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© Luemen Rutkowski / Unsplash.com

10.07.2023 / Andacht / Lesezeit: ~ 4 min

Autor/-in: Wolf-Dieter Kretschmer

Familienbesuch bei Jesus

Wie Jesus unsere Vorstellungen von Familie sprengt. Eine Andacht.

 

In meinem Leben kenne ich Phasen, in denen es turbulent zugeht. Ich habe alle Hände voll zu tun und erlebe, dass meine Arbeit von anderen geschätzt wird. Das ist ein sehr gutes Gefühl.

Jesus muss es ähnlich ergangen sein. Seit dem Beginn seines öffentlichen Wirkens ist er ein gefragter Mann. Die Leute hören ihm gerne zu, denn das, was er zu sagen hat, ist bemerkenswert. Seine Botschaft inspiriert und ist voller Kraft, irgendwie gehaltvoller als das, was sie sonst von den Gesetzeslehrern gewohnt sind.

Woran das liegt? Mir hilft an dieser Stelle folgender Gedanke: Wenn das Wort Gottes nur im Kopf bleibt, bringt das allerhand interessante theoretische Erkenntnisse hervor, auf mein Leben hat das aber keinen Einfluss. Doch wenn Gottes Wort aus dem Kopf ins Herz rutscht, gewinnt es an Bedeutung. Es hat mit einem Mal mit mir und meinem Leben zu tun. Jetzt entfaltet es seine volle Wirkung.

Wenn Gottes Wort aus dem Kopf ins Herz rutscht, hat es mit einem Mal mit mir und meinem Leben zu tun. Jetzt entfaltet es seine volle Wirkung.

Genauso stelle ich mir die Predigten von Jesus vor. Kraftvoll, lebensnah, herausfordernd und hilfreich. Kein Wunder, dass Leute aus allen Ecken des Landes herbeiströmen, um diesem außergewöhnlichen Lehrer zu lauschen.

Die Gerüchteküche brodelt

Weil Jesus das, was er verkündigt, mit Taten unterstreicht, ist die Wirkung seiner Botschaft umso nachhaltiger. Kranke, die ihm ihre Nöte schildern, erleben Heilung. Dabei spielt es keine Rolle, welches Leiden die Menschen plagt. Jesus heilt ausnahmslos alle, die sich ihm zuwenden.

Aber wo Außergewöhnliches geschieht, treten bald Kritiker und Verschwörungstheoretiker auf. Einige unterstellen Jesus Unfassbares, einige Jerusalemer Theologen behaupten sogar, Jesus sei vom Teufel besessen (vgl. Markus 3,22).

Das sind harte Vorwürfe, die nicht zu dem passen, was die Leute tagtäglich erleben. Dementsprechend brodelt die Gerüchteküche. Woher nimmt Jesus die Inspiration? Woher die Macht, Menschen zu heilen? Ich kann mir vorstellen, dass zu dieser Zeit in vielen Haushalten bei Tisch die Frage diskutiert wird: Wer ist dieser Jesus?

Kein Wunder, dass man sich in der Familie von Jesus Sorgen macht. Wohin soll das alles führen? Was wird noch geschehen? Steht Ärger mit den Behörden ins Haus? Maria, die Mutter von Jesus und seine Geschwister machen sich auf den Weg, um mit ihm zu reden.

Familie ist wichtig

Als sie ihn endlich finden, stehen sie vor einem Problem: Wie sollen sie angesichts der Menschenmenge zu Jesus vordringen? Das Haus, in dem er lehrt, ist brechend voll. Also schickt man jemanden vor, der Jesus informiert: „Deine Mutter und deine Geschwister stehen draußen. Sie wollen dich sprechen.“

Entgegen der damals üblichen Gepflogenheit, in der der Familie größte Bedeutung zugemessen wird, lässt sich Jesus nicht unterbrechen. Im Gegenteil, in Matthäus 8,48-50 heißt es: „Doch Jesus fragte zurück: ‚Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Geschwister?‘ Dann zeigte er auf seine Jünger: ‚Das hier sind meine Mutter und meine Geschwister. Denn wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist für mich Bruder, Schwester und Mutter!‘“

Im für damalige Rabbiner üblichen Lehrstil greift Jesus das Anliegen auf und macht daraus eine Frage, die er seinen Zuhörern stellt. Er bezieht sie ein. Sie sollen sich Gedanken machen: Wer ist meine Mutter, wer meine Geschwister?

Gottes Familie ist die, die zählt

Jesus wartet nicht auf mögliche Antwortversuche. Er macht klar, was ihm wichtig ist: Jeder, der sich nach dem Willen des Vaters im Himmel richtet, ist Bruder, Schwester und Mutter. Was Jesus hier tut, finde ich bemerkenswert. Er macht seine Zuhörer auf jemanden aufmerksam, an den niemand gedacht hat, der aber zur Familie gehört: Jesus spricht von seinem Vater im Himmel.

Mit anderen Worten: Jesus sagt indirekt, dass zu seiner Familie nicht nur Mutter und Geschwister gehören, sondern auch Gott, den er als Vater im Himmel bezeichnet.

Dazugehören ist alles

Mich spricht dieser Bibelabschnitt besonders an. Das liegt daran, dass mein Bruder und ich als Halbwaisen aufgewachsen sind. Unser Vater ist früh verstorben. Für uns war Familie besonders wichtig. Die tragischen Umstände des Unfalltods meines Vaters haben meine Mutter, meinen Bruder und mich zusammengeschweißt. Es war ein bisschen so wie in der Familie von Jesus, in der Joseph vermutlich auch früh verstorben ist.

Meine Eltern haben mir von Anfang an Gott als Vater im Himmel lieb gemacht. Heute empfinde ich das als ein großes Geschenk, denn die Vorstellungen mancher von Gott als einem drohenden Richtersind mir fremd. Es ist eher andersherum. Ich habe früh gelernt, dass Gott sich mir liebevoll als Vater im Himmel zuwendet.

Folglich zeichnet den, der sich an dem orientiert, was Gott, der Vater im Himmel will, etwas Besonderes aus. Der oder die gehören zur erweiterten Familie dazu.

Was ich lerne

Im heutigen Bibeltext aus Matthäus 8, 46-50 entdecke ich ein paar wertvolle Punkte:

  1. Jesus wird mir vorgestellt als jemand, der kraftvoll in das Leben von Menschen hineinspricht. Seinen Worten verleiht er mit Taten Nachdruck.
  2. Wo Gott wirkt, sind bald Menschen zur Stelle, die sein Handeln hinterfragen und mit abwegigen Behauptungen kleinreden wollen. Widerstand ist normal. Und das sogar dann, wenn der Widerspruch aus frommen Kreisen kommt.
  3. Auch wenn die Herkunftsfamilie für mich von großer Bedeutung ist, Jesus erweitert mein Denken. Er schließt all jene ein, die nach Gottes Willen fragen und diesen tun.
  4. Der Bibeltext fragt mich, welche Rolle ich einnehme. Bin ich einer der Neugierigen? Vielleicht ein verunsicherter Zuhörer, den die verschiedenen Meinungen über Jesus irritieren? Oder will ich die Worte von Jesus aufnehmen, verstehen und in meinem Leben zur Geltung bringen? Wenn das der Fall ist, dann gehöre ich zur Familie von Jesus. Und das ist das Wichtigste überhaupt.
 Wolf-Dieter Kretschmer

Wolf-Dieter Kretschmer

Der Theologe, Autor und Redakteur war Pionier und Gründer der Fernsehabteilung des ERF. Er leitete die Redaktion Theologie und das Seelsorgeteam. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

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