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19.01.2021 / Zum Schwerpunktthema / Lesezeit: ~ 2 min

Autor: Stephan Steinseifer

„Das Wahre ist das Ganze“

Warum die Wahrheit keine einsame, sondern eine gemeinsame Angelegenheit ist.


„Das Wahre ist das Ganze“ – das hat Georg Wilhelm Friedrich Hegel, ein Philosoph des 19. Jahrhunderts, gesagt – oder besser geschrieben (in der Vorrede zu seiner „Phänomenologie des Geistes“). Zusammen mit seinen Kollegen Fichte und Schelling gehörte Hegel zu einer philosophischen Strömung, die man als „Deutschen Idealismus“ bezeichnet. Den drei Herren war der Wunsch gemeinsam, die Wirklichkeit als Ganzes zu beschreiben – und die Überzeugung, ein philosophisches System könne das leisten.

Das war der Plan. Er ging nicht auf. Denn: Selbst der größte Denker schafft es nicht, die Welt als Ganzes zu erfassen – weil selbst der Kopf des größten Denkers für das Ganze schlicht und einfach zu klein ist.

Wir alle leben in der Welt, darum können wir die Welt niemals von außen betrachten und als Ganzes zu fassen kriegen.

 

Was folgt daraus? Erstens: Bescheidenheit. Wenn niemand die Welt als Ganzes zu fassen kriegt, dann hat auch niemand die ganze Wahrheit – und sollte nicht so tun, als wäre es anders. Jeder und jede von uns sieht nur einen Teil der Wirklichkeit, bestenfalls mehr oder weniger viele Teile, niemals jedoch das Ganze.

Selbst wenn unsere Sicht der Dinge vollkommen richtig ist, können wir „die Dinge“ niemals wirklich umfassend beschreiben (in der fernöstlichen Denktradition gibt es dazu ein schönes Gleichnis von sechs Blinden, die einen Elefanten erkunden – und jeder nimmt etwas völlig anderes an diesem Tier wahr).

Ein und dasselbe Phänomen, von einem anderen Standpunkt oder zu einem anderen Zeitpunkt betrachtet, gewährt oft einander geradezu widersprechende Ansichten.

 

Daraus könnte man jetzt den Schluss ziehen: Wenn keiner das Ganze kennt und niemand die Wahrheit hat, dann ist die Suche nach ihr vollkommen sinnlos. Das sehe ich anders und nenne als zweite Folgerung aus den vorangegangenen Überlegungen: Offenheit. Die Frage nach der Wahrheit und die angestrengte Suche nach ihr ist auch im Zeitalter der Postmoderne nicht überflüssig geworden. Sie ist allerdings nicht länger die einsame Sache von Einzelnen, sondern die gemeinsame Sache von Vielen. Wir können und wir müssen gemeinsam nach der Wahrheit suchen. Das bedeutet: Wir müssen miteinander reden und wir dürfen um die Wahrheit streiten.

Die Wahrheit ist eine Art Mosaik, zu dem jeder und jede Einzelne ein Steinchen beitragen kann.

 

Das jedoch setzt voraus, dass wir die Steinchen der anderen überhaupt zur Kenntnis nehmen und in Betracht ziehen, sie könnten etwas zum Gesamtbild beitragen (womit wir wieder bei der Bescheidenheit wären).

Nur gemeinsam können wir hoffen, der Welt als Ganzes auf die Spur zu kommen – und damit auch der Wahrheit. Wohlwissend, dass wir weder das eine noch das andere jemals endgültig erreichen werden. Und nur gemeinsam können wir uns schließlich auch darüber verständigen, welche praktischen Konsequenzen aus der Wahrheit zu ziehen sind. Aber das ist noch mal ein ganz anderes Thema …


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 Stephan Steinseifer

Stephan Steinseifer

  |  Leitung ERF Plus (stellvertretend)
Er ist schon seit 2000 als Redakteur angestellt. Zurzeit ist er einer der Live-Moderatoren von „Aufgeweckt“. Er hat Philosophie, Theologie und Germanistik studiert und ist Gastdozent für das Fach Philosophie an der Theologischen Hochschule Ewersbach. Er ist verheiratet und hat eine Tochter.

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Kommentare

Myrtha W. /

Guten Tag
Herzlichen Dank für den wertvollen Beitrag zum Thema Wahrheit! Ich finde, Sie haben das schwierige Thema in kurzen, aber wichtigen Aspekte zusammen gefasst.

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