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© Fauzan Saari / unsplash.com

04.07.2026 / Aktuelles / Lesezeit: ~ 5 min

Autor/-in: Rebecca Schneebeli

Underdog versus Topfavorit?

Erwartungshaltungen können unseren Blick auf das Wesentliche verstellen. Wie gut, dass Gott weiter sieht.

Ich habe mich letztens so richtig geärgert. Da standen sich England und Ghana bei einem Turnier der Fußballweltmeisterschaft gegenüber und es zeigte sich schnell: Hier spielen zwei Mannschaften gegeneinander, bei denen es keine klar bessere gibt. Das machte auch das Ergebnis des Spiels mit 0:0 klar.

Aber die Kommentatoren redeten während des Spiels andauernd England klein und Ghana groß. England wurde mit der klar höheren Spielerfahrung und dem hochkarätigen Kader als schwach kritisiert, Ghana als Außenseiter gefeiert, der sich gut behaupten konnte. Auch die Interviews mit den Trainern zeigten das. Bei dem einen überwog Zufriedenheit mit der Leistung seines Teams, beim anderen herrschte Ernüchterung vor.

Moment mal, dachte ich da bei mir: Haben hier nicht zwei Teams gleich gut gespielt –bestätigt durch einen Pari im Punktestand? Haben nicht beide es geschafft, kein Gegentor zu kassieren? Den Gegner bis zum Ende in Schach gehalten? Warum wird das einmal gefeiert wie ein Sieg und einmal beinahe schon als Niederlage gewertet?

Außerdem musste Ghana sich für seine Teilnahme bei der WM genauso nominieren wie England. Dass Ghana nun bei den „Großen“ mitspielt, ist kein Glück, sondern war harte Arbeit.

Anzudeuten, England sei nur schwach gewesen und Ghana hätte ergo nur Glück gehabt, ist nicht fair. Und es ist respektlos – der Leistung aller Spieler gegenüber.

Erfahrung kann verschieden aussehen

Als ich weiter darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass ich es nicht zum ersten Mal erlebte, wie ein Unentschieden oder ein knapper Sieg eines unterschätzten Gegners als Schwäche der anderen Mannschaft ausgelegt wurde. Wenn Spanien, Italien, Deutschland oder eben England sich mit einem Gegner schwertun, haben sie gepatzt.

Mannschaften wie Ghana haben dagegen Glück gehabt, dass die Engländer nicht ihr volles Können gezeigt haben. Wie verrückt ist das denn bitte?! Als ob nicht beide Mannschaften trainiert und Spieler aus Topligen im Kader hätten.

Dabei merke ich, dass auch ich im Alltag dieselbe Leistung teils unterschiedlich bewerte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mich vor einigen Jahren mein Neffe beim Schachspiel komplett abzog. Auch da dachte ich: Was für eine Leistung! Schließlich war er noch unter 10 und hatte das Spiel erst Tage zuvor erklärt bekommen.

Dabei hätte mich das Ergebnis nicht überraschen dürfen. Mein Neffe hatte genau in diesen Tagen mehr Schach als ich in meinem Leben gespielt und bei den Spielen seiner größeren Brüder zugeschaut, ich dagegen hatte seit Ewigkeiten nicht mehr gespielt. Mein Plus an Alter und Erfahrung half mir nichts.

Auch in meiner Rolle als Redakteurin bin ich oft überrascht, wenn mir vermeintliche Schreibneulinge einen Toptext auf den Tisch legen. Im Nachhinein zeigt sich hingegen oft: Sie bringen doch Schreiberfahrung mit, aber haben bisher nur noch nichts veröffentlicht. Ich habe sie deshalb falsch eingeschätzt, weil mein Vorwissen begrenzt war.

Erwartungshaltungen sind selten fair

Worauf will ich hinaus? Ich möchte dir und mir neu die Augen dafür öffnen, dass wir unserem Gegenüber oft mit einer vorgefassten Meinung begegnen. Diese Erwartungshaltung kann wohlwollend oder abwertend sein. In vielen Fällen fußt sie im Kern sogar auf faktischem Wissen. Schließlich kann auch bei dem Spiel niemand leugnen, dass England den hochbezahlteren Kader hatte.

Und es kann – beim Fußball wie auch sonst im Leben – hilfreich sein, wenn ich eine Situation oder Person durch ein gewisses Vorwissen einordnen kann. Eine Voreinschätzung zu treffen, kann mir helfen, dem anderen angemessen zu begegnen und mich bei einem Fußballmatch auf die Stärken und Schwächen meines Gegners vorzubereiten.

Doch unsere Erwartungshaltung ist oft unterfüttert mit Vorurteilen oder Halbwissen, sodass wir dem anderen in unserer Bewertung letztlich nicht gerecht werden.

Denn wir bewerten ihn nicht allein aufgrund dessen, was er oder sie aktuell tut oder nicht tut, sondern aufgrund all unserer bereits erlebten Erfahrungen – mit diesem Menschen oder mit anderen ähnlichen Menschen.

Sicherlich ist es wichtig, Äpfel nicht mit Birnen zu vergleichen. Wenn ein zehnjähriges Kind oder ein Erwachsener den Tisch deckt, kann ich etwas anderes erwarten als bei einer Dreijährigen. Aber ich darf mich vom äußeren Schein nicht blenden lassen und annehmen, dass das, was ich weiß, sehe oder wahrnehme, die Situation oder den anderen in seiner Gesamtheit erfasst.

Gott sieht weiter

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Gott tut das übrigens auch nicht. Als Samuel von Gott befohlen wird, einen neuen König für Israel zu salben und er bei einem der älteren Brüder des späteren Königs David geradezu in Verzückung gerät, ruft Gott ihn mit den Worten zurück: „Lass dich nicht davon beeindrucken, dass er groß und stattlich ist. Er ist nicht der Erwählte. Ich urteile anders als die Menschen. Ein Mensch sieht, was in die Augen fällt; ich aber sehe ins Herz“ (1. Samuel 16,7).

Gott weiß in diesem Moment schon genau, wer der richtige König für Israel ist – und zwar der noch junge David und nicht seine älteren, stattlicheren und kräftigeren Brüder.

Bei David erkennt er etwas im Charakter, was ihn vor allen anderen auszeichnet, sein Volk Israel zu führen.

Dies stellt David danach immer wieder unter Beweis, trotz allem Straucheln und allen Niederlagen, die ihm nicht erspart bleiben.

Samuel dagegen lässt sich zunächst blenden. Er hat eine bestimmte Erwartungshaltung an den zukünftigen König von Israel und hätte wohl vorschnell einen von Davids Brüdern gesalbt, hätte Gott nicht eingegriffen.

Gottes Blick einnehmen

Was kann ich daraus für mich lernen?

  1. Es lohnt sich Gottes Blick auf einen anderen Menschen einzunehmen, statt auf meine Erwartungshaltung zurückzugreifen.
  2. Ob jemand sich in einer Aufgabe bewährt, lässt sich nicht zwingend an Äußerlichkeiten wie Erfahrung oder Talent festmachen, sondern zeigt sich im Tun.

Das ist übrigens auch beim Fußball so. Wir können daher noch mit der ein oder anderen Überraschung rechnen.
 

Autor/-in

Rebecca Schneebeli

  |  Redakteurin

Rebecca Schneebeli ist Literaturwissenschaftlerin und arbeitet nebenberuflich als freie Lektorin und Autorin. Die Arbeit mit Büchern ist auch im ERF ihr Steckenpferd. Ihr Interesse gilt hier vor allem dem Bereich Lebenshilfe, Persönlichkeitsentwicklung und Beziehungspflege. Mit Artikeln zu relevanten Lebensthemen möchte sie Menschen ermutigen.

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