Ein Gedankenspiel am Anfang. Eine liebe und herzensgute Dame aus der Gemeinde liebt es, am Samstag Traktate in der Fußgängerzone zu verteilen. Diese benennen die Wahrheit – so sagt sie – „klar und deutlich“: „Kehre um zum Herrn Jesus, der dich liebt und alles für dich getan hat. Du bist sonst ewig getrennt von Gott, wenn du dieses Angebot nicht annimmst, wirst du auf ewig Qualen erleiden.“
Wie wirken solche Sätze auf einen Menschen, der in seinem Leben Schweres, ja Traumatisierendes erlebt hat? Der emotionale, körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren hat? Als Christen haben wir die beste Botschaft der Welt. Davon bin ich überzeugt. Doch wie können wir so davon reden und auch Gottesdienst feiern, dass die frohe Botschaft auch für traumatisierte Menschen wirklich froh machend ist?
Als Christen haben wir die beste Botschaft der Welt. Doch wie können wir so davon reden, dass die frohe Botschaft auch für traumatisierte Menschen froh machend ist?
Knapp die Hälfte der Menschen gibt in Umfragen an, in ihrem Leben mindestens eine traumatisierende Erfahrung erlebt zu haben. Da der Trauma-Begriff oft unklar definiert ist, sind solche Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Ich persönlich gehe von höheren Zahlen aus. Denn wir leben nun einmal in einer verletzlichen, gebrochenen Welt.
Natürlich sind nicht alle deswegen traumatisiert, auch das ist klar. Aber da wir Traumatisierungen, die im Inneren unseres Gegenübers oft unbemerkt und abgespalten schlummern, von außen nicht sehen, brauchen wir eine grundsätzliche Disziplin in Worten und Taten. Dazu möchte ich in diesem Artikel 10 Grundpfeiler benennen, die mir hilfreich erscheinen.
1. Verletzte Menschen brauchen ein heilsames Gottesbild
Gesunde geistliche Entwicklung setzt innere Sicherheit voraus. Menschen mit traumatischen Erfahrungen brauchen ein Gottesbild, das Schutz, Verlässlichkeit und Annahme vermittelt – nicht Druck oder Angst. Sichere Bindung ist ein Schlüssel dafür, dass Menschen wachsen und heilen können.
Das Gottesbild, von dem wir erzählen und das wir in unserem Leben, aber auch im Gottesdienst verkörpern, muss sicher sein!
Gott ist ein sicherer Ort, ein Safe Space. Davon bin ich überzeugt, weil Jesus uns Gott so zeigt.
Ist es dann sinnvoll, wenn wir als Christen – wie in dem Beispiel oben – von einem Gott erzählen, der seine Menschen unendlich liebt und gleichzeitig Ablehnung mit ewiger Folter bestraft? Ist dies ein passender Gesprächseinstieg für einen möglicherweise traumatisierten Menschen? Meiner Ansicht nach nicht. Vielmehr sollten wir Gottes Liebe in den Fokus rücken. Herausstellen, dass er alles getan hat, um mit uns Menschen versöhnt zu sein.
2. Das Kreuz ohne Gewalt denken
So manche Gewalt- und Opfermetaphorik, die bis ins Detail die Folter Jesu am Kreuz ausmalt und mit unserer Schuld verbindet, kann belastend wirken. Ich bin der Überzeugung: Wir können theologisch verantwortlich vom Kreuz sprechen, ohne Drohkulissen aufzubauen, und dabei auf Gottes Solidarisierung mit Leidenden und Ausgegrenzten hinweisen.
In der Seelsorge erlebe ich immer wieder, dass Gottes Nähe zu allen Geschlagenen und Gedemütigten dieser Welt durch die Leidenserfahrung am Kreuz eine enorme Heilkraft besitzt. Gott bewahrt uns nicht vor allem – aber er leidet mit in allem. Wenn wir darauf bei der Botschaft vom Kreuz eingehen, sprechen wir traumatisierte Menschen direkt in ihrer Not an.
3. Ein Gottesbild vermitteln, das Brüchigkeit würdigt
Traumasensible Theologie und Praxis nimmt die Zerbrechlichkeit des Lebens ernst. Sie zeigt, dass Gott Menschen in ihrer Schwachheit begleitet, statt Stärke oder vollständige Heilung einzufordern.
Das bedeutet im Alltag, dass es nicht hilfreich ist, wenn wir als Christen in einem permanenttriumphalen „Gut-drauf“-Glauben unterwegs sind. Besser ist es, auch die Grautöne des Lebens zur Sprache zu bringen: die Highlights des Glaubens, aber eben auch unsere Zweifel, Fragen und das Gefühl der Gottesferne.
Ich glaube zuerst daran, dass die frohe Botschaft von Jesus enorm heilsam und heilbringend ist! Aber ich darf ihr keine Versprechen hinzufügen, die sie nicht einhalten kann.
Sonst immunisiere ich verletzte Menschen dagegen. Sobald der Glaube dann Versprechen, die er scheinbar gegeben hat, nicht einhält, wenden sich diese Menschen von Gott ab.
4. Machtverhältnisse ernst nehmen und behutsam gestalten
Geistliche Rollen – nicht nur die von Hauptamtlichen, sondern genauso von Hauskreisleitenden oder Musikteamleitenden – bringen zwangsläufig Macht mit sich. Denn gerade der geistliche Raum kann so tiefgehend sein wie kaum ein anderer. Eine reflektierte Haltung schützt uns davor, mit unserer Autorität andere ungewollt zu verletzen, und eröffnet Räume, in denen Menschen sich sicher äußern können.
Macht in Worten und Taten kann heilsam sein – oder zerstören. Einen sicheren Raum zu bieten bedeutet, dass wir überlegen, wie wir einladend vom Glauben sprechen und in unserem Reden und Handeln keine Grenzen überschreiten. Das kann enorm anstrengend sein, weil wir uns im Aushalten von Spannungen üben müssen. Daraus folgt der nächste Punkt:
5. Freiwilligkeit als theologisches Prinzip
Traumasensible Verkündigung und auch Weitergabe des Glaubens respektiert Grenzen. Sie lädt ein, ohne zu drängen, und macht klar: Beziehung zu Gott entsteht aus Freiheit, nicht aus Angst oder sozialem Zwang.
Gott geht es um echte Liebe und eine sichere Beziehung zu jedem Menschen. Diese wächst niemals aus Angst und Zwang.
Unsere Worte und Taten müssen das widerspiegeln, wenn wir jesusmäßig sein wollen. Gott ist niemals grenzüberschreitend; das ist auch der Maßstab für uns. Natürlich wünschen viele Christen sich, dass auch andere Gott und seine Liebe kennenlernen, aber wir können und dürfen niemanden zum Glauben überreden.
6. Gottesdienste bewusst traumasensibel gestalten
Atmosphäre, Rituale und Abläufe können Sicherheit stiften oder aber überfordern. Kleine Anpassungen in unseren Gottesdiensten können dabei helfen, dass sich alle gut aufgehoben fühlen. Dazu zählen transparente Abläufe, Wahlfreiheit und klare Signale.
Manche Gemeinden richten sich mit ihren Gottesdiensten an bestimmte Milieus. Das kann man so machen, aber alle Milieus durchzieht die Realität der Traumatisierung. Da verletzte und traumatisierte Menschen häufig sehr sensible Antennen haben, ist es notwendig, dass auch wir unsere Gottesdienste sensibel reflektieren. Einige Fragen können helfen:
- Üben wir irgendwo Druck aus?
- Drängt die Musik in Wort und Stil in bestimmte Stimmungen oder Aussagen hinein?
- Wie wirkt ein ausführlicher Kollektenaufruf?
- Ermöglicht das Abendmahl Begegnung ohne Zwang?
- Gibt es Elemente der Stille und des Ankommens?
- Kommen verschiedene Themen des Lebens vor – oder ist alles immer happy und gut gelaunt?
Oft hilft es, wenn wir bei der Gestaltung von Gottesdiensten verletzte Menschen im Hinterkopf haben und uns fragen: Wie könnte ein solches Element bei einem traumatisierten Menschen ankommen?
7. Gemeinschaft, die nicht überfordert
Gemeinde kann ein Ort der Stabilisierung sein, wenn sie Grenzen respektiert, Verlässlichkeit bietet und Menschen nicht mit Erwartungen überhäuft. Gerade freikirchliche Gemeinden haben oft einen hohen Anspruch an das Miteinander. Nicht selten schauen wir etwas spöttisch auf die Volkskirchen, wo alle direkt nach dem Gottesdienst verschwinden.
Genau das kann aber für verletzte Menschen wohltuend sein. Deswegen sollte das möglich sein – ohne direkt in lange Begrüßungsgespräche hineingezogen zu werden. Angebote zum Miteinander bieten? Ja, aber mit Wahlmöglichkeiten.
Auch eine schnelle Vereinnahmung für Dienste in der Gemeinde ist kontraproduktiv. Verletzte Menschen müssen sich sicher fühlen lernen. Gesunde Bindung an einem sicheren Ort und die Fähigkeit, Neues auszuprobieren, bedingen einander. Das braucht Zeit und Geduld.
Auch das erwünschte Maß an sogenannter Authentizität kann überfordern. Für einen Menschen mit Lebenswunden kann es eben auch sehr authentisch sein, sich nicht mitzuteilen – erst einmal. Respektieren wir das?
8. Geduld als geistliche Haltung
Trauma braucht einen langsamen Rhythmus. Es braucht geistliche Begleitung, die Zeit lässt und signalisiert: Wachstum passiert im eigenen Tempo und Gott drängt nicht zur schnellen „Lösung“ – wenn Lösung hier überhaupt das passende Wort ist.
Da wir in einem Instant-Zeitalter leben, müssen wir lernen, dem Sog nach geistlichen Abkürzungen zu widerstehen. In der seelsorgerlichen Begleitung anderer Menschen, aber auch in unserem eigenen Leben.
Alles hat seine Zeit. Und Heilung von Traumata ist ein Marathon, kein Sprint.
9. Eine Theologie der Einladung statt der Angst
Ein einladendes Gottesbild löst Angstspiralen auf. Im Zentrum steht Gottes Wunsch, Menschen aufzunehmen, nicht zu bedrohen oder auszugrenzen. Hier beginnt sich der Kreis langsam zu schließen. So wie Jesus die Emmaus-Jünger einlädt, mit ihnen zu essen – und sie erst dann erkennen, wer er wirklich ist –, so dürfen wir uns Gott als Gastgeber für die Menschen vorstellen, denen wir begegnen.
Jesus zeigt uns einen Gott, der genau die nicht ausgrenzt, an die wir vielleicht zuerst denken, dass er sie ausgrenzen würde: Außenseiter, Kaputte, Randfiguren, Sünder. Die frohe Botschaft ist eine Inklusions-Botschaft.
Selbst am Kreuz hört Jesus nicht auf, Menschen miteinander zu verbinden und Tätern zu vergeben. Bei so einem Gott darf sich jeder bedingungslos eingeladen fühlen.
Ein Gott der Gewalt, des erhobenen Zeigefingers, der Drohungen – all das bewirkt bei verletzten Menschen das Gegenteil. Bleiben wir bei der frohen Botschaft. Angst kann kurzfristig vermeintliche Erfolge erzielen, langfristig bleiben toxische Beziehungen, die weiter verletzen. Es ist Gottes Liebe, die traumatisierte Menschen wirklich zu ihm ziehen kann, nicht die Angst vor Strafe.
10. Segen statt Soll: Glaube als Ressource
Eine segensorientierte Spiritualität stärkt Selbstwirksamkeit und vermittelt Zuspruch. Gottes Segen erinnert uns daran, dass Glaube nicht Last ist, sondern Kraftquelle.
Viele Christinnen und Christen setzen sich aktiv und mit viel Herzblut für Gottes Sache ein. Oft geht dabei die Gelassenheit und das Vertrauen darin verloren, dass es ja Gottes Werk ist. Es entsteht – gemäß unserer gesellschaftlichen Prägung – ein Leistungsglaube.
Ja, sich einzusetzen ist großartig, aber es ist eine Folge unseres eigenen Glaubens, keine Voraussetzung dafür.
Die Zusage kommt grundsätzlich vor der Aufforderung. Gottes Gnade geht voran und schaut nicht auf unsere Leistung.
Beim Umgang mit Verletzten (und wer ist das am Ende nicht?) entfaltet das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg Wirksamkeit. Hier erhält jeder Arbeiter am Ende des Tages den gleichen Lohn, ob er nun früh oder spät begonnen, viel oder wenig geschafft hat. Darin zeigt sich Gottes Zuspruch: Es ist okay. Sei einfach da. Tu das Deine nach deiner Kraft. Das reicht.
So wird der Glaube nicht zu einer weiteren Zutat im Anforderungscocktail des Alltags.
Das Evangelium ist heilsam. Wir sind es nicht immer. Deswegen lasst uns achtsam werden – und dem Evangelium nicht im Weg herumstehen. Besonders für all die verletzten und traumatisierten Menschen, die es so sehr brauchen.
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