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© Riccardon Mion / unsplash.com

14.04.2020 / Interview / Lesezeit: ~ 5 min

Autor/-in: Hanna Willhelm

Achtsam für Gottes Gegenwart

Erfolgsautorin S.Garlough Brown über geistliche Übungen und ihren Erfolgsroman.

Gott nicht in Schubladen stecken

ERF: Die evangelische Theologie ist aufgrund der Kirchengeschichte eher zurückhaltend, was Exerzitien angeht: Ignatius von Loyola, auf den einige der bekanntesten geistlichen Übungen zurückgehen, war kein Freund der neuen Konfession. Hatten Sie als Protestantin ebenfalls Vorbehalte?

Sharon Garlough Brown: Ja. Diese Übungen waren ganz anders als meine normalen Erfahrungen. Eines Tages lud meine Exerzitienleiterin mich ein, mit meiner Vorstellungskraft über einem biblischen Text zu beten. Ich wusste, wie man die Bibel liest, wie man das Wort Gottes lehrt und wie man predigt. Aber in einen Bibeltext einzutauchen und sozusagen zu einer der biblischen Figuren zu werden - das war mir unangenehm. Ich brauchte lange, um das einzuüben und anfangs bereitete es mir Unbehagen.

ERF: Warum haben Sie sich trotzdem auf die Übung eingelassen?

Sharon Garlough Brown: Ich habe Gott gebeten, er möge mir großes Vertrauen in ihn schenken, und irgendwann habe ich die Früchte dieser Übung in meinem Leben gesehen. Ich begriff, dass Gott manche Schulblade, in die ich ihn gesteckt hatte, nicht für sich geschaffen hat. Und ich fing an, darüber nachzudenken, wie Jesus die Vorstellungskraft genutzt hat. Er wusste, welche Kraft in Geschichten steckt.

Gott lädt uns ein, alle Gaben, die er uns geschenkt hat, einzusetzen, wenn wir uns mit der Bibel befassen. Sich mit der eigenen Vorstellungskraft auf einen biblischen Text einzulassen, ist eine Gebetsübung, bei der wir eingeladen sind, Gott zu begegnen. Wir lassen dabei zu, dass er uns einen Spiegel vorhält, so dass wir ein klareres Bild von uns bekommen und heil werden. Außerdem kann der Heilige Geist durch diese Übung bildlich gesprochen Fenster öffnen, durch die wir Gott deutlicher erkennen können.

Gott lädt uns ein, alle Gaben, die er uns geschenkt hat, einzusetzen, wenn wir uns mit der Bibel befassen. Sich mit der eigenen Vorstellungskraft auf einen biblischen Text einzulassen, ist eine Gebetsübung, bei der wir eingeladen sind, Gott zu begegnen.

ERF: Das klingt wie eine Garantie für ein gesundes und erfolgreiches geistliches Leben. Ist es das?

Sharon Garlough Brown: So würde ich das nicht sagen. Aber es kann uns offener für die Möglichkeit machen, Gott mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Ich halte es für bemerkenswert, dass wir Tag für Tag die ungeteilte Aufmerksamkeit des allmächtigen Gottes genießen. Aber Gott hat nicht immer unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit ist eine Art, achtsamer zu werden.
 

ERF: Was war rückblickend die bedeutendste Veränderung in Ihrem Leben, nachdem Sie mit den geistlichen Übungen begonnen haben?

Sharon Garlough Brown: Mehr Freiheit. Das erwarten man nicht, wenn man das Wort geistliche Übung hört. Wir denken eher, es sei eine Aufgabe oder Pflicht. Aber es entsteht Freude und Freiheit daraus. Ich habe irgendwann entdeckt, dass die geistliche Übung gar nicht schwer zu praktizieren ist. Sie fügt sich ganz natürlich in das tägliche Leben. Es gehört dann zu unserem Tagesablauf in unserem Leben mit Gott.

Ich habe irgendwann entdeckt, dass die geistliche Übung gar nicht schwer zu praktizieren ist. Sie fügt sich ganz natürlich in das tägliche Leben.
Sharon Garlough Brown

Ein neues Genre ensteht

ERF: Nachdem Sie Ihre eigenen Erfahrungen mit geistlichen Übungen gemacht hatten, haben Sie in Ihrer Gemeinde 2008 eine Exerzitien-Gruppe für Frauen gegründet. Die Zeit in dieser Gruppe war für die Teilnehmerinnen eine intensive, heilsame, aber auch schmerzhafte Erfahrung. Hat Sie das überrascht?

Sharon Garlough Brown: Die Frauen hatten eine gemeinsame Sehnsucht: Sie wünschten sich einen sicheren Ort, an dem sie ehrlich sein konnten – Gott gegenüber und untereinander. Sie sehnten sich danach, frei von Oberflächlichkeit zu sein, wollten keine Masken tragen müssen, um zu verbergen, wer sie wirklich waren. Weil sie alle gemeinsam diese Sehnsucht hatten, kamen wir sehr schnell intensiv ins Gespräch. Hier begann die Lebensveränderung, denn die Frauen verpflichteten sich gegenseitig, mit der Offenheit der anderen vertrauenswürdig umzugehen.

Auf diese Weise trauten sich die Frauen sogar, ihre Sünden und ihr Versagen zu bekennen. Im Jakobusbrief steht, dass wir einander unsere Sünden bekennen sollen, damit wir geheilt werden können. Und das ist richtig. Wenn wir unsere Schuld ans Licht bringen und jemand uns die Gnade, Vergebung und Wahrheit Jesu vorlebt, statt uns zurückzuweisen oder uns zu blamieren, dann ist das sehr heilsam. Der Heilige Geist bewirkte dadurch unglaubliche Heilung und Freiheit damit.

Die Frauen sprachen auch ihre Sorgen voreinander aus, die zu betrauern sie nie zuvor gewagt hatten. Wir glauben oft der Lüge, wir müssten stärker sein als unser Schmerz – ihn kleinreden und verleugnen. Aber Gott sagt: Bringt ihn zu mir, als Opfer. Die Frauen wurden fähig, laut auszusprechen, was ihre Herzen verletzt hatte, was ihnen Wunden zugefügt hatte und was sie nie zuvor jemandem gesagt hatten.

Wir glauben oft der Lüge, wir müssten stärker sein als unser Schmerz – ihn kleinreden und verleugnen. Aber Gott sagt: Bringt ihn zu mir, als Opfer.
Sharon Garlough Brown

 

ERF: Hatten Sie an irgendeinem Punkt Angst, das Ganze könnte kippen und zu intensiv oder zu problematisch für die Gruppe werden?

Sharon Garlough Brown: Diesbezüglich müssen wir immer sehr achtsam sein. Es können in einer Gruppe Dinge an die Oberfläche kommen, bei denen man die Hilfe eines Pastors, eines Seelsorgers oder eines erfahrenen Arztes braucht. Die Teilnehmer müssen einander behutsam begleiten und einander gegebenenfalls auch Mut machen, außerhalb der Gruppe professionelle Hilfe zu suchen. 
 

ERF: Sie haben sich durch die Erfahrung mit dieser Gruppe von Gott aufgefordert gefühlt, ein Buch zu schreiben, woraus später dann die Reihe „Unterwegs mit Dir“ entstanden ist. Waren Sie von dem Erfolg des Romans überrascht?

Sharon Garlough Brown: Ich war erstaunt, was der Heilige Geist mit diesem Buch getan hat. Ich wusste nur, dass Gott wollte, ich soll den Glaubensschritt tun und diese Geschichte über Frauen schreiben, die sich durch den Heiligen Geist und mit gemeinsamen geistlichen Übungen verändern. Mehr wusste ich nicht.

Jetzt sagt man mir, ich hätte ein neues Genre geschaffen: eine Art Hybrid aus Fiktion und Übungen, um geistlich geformt zu werden. Auch das war nicht meine Absicht. Ich wusste nicht, wie man Fiktion schreibt und wusste daher auch nicht, wie man die Regeln dieses Schreibens bricht. Ich wusste lediglich, dass ich weiterhin Ja sagen musste, wenn ich spürte, dass Gott mich auf dieser Reise leitete. Dem musste ich treu bleiben.
 

ERF: Vielen Dank für das Gespräch!