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© Li Yang / unsplash.com

03.01.2022 / Andacht / Lesezeit: ~ 3 min

Autor: Katrin Faludi

In den Wellen der Zeit

Ein neues Jahr hat begonnen, aber was bedeutet das schon?


Im letzten Sommerurlaub stellte ich mich am Amrumer Kniepsand in die Nordseebrandung, ließ mich von den Wellen umreißen und schwamm mit ihnen. Die Wellen trugen mich empor, zogen mich hinab und manchmal – wenn ich mich nicht schnell genug aufrappelte – schlugen sie mir über dem Kopf zusammen. Dann brannte mir das Salzwasser in Augen und Nase.

Keine Welle glich haargenau der anderen. Jede war ein wenig anders, variierte ihn Stärke und Höhe. Aber jede dieser Wellen bestand aus demselben Wasser. Unaufhörlich, vom Wind getrieben, brandete es heran, schlug auf dem Strand auf und floss wieder zurück, nur um sich kurz darauf erneut aufzubäumen. Immer und immer wieder. Diese stete Wiederkehr, das auf- und abschwellende Brausen gehört zu dem, was den Strand zu einem solch wohltuenden Ort macht.
 

„Es gibt nichts Neues unter der Sonne“

Diese Wellen erinnern mich an die Zeit. An das Auf- und Abklingen der Jahre. Jetzt brandet gerade ein neues Jahr heran. Es wird sich auftürmen, ausrollen und zu Ende gehen. Dann beginnt ein neues Jahr. Anders in der Gestalt, aber aus demselben Wasser, derselben Zeit bestehend.

Was einmal gewesen ist, kommt immer wieder“, schreibt der Prediger in der Bibel, „und was einmal getan wurde, wird immer wieder getan. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Gibt es eigentlich irgendetwas, von dem man sagen könnte: ‚So etwas gab es noch nie!‘? Nein, alles gab es schon irgendwann einmal – in längst vergangenen Zeiten. Wir haben nur vergessen, was damals geschehen ist. Und in einigen Jahren wird man sich nicht mehr an das erinnern, was wir jetzt tun. (Prediger 1,9-11)

 

Schwermütig klingen die Worte des Predigers. Und doch beruhigen sie mich. Sie erreichen mich im Hier und Jetzt der seit zwei Jahren ununterbrochen schrillenden Alarmsirenen. Sie helfen mir, meinen achtsam auf dem manchmal viel zu nahen Horizont der Gegenwart klebenden Blick zu lösen. Die Worte erlauben es mir, meinen Blick darüber hinaus zu richten. Früher hat es solche Zeiten auch schon gegeben. Sie sind vorbeigegangen. In der Zukunft kann Ähnliches geschehen. Es wird vorbeigehen. Vielleicht ist das Jetzt und Hier nicht immer ganz so wichtig und entscheidend, wie es derzeit gerne gepredigt wird.
 

Oder gerade doch?

„Iss, trink und sei fröhlich dabei“, schreibt der Prediger an anderer Stelle. „Genieß jeden flüchtigen Tag deines kurzen Lebens, das Gott dir auf dieser Erde gegeben hat. Denn das ist der Lohn, den du für deine irdischen Mühen bekommst. Tu alles, was du mit deiner Kraft bewirken kannst. Denn wenn du erst einmal im Totenreich bist, gibt es weder Tun noch Gedanken, weder Erkenntnis noch Weisheit. (Prediger 9,7+9-10)

Der Prediger erinnert mich: Meine Zeit ist begrenzt. Das kommende Jahr wird vorübergehen. Was auch immer geschieht, hat es vielfach schon gegeben. Das kommende Jahr ist nur ein weiteres in einem langen Zyklus aus Jahren. Es ist wie eine Welle in der Brandung, auf der ich kurz schwimme, ehe sie ausläuft und die nächste Welle kommt. Unaufhörlich.
 

Das ist Leben.

Ich lebe innerhalb dieser Zeit. Schwimme in diesem Wasser – aber ich atme es nicht. Ich brauche Luft. So ist es mit den Jahren, diesen stetig rollenden Wellen, auf denen ich schwimme. Ich tauche darin ein und schwimme eine Strecke mit, aber ein anderes Element erhält mich am Leben. Wasser kommt nicht ohne den Sauerstoff aus, der auch in unserer Atemluft enthalten ist.

Genauso ist auch die Zeit durchwirkt vom göttlichen Geist. Der göttliche Lebensfunke ist die Luft, die wir atmen. Mein Leben wird von der Zeit getragen, aber es wird zugleich auch gespeist von demjenigen, der alles zusammenhält. Selbst das Wasser, selbst die Zeit.

So kann ich durch alle Wellen schwimmen. Manche tragen mich, andere schlagen mir über dem Kopf zusammen. Manche brennen, andere bringen mich zum Jubeln. Ich könnte stundenlang in der Brandung schwimmen und mich von den Wellen tragen lassen. Ich freue mich, friere zugleich in dem kalten Wasser, erschrecke vor manchem Brecher, der sich plötzlich vor mir auftürmt, und spüre in diesem Moment ganz deutlich: Das ist Leben.

Deshalb singe ich ein Loblied auf die Freude! Es gibt für einen Menschen nichts Besseres auf der Welt, als dass er isst und trinkt und sich an seinem Leben freut. (Prediger 8,15)

 

 Katrin Faludi

Katrin Faludi

  |  Redakteurin

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Kommentare (1)

Helga /

Wunderschoen ausgedrückt! Vielen herzlichen Dank für diesen erfrischenden Impuls!
Gottes reichen Segen und Schutz für Sie und alle im ERF für jeden Tag des Neuen Jahres 2022

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