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05.07.2022 / Zum Schwerpunktthema / Lesezeit: ~ 6 min

Autor/-in: Markus Baum

Bin ich so frei?

Freiheit. Hört sich gut an, wird aber schnell kompliziert. Rechte bringen Pflichten mit sich, und auch wer frei wählt, wird mit den Folgen leben.


Freiheitsstatue, Freiheitsdrang, Freiheitskämpfer und -kämpferinnen, Freiheitsgrade, Freizeit, Freimut, freien, freiwillig, freigiebig: Nur wenige Worte sind so vielseitig belegt oder lassen sich so unterschiedlich verknüpfen wie das Eigenschaftswort „frei“ – und das zugehörige Hauptwort „Freiheit“. Frei bin ich und frei sind wir wohl alle gern. Zugleich leben wir alle in verschiedensten Abhängigkeiten. Manche selbst gewählt, andere von außen auferlegt. Das macht die Sache kompliziert.

Wir Menschen sind allesamt soziale Wesen. Damit sind weite Teile unseres Lebens unfrei. Vom ersten Atemzug an sind wir darauf angewiesen, dass andere auf uns achten und für uns sorgen. Wenn Menschen erwachsen werden und auf eigenen Beinen stehen, gilt es die lautlos gestellte Aufgabe zu lösen: Unabhängig werden und die familiären Bindungen vielleicht nicht völlig abschütteln, aber doch lockern und etwas auf Abstand gehen.

Die frisch gewonnenen Freiheiten nutzen die meisten jungen Erwachsenen dazu, ganz freiwillig neue Beziehungen zu knüpfen – und geben damit einen gewissen Grad ihrer noch gar nicht so lang erfahrenen Freiheit und Unabhängigkeit wieder auf.

Ganz ähnlich sieht es mit der Freiheit als Lebensgefühl aus. Sich ungebunden wissen, einen eigenen Kopf haben, ganz eigene Träume entwickeln, lohnende Ziele suchen und innerlich auf Entdeckungsreise gehen, das hört sich nach Freiheit an.

Viele Menschen stoßen auf reizvolle Ideen, denen sie sich widmen – oder finden Vorbilder und eifern ihnen nach. Doch wenn jemand oder etwas meine volle Konzentration und meinen leidenschaftlichen Einsatz fordert, ist es dann nicht schon wieder vorbei mit meiner inneren Freiheit?

Das wäre ein Missverständnis. Wenn ich mich freiwillig und bewusst auf einen solchen Weg mache, dann ist das ein freiheitlicher Akt. Eine Glücksgarantie gibt es dafür allerdings nicht. Freiwillig eingeschlagene Wege können sich als Holzwege erweisen, freiwillig geknüpfte Bande als Fesseln, Hingabe kann missbraucht werden. Und auch völlig frei und unabhängig können Menschen grandios oder kläglich scheitern. Die Freiheit schließt die persönliche Verantwortung mit ein.

Zudem kann mir vieles, was ich selbst in aller Freiheit wähle, die Freiheit rauben: Zwanghaftes Verhalten, Suchtmittel und toxische Beziehungen. Wer so etwas an sich entdeckt oder sich selbst eingestanden hat, fragt sich womöglich: Kann ich je davon frei werden?
 

Freiheit führt zu Freimut

Deshalb ist die Botschaft des Zimmermanns und Wanderpredigers aus Nazareth so weltumstürzend: „Wenn euch der Sohn frei macht, dann seid ihr wirklich frei“ (Johannes 8,36). Wessen Sohn? Gottes Sohn. Jesus hat hier von sich selbst gesprochen.

Die Freiheit, von der Jesus im Johannesevangelium spricht, ist eine wahrhaftige innere Freiheit. Nur ein derart freier Mensch kann ganz und gar einverstanden sein mit dem, was ein anderer, was Gott will. Ohne jeden Vorbehalt. Er kann erleben: In dieser selbst gewählten, freiwilligen Bindung an Gott steckt tatsächlich grenzenlose, unvorstellbare Freiheit. Und das völlig unabhängig von meinem gesellschaftlichen oder sozialen Status.

Was ermöglicht diese von Gott geschenkte, durch Jesus bewirkte Freiheit? Sie kann zum Beispiel erfinderisch machen – lässt Menschen Lösungswege suchen für knifflige Probleme oder für verzwickte zwischenmenschliche Blockaden. Von Gott innerlich freigesetzt, gewinnen Menschen Freimut, setzen sich über Konventionen hinweg, wagen es, Tabus zu hinterfragen. Und finden sich nicht damit ab, dass die Dinge angeblich schon immer so lagen, wie sie liegen. Bringen damit womöglich einzelne Menschen gegen sich auf – bringen dafür aber andere Menschen ins Grübeln und wecken die Sehnsucht: Was der, was die sich traut, das möchte ich auch.

Jesus, der Sohn der Maria, der Wanderprediger aus Nazareth, hat es vorgelebt: Gottvertrauen gibt Selbstvertrauen. Und derart innerlich freie Menschen werden oft auch zu Anwälten der Freiheit anderer.
 

Ein Schatz an Freiheiten

Das zeigt ein Blick auf die bürgerlichen Freiheiten, die wir hierzulande genießen. Viele davon sind junge Errungenschaften, erkämpft durch beharrliche Arbeit, manchmal über Generationen. Übrigens gestehen wir manche dieser Freiheiten selbst heute längst nicht jeder und nicht jedem zu.

Angefangen bei der Freizügigkeit: Sich niederlassen können, wo man will, das muss man sich leisten können, und es setzt einen uneingeschränkten Aufenthaltsstatus voraus. Auch Bildungs-, Berufs- und Gewerbefreiheit sind an gewisse Bedingungen geknüpft: Fleiß und erwiesenes Talent sind schon nötig, und viele Projekte erfordern auch entsprechende Mittel.

Unbedingter sind einige bürgerliche Freiheiten, deren hoher Wert uns in den letzten Jahren deutlich geworden ist, auch wenn (oder gerade weil) sie von Einzelnen und von manchen Gruppen stark strapaziert wurden: Versammlungsfreiheit – in freiheitlichen Gesellschaften können sich Menschen verabreden, wo und mit wem sie wollen – im Park, in einem Café, in einem Gewerbegebiet oder im Wald. Diese Freiheit ist mit dem Demonstrationsrecht verknüpft.

Meinungsfreiheit – ich kann die Mehrheitsmeinung teilen, kann aber auch exotische oder versponnene Ansichten vertreten. Ich kann zum Beispiel an den großen Lars vom Mars glauben oder daran, dass in Wirklichkeit die Illuminaten die Welt regieren. Bloß sollte ich dann eben auch darauf gefasst sein, dass mich andere Leute nicht ernst nehmen.

Diese drei Freiheiten sind geschichtlich eng verknüpft mit der Glaubens- und Religionsfreiheit – jede und jeder kann einer Religion anhängen oder kann es auch sein lassen, kann in eine Glaubensgemeinschaft eintreten, aber auch wieder austreten, selbst wenn die Glaubensgemeinschaft das anders sieht. Wenn ich mag und es richtig finde, kann ich die Regeln einer Religion strengstens beachten, ich kann es aber auch lockerer halten.

Viele Freiheiten, die wir genießen, sind mit Rechten verknüpft. Viele Rechte sind aber auch mit Freiheiten verknüpft: Das Recht auf Eigentum zum Beispiel. Ich bin so frei, Eigentum zu erwerben. Ich kann Dinge besitzen und damit frei umgehen, kann sie nutzen, kann sie auch einfach nur lagern und NICHT nutzen, kann sie verschenken, ausleihen, verkaufen.

Oder das Recht auf Privatheit: Ich bin so frei, in meinen eigenen vier Wänden zu tun und zu lassen, was mir Spaß macht: Kopfstand machen, Mehlwürmer züchten, kitschige Lieder singen, Orgelkonzerte hören oder nichts von alledem. Solange ich die Miete, Wasser, Strom und Müllgebühren bezahle – und solange ich nicht die Nachbarn störe oder schädige.

Auch wichtig: Das Wahlrecht. Ich kann mich an der politischen Willensbildung beteiligen. Und ich bin so frei, wenn ich will, ungültig zu stimmen oder „Donald Duck“ auf den Wahlbogen zu schreiben.

All diese Rechte sind Spezialfälle im weiten Feld der Entscheidungsfreiheit. Und die hängt mit der Mündigkeit zusammen, also auch mit Reife und Lebensalter. Das hat der Mensch nicht von Geburt an.
 

Freiheit – nicht nur für mich selbst

Damit sind wir bei grundsätzlichen Aspekten der Freiheit. Freiheit erstreben und Freiheit nutzen kann ja nur, wer sich seiner selbst bewusst ist. Entscheidungsfreiheit gestehen wir auch im Jahr des Herrn 2022 nicht allen zu – man muss zumindest bei Sinnen sein. Und es setzt grundsätzlich voraus, dass wir Menschen über einen freien Willen verfügen.

Das hat bis vor wenigen Jahren niemand ernsthaft in Frage gestellt. Martin Luther aber hat sich bereits vor 500 Jahren auch darüber Gedanken gemacht. Kühne, freimütige Menschen wie er haben wichtige denkerische Vorarbeit geleistet und haben damit der Freiheit, wie wir sie heute verstehen und genießen, eine Gasse bereitet. Mut und Freimut zeichnet auch viele Menschen aus, die aus dem Evangelium die Ebenbürtigkeit aller Menschen abgeleitet und das öffentlich vertreten haben. Ebenso die, die den Tyrannen der Gegenwart ihren Anspruch bestreiten, oft um einen hohen persönlichen Preis.

Daran wird deutlich: Freiheit ist kostbar. Bei den bürgerlichen Freiheiten sehen wir das unmittelbar ein. Aber das gilt natürlich auch und erst recht für die innere, von Gott gewirkte Freiheit. Das Evangelium, die Botschaft von der Befreiung des Menschen aus der Sklaverei der Sünde ist ein Schatz, den die Christenheit nicht eifersüchtig hüten und vor der Umwelt abschirmen darf, sondern sie soll ihn teilen. Wie die bürgerlichen Freiheiten ist auch die christliche Freiheit etwas, das niemand nur für sich selbst reklamieren sollte. Wer etwas davon begriffen hat, gönnt es und wünscht es auch anderen.
 

Markus Baum betreut als Programmreferent ehrenamtliche Autorinnen und Autoren, verantwortet mehrere Sendereihen und die Musik auf ERF Plus. Für ihn ist Menschenrecht gleich Christenpflicht – und Freiheitsrechte sind Menschenrechte.
 

 Markus Baum

Markus Baum

  |  Programmreferent
Exilschwabe, seit 1982 in Diensten des ERF. Leidenschaftlicher Radiomacher, Liebhaber der deutschen Sprache und Kenner der christlichen Musiklandschaft. Übersetzt Bücher ins Deutsche und schreibt gelegentlich selber welche. Singt gern mit Menschen. Verheiratet, drei erwachsene Kinder.

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