemeinde, weil es noch keine messianische Gemeinde gab. Dort konnte ich meine jüdische Identität nicht leben. In unserer Gemeinde geben wir den Christen bewusst Raum, ihre christliche Identität zu leben.
 

ERF: Sie sehen sich als Verständiger zwischen Juden, messianischen Juden und Christen. Wie tragen Sie über die Grenzen ihrer Gemeinde hinaus zu dieser Verständigung bei?

Anatoli Uschomirski: Auf offizieller Ebene treffe ich mich mit Vertretern der EKD im Oberkirchenrat. Dort haben wir sehr gute Gespräche. Aber darüber hinaus bin ich ständig im Kontakt mit Pfarrern und Pastoren. Ich wünschte mir, dass ich ebenso viel mit dem jüdischen Zentralrat zu tun hätte.

Auf inoffizieller Ebene habe ich eine Menge Kontakte sowohl mit Juden als auch mit Christen. Wir feiern zum Beispiel oft gemeinsame Gottesdienste mit christlichen Gemeinden, auch mit der Gemeinde, in der wir beheimatet sind. Zudem haben wir sehr gute Kontakte zu arabischen Christen und bringen dadurch zum Ausdruck, dass Jesus die Mauer zwischen Arabern und Juden abgetragen hat.

Das messianische Judentum bildet für mich eine Schnittstelle, an der sich alle treffen können. Die Juden können in unserer Mitte ihren Messias finden; Christen können sich zurück auf die jüdischen Wurzeln ihres Glaubens besinnen.

 

Berührungsängste abbauen und Dialog fördern

ERF: Sie halten es für „geschichtlich und politisch unverantwortlich“, dass sich die Kirche von den messianischen Juden distanziert. Gründet sich dieses Misstrauen zwischen Juden und Christen in der Geschichte?

Anatoli Uschomirski: Es gibt unterschiedliche Gründe dafür, warum Juden Christen nicht vertrauen. Dabei spielt die unheilvolle zweitausendjährige Geschichte zwischen Juden und Christen eine große Rolle. Deswegen nennen wir uns auch nicht „Judenchristen“, sondern „messianische Juden“. Denn dadurch unterstreichen wir unseren Bezug zum jüdischen Volk.

Die Juden, die vor mehr als 70 Jahren zum Glauben an Jesus kamen, nannten sich Judenchristen. Die nächste Generation hat schließlich bemerkt, dass beim Wort „Christen“ bei vielen Juden gleich die Rollladen runtergehen. Dieser Begriff erinnert sie an die vielen negative Dinge, die Christen ihnen angetan haben. Daher gebrauchen wir heute die Bezeichnung „messianische Juden“.
 

ERF: Haben Sie Hoffnung, dass sich an der Grundeinstellung der Kirche in diesem Zusammenhang etwas ändert?

Anatoli Uschomirski: Meine Hoffnung ist, dass wir von der Kirche irgendwann nicht mehr als lästige Störung im christlich-jüdischen Dialog wahrgenommen werden, sondern als Brückenbauer zwischen Juden und Christen. Im Allgemeinen habe ich die Hoffnung, dass die evangelische Kirche die Geschichte reflektiert und mit uns in Dialog tritt. Solche Dialoge gibt es in der Württembergischen Landeskirche schon. Dort finden bereits auf unterschiedlichen Ebenen Begegnungen zwischen Kirchenvertretern und messianischen Juden statt. Das ist ein guter Ansatz. Diesen Ansatz sollten wir ohne Ängste weiterverfolgen.

Meine dritte Hoffnung gilt dem Zentralrat der Juden. Ich hoffe, dass unsere orthodox-jüdischen Geschwister ‒ ich sage bewusst Geschwister, weil messianische Juden sich als Teil des jüdischen Volkes sehen ‒ ihre Berührungsängste mit uns abbauen. Der größte Rabbiner Deutschlands Leo BaeckDavid Flusser, Pinchas Lapide, Joseph Klausner und andere einflussreiche Juden haben sich nicht gescheut, mit messianischen Juden zu sprechen und sogar die Person Jesus in diese Gespräche mithineinzubringen. Solch einen Dialog wünsche ich mir auch mit dem Zentralrat der Juden.
 

ERF: Dennoch gibt es viele Vorurteile von orthodoxen Juden gegenüber messianischen Juden. Wie erklären Sie sich das?

Anatoli Uschomirski: Auch hier spielt die Geschichte eine Rolle. Im Jahr 70 nach Christus wurde der Tempel in Jerusalem zerstört. Damals nutzten die messianischen Juden die Möglichkeit aus Jerusalem zu fliehen. Sie taten das, weil in Lukas 21,20f steht: „Wenn ihr Jerusalem von feindlichen Heeren eingeschlossen seht, dann seid gewiss: Seine Zerstörung steht bevor. Dann sollen die Bewohner Judäas in die Berge fliehen! Wer in der Stadt ist, soll sie schnell verlassen, und die Leute vom Land sollen nicht in die Stadt gehen!“ Dadurch wurde die messianische Gemeinde bewahrt. Aber die Juden haben sie natürlich als Verräter angesehen.

In den folgenden Jahrhunderten trennte sich auch die Kirche von den jüdischen Brüdern und Schwestern. In der Kirche wurden Juden als „Juden“ nicht mehr akzeptiert. Darauf folgte das Mittelalter mit Pogromen und Zwangstaufen.

Eine der schlimmsten Facetten dieser Geschichte war: Einige Juden, die damals Christen wurden, wurden zu den größten Antisemiten. Das war der Grund, warum jesusgläubige Juden immer wieder als Verräter angesehen wurden.


Dieser Gedanke ist bis heute präsent im kollektiven Gedächtnis der Juden. Ein anderer Punkt ist: Die heutigen Rabbiner und orthodoxen Juden haben im Grunde keine Angst vor Jesus. Wovor sie Angst haben, ist, dass jesusgläubige Juden nicht mehr jüdisch leben. Das ist eine berechtigte Angst, denn so war es in den letzten Jahrhunderten. Moderne messianische Juden jedoch pflegen einen jüdischen Lebensstil. Aber das wissen orthodoxe Juden nicht, weil sie keinen Kontakt mit uns haben. Sie reden mit uns nicht auf Augenhöhe. Wenn sie uns Achtung schenken und in einen Dialog mit uns treten würden, dann hätten sie vielleicht weniger Angst vor uns.
 

Die jüdischen Feste weisen auf Jesus hin

ERF: Christen verwundert es manchmal, dass messianische Juden ganz andere Feiertage begehen als sie. Warum feiern sie die jüdischen und nicht die christlichen Feiertage?

Anatoli Uschomirski: Die jüdischen Feiertage sind die Feste der Bibel. Die Bibel bezeichnet sie als „Feste des Herrn“. Der hebräische Name für diese Feiertage ist „Moed“. Moed kann man übersetzen als „festgesetzter Termin“. Im Grunde sagt Gott: Zu diesem Termin möchte ich mit euch Gemeinschaft haben. Jesus hat alle diese Feste gefeiert, genau wie die Apostel. Deswegen feiern auch wir sie.

Weihnachten feiern wir nicht, weil Weihnachten kein biblischer Feiertag ist. Ostern feiern wir auch nicht, dafür aber das jüdische Passahfest: An diesem Fest feiern wir den Tod und die Auferstehung Jesu. Der Termin vom Passahfest wurde allerdings im Jahre 325 beim Konzil von Nicäa von Kaiser Konstantin absichtlich um eine Woche verschoben. Es gibt Dokumente, die bezeugen, aus welchem Grund das geschah und zwar, „um nicht mit diesen Juden gemeinsam zu feiern“. Der Kirche waren bei dieser Entscheidung politische und emotionale Gründe wichtiger als theologische. Dadurch gibt es Ostern.

Juden haben noch ein weiteres emotionales Problem mit den christlichen Feiertagen: An diesen beiden Feiertagen gab es die meisten christlichen Pogrome in Osteuropa.


Die Christen haben Juden in ihren Gebetshäusern eingesperrt und die Häuser angezündet. Sie gingen um die Häuser herum und sangen christliche Hymnen. Das war vor hundert bis zweihundert Jahren, aber ich kann ich gut nachvollziehen, dass viele Juden immer noch eine Abneigung gegenüber diesen Festen haben. Leider haben Christen aus dieser Geschichte wenig gelernt. Der „Blutige Palmsonntag“ am 25. März 1934 in Gunzenhausen ist ein Beispiel dafür.
 

ERF: Wäre es für die Zukunft nicht hilfreich, wenn messianische Juden und Christen die Auferstehung Jesu gemeinsam feierten?

Anatoli Uschomirski: Das machen wir schon. Einige messianische Gemeinden laden zum Passahfest immer Christen ein. Und die Osterwoche ist für mich die spannendste Woche im Jahr, weil ich dann fast jeden Tag in christlichen Gemeinden unterwegs bin, um mit Christen das Passahfest mit messianischen Inhalten zu feiern. Ich zeige ihnen dann, wie Jesus dieses Fest erfüllt.

Denn alle biblischen Feste haben für uns Juden sowohl prophetische als auch messianische Bedeutung. Sie weisen auf Jesus hin.


Einige Feste wurden schon erfüllt. Die Erfüllung von den anderen steht noch aus. Es ist unmöglich, ohne die Bedeutung der Feste das Heilsprogramm Gottes zu begreifen.

ERF: Vielen Dank für das Interview.
 

Anatoli Uschomirski zu Gast bei ERF Mensch Gott

 

 Rebecca Schneebeli

Rebecca Schneebeli

  |  Redakteurin

Sie schätzt an ihrem Job, mit verschiedenen Menschen und Themen in Kontakt zu kommen. Sie ist verheiratet und mag Krimis und englische Serien.

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Kommentare (5)

El Hage /

Hallo Zusammen,
mein Name ist El Hage, ich komme aus dem Libanon, habe mich schon immer für Religion Wissenschaften interessiert, bin zwar ein Dip. Betriebswirt habe jedoch Jahre lang die mehr

Anatoli Uschomirski /

Lieber Manfred,
danke für Ihre Fragen. Ich weiß nicht genau, was Sie unter "konservativ" verstehen. Die moderne messianische Bewegung ist sehr jung, um sich den Luxus zu leisten, sich in mehr

Manfred /

Hallo Redaktion,
danke für die Antwort. Das hätte ich mir nie erwartet.
Können Sie noch einen Verweis auf das weitere Interview geben, ich konnte es nicht finden.
Ich würde gerne noch zwei weitere mehr

Die Redaktion /

Hallo Manfred,
vielen Dank für die Rückmeldung. Wir hoffen, dass das Interview morgen Ihre Fragen etwas besser beantwortet.

Manfred /

Zuerst danke für das Interview. Da mich die Frage interessiert, ist es hilfreich mehr zu erfahren, als nur die Meldungen vom Kirchtentag und dem Ausschluss.
Offen und ungeklärt bleibt für mich nach mehr

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