Was bringt dich so richtig auf die Palme? Ich meine nicht die kleinen Alltagsärgernisse, wobei auch die viel Potenzial haben.
Zum Beispiel diese Person vor dir im Straßenverkehr, die mit stoischer Ruhe auf die Ampel zurollt und es noch bei dunkelgelb drüber schafft – im Gegensatz zu dir. Oder der Kunde vor dir an der Bäckertheke, der eine sehr persönliche Beziehung zur Verkäuferin aufbaut und sich genau für die letzten Rosinenschnecken entscheidet, die du wolltest.
Das ist ärgerlich. Aber das ist es nicht, was ich meine.
Ärger in XXL
Ich meine die Situationen, die dich unverhältnismäßig stark treffen. Ein Funke reicht und du gehst in die Luft. Du machst im Meeting einen guten Vorschlag, aber erst als ein Kollege ihn fast wortgleich wiederholt, wird er plötzlich interessant. Der Familienrat trifft eine Entscheidung, aber du wirst nicht einbezogen. Es gibt viele solcher Situationen, und wahrscheinlich hast du sofort deine eigenen Beispiele im Kopf.
Solche Situationen haben Gewicht. Und es gibt einen guten Grund, sich darüber zu ärgern.
Das Problem ist nur: Unser Ärger bleibt selten in einem gesunden Rahmen. Er nimmt gern Übergröße an. XXL, mindestens.
Ein klärendes Gespräch wäre eigentlich möglich, aber dazu kommt es gar nicht mehr, weil wir schon längst auf 180 sind.
Eine unbequeme Frage
Mitten hinein in solche Momente spricht Gott eine bemerkenswerte Frage – nachzulesen in Jona 4,4. Dort fragt Gott den Propheten Jona: „Ist es recht, dass du so zornig bist?“
Der Hintergrund dieser Bibelstelle hat eine gewisse Ironie. Jona, der auf Gottes Geheiß hin den Untergang der Stadt Ninive angekündigt hat, sitzt in sicherer Entfernung und will sich das Spektakel nicht entgehen lassen. Feuerball? Erdbeben? Selbstzerstörung? Jona wartet gespannt. Währenddessen lässt Gott eine Rizinusstaude wachsen, die ihm Schatten spendet. Jona freut sich. Kurz darauf sorgt ein Wurm dafür, dass die Pflanze eingeht. Die Sonne knallt, Jona ist wütend.
Was macht Gott? Er diskutiert nicht. Er sagt auch nicht: „Reiß dich mal zusammen.“ Er stellt eine simple Frage: „Ist es recht, dass du so zornig bist?“
Mir geht es hier um das kleine Wörtchen „so“. Denn die erste Antwort liegt auf der Hand. Natürlich ist es recht. Schließlich gibt es einen Auslöser. Es gibt immer einen Auslöser.
Doch Gottes Frage bezieht sich darauf, ob das Ausmaß von Jonas Ärger hier angebracht ist.
Warum kleine Auslöser so große Wirkung haben
Ich weiß nicht, warum Jona sich so sehr über die eingehende Rizinusstaude geärgert hat. Klar, er hatte keinen Schatten mehr. Aber vielleicht fühlte er sich auch von Gott veräppelt – hatte der ihn doch als Untergangspropheten berufen und nun passierte gar nichts.
Dieses Beispiel zeigt uns: Oft steckt hinter einer Reaktion mehr als der aktuelle Anlass. Es sind Erfahrungen, die sich angesammelt, oder Situationen, die sich wiederholt haben. Irgendwann reicht ein kleiner Anlass und der angestaute Ärger führt direkt zur Explosion.
Der „Point of no Return“
In vielen Bereichen des Lebens gibt es einen Moment, an dem eine Entwicklung nicht mehr ohne Weiteres umkehrbar ist. Beim Bergsteigen spricht man vom „Point of no Return“. Wer ihn überschreitet, muss den eingeschlagenen Weg zu Ende gehen, weil eine Umkehr nicht mehr möglich ist.
So einen Punkt gibt es auch beim Zorn. Es ist der Moment, in dem sich innerlich alles zuspitzt und der Puls steigt.
In diesem winzigen Moment wäre es noch möglich, innezuhalten. Danach wird es deutlich schwieriger.
Denn es hat sich eine Dynamik in Gang gesetzt, die sich nicht mehr einfach so aufhalten lässt.
Ein bewusster Umgang mit dem eigenen Ärger
Wenn ich merke, dass ich gerade sehr wütend werde, hilft Gottes Frage an Jona: Ist es recht, dass ich so zornig bin? Lasse ich es auf eine Eskalation ankommen oder trete ich vorher einen Schritt zurück? Dabei geht es mir nicht darum, Ärger kleinzureden oder permanent zu unterdrücken.
Denn manche Situationen bedürfen einer Klärung. Aber die ist nicht möglich, wenn ich dabei in die Luft gehe.
Ich weiß: Nicht immer erkennt man den „Point of No Return“ rechtzeitig. Aber das Schöne ist, dass wir Gott hier um Hilfe bitten können. In letzter Zeit hatte ich diese Frage an Jona öfter im Kopf und konnte mich dadurch in manchen Situationen zurückhalten, wo ich kurz vorm Explodieren war.
Im Nachgang habe ich dann darüber nachgedacht, warum mich das gerade so getroffen hat und wie ich künftig besser mit ähnlichen Situationen umgehen könnte.
Aber das ist erst der zweite Schritt. Im ersten Schritt geht es nur darum, die Palme erstmal Palme sein zu lassen – ohne gleich daran hochzuklettern.
Deine Meinung zählt!
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