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© Jeshoots com / unsplash.com

01.07.2022 / Wochenrückblick / Lesezeit: ~ 5 min

Autor/-in: Katja Völkl

Es droht eine soziale Schieflage durch Inflation

Der Freitagstalk des ERF Aktuell-Teams.

 

 

Neuwahlen in Israel im November, Gefahr von sozialer Schieflage durch Inflation, Kirchenvertreter bedauern Abschaffung des §219a, Präses Heinrich setzt große Hoffnung in neues Beteiligungsforum gegen sexualisierte Gewalt und Christen engagieren sich häufiger freiwillig in der Gesellschaft. Das sind unsere Themen im Freitagstalk der ERF Aktuell-Redaktion. Katja Völkl hat sie zusammengestellt, mein Name ist Oliver Jeske.


ERF: Nachdem das israelische Parlament tagelang gerungen und gestritten hat, gibt es jetzt eine Einigung.

Katja Völkl: Das heißt, es gibt Neuwahlen im November. Die Knesset hat mehrheitlich für ihre eigene Auflösung gestimmt und so den Weg für die Wahlen am 01. November freigemacht. Das sind dann die fünften in nur rund dreieinhalb Jahren.
 

ERF: Dabei ist allerdings nicht sicher, dass die Neuwahlen dem Land wirklich innenpolitische Stabilität bringen.

Katja Völkl: Ja, denn auch wenn laut Umfragen die national-konservative Likud-Partei von Ex-Ministerpräsident Benjamin Netanyahu klar stärkste Kraft ist, wird sie nicht auf eine eigene Mehrheit kommen. Deshalb droht ein politisches Patt und ein Rückfall in die Dauerkrise mit einer Spirale von Neuwahlen. Die haben jedenfalls die letzten zwei Jahre von Netanyahus Amtszeit geprägt.
 

ERF: Dennoch muss bis dahin jemand die Regierungsführung übernehmen.

Katja Völkl: Das macht der bisherige Außenminister Yair Lapid. Der 58-Jährige ist ehemaliger Fernsehmoderator und Vorsitzender der liberalen Zukunftspartei. Er war der Architekt der bisherigen Koalition. Das Bündnis von acht Parteien aus nahezu allen Lagern brachte Israel ein Jahr politische Stabilität. Verlor dann jedoch seine Parlamentsmehrheit wegen mangelnder inhaltlicher Schnittmengen.
 

ERF: Wie will Lapid nun vorgehen?

Katja Völkl: Er sagte, er will ein Premier aller Israelis sein und die Gräben in der Gesellschaft überwinden. Das bezieht sich sicherlich auch auf die jüngsten Verschärfungen im Nahost-Konflikt. Eine Reihe von Terroranschlägen radikaler Palästinenser hatte Israel erschüttert. Bei israelischen Einsätzen in den Palästinensergebieten wurden mehrere Menschen getötet. Auch gestern kam es wieder zu Gewalt: Bewaffnete Palästinenser eröffneten nach Angaben des israelischen Militärs an einer heiligen Stätte im besetzten Westjordanland das Feuer auf jüdische Gläubige. Dabei wurden ein israelischer Offizier und zwei Zivilisten verletzt. Das teilte die israelische Armee mit.
 

Gefahr von sozialer Schieflage durch Inflation

ERF: Angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten warnt EU-Sozialkommissar Nicolas Schmit vor gesellschaftlichen Verwerfungen in Europa.

Katja Völkl: Schmit befürchtet eine soziale Schieflage. Denn die Löhne bleiben hinter der Preisentwicklung zurück. Deshalb haben immer mehr Menschen Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen. Inzwischen spüren das sogar Familien mit mittleren Einkommen, sagte Schmit der Neuen Osnabrücker Zeitung.
 

ERF: Wie soll eine solche Schieflage seiner Meinung nach verhindert werden?

Katja Völkl: Indem die Bürger entlastet werden. Die Kosten des Ukraine-Krieges, der die Preise für Energie und Lebensmittel hochtreibt, müssen „möglichst sozialverträglich verteilt“ werden, sagte Schmit. “Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass sie alleingelassen werden mit den Problemen, besteht die Gefahr, dass sie sich politischen Extremisten zuwenden“, so Schmit weiter. Vor allem darf man denen, „die ökonomisch und sozial unter den Folgen des Krieges leiden, nicht das Gefühl geben: Für die Flüchtlinge aus der Ukraine tun wir alles, für euch nichts“, betonte Schmit. Denn „das wäre Wasser auf die Mühlen von Populisten“, sagte der EU-Sozialkommissar wörtlich.
 

Kirchenvertreter bedauern Abschaffung des §219a

ERF: Der Bundestag hat am vergangenen Freitag mit großer Mehrheit die Streichung des §219a, des Werbeverbots für Abtreibungen aus dem Strafgesetzbuch beschlossen. Der Verband Pro Familia und auch der Evangelische Frauenverband der EKHN begrüßte diese Entscheidung. Katja, welche weiteren Reaktionen gibt es denn von den beiden großen Kirchen?

Katja Völkl: Der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp sagte: Die katholische Kirche hat sich für den Erhalt des Paragrafen sowie für eine Überarbeitung der Informationslage eingesetzt. Diese Lösung hätte aus Sicht der Kirche sowohl den Interessen der Frauen als auch dem verfassungsrechtlich geforderten Schutz des ungeborenen Lebens gedient.

Die katholische Kirche setze sich weiter für den Schutz des ungeborenen Lebens und die Nöte ratsuchender Frauen ein. Ähnlich äußerten sich katholische Frauenverbände und die Caritas. Schon vorher hatten sich Spitzenvertreter der katholischen und der evangelischen Kirche gegen die Streichung ausgesprochen.

So hatte der Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Martin Dutzmann, dazu aufgerufen an der derzeitigen Regelung festzuhalten. Der DBK-Vorsitzende Bischof Georg Bätzing wies darauf hin, dass diese Änderung den Schutz des ungeborenen Lebens zurücknimmt. Das kann "nicht für sich in Anspruch nehmen, fortschrittlich und modern zu sein", so Bätzing wörtlich.
 

Präses Heinrich: Große Hoffnung in neues Beteiligungsforum gegen sexualisierte Gewalt

ERF: Die Präses der Synode der EKD, Anna-Nicole Heinrich, setzt große Hoffnungen in das neu geschaffene Beteiligungsforum gegen sexualisierte Gewalt.

Katja Völkl: Dazu sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland: „Für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und für Maßnahmen zum Schutz vor sexualisierter Gewalt ist die Beteiligung Betroffener unverzichtbar und entscheidend.“

Im Beteiligungsforum sitzen alle gemeinsam an einem Tisch. Das heißt, es gibt nicht mehr Beauftragtenrat und Betroffenenbeirat, sondern ein gemeinsames Forum. Und das wirkt verbindlich an allen Entscheidungen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt mit, sagte Heinrich. Das hält sie für eine große Chance.
 

ERF: Das neu geschaffene Beteiligungsforum der EKD nimmt heute seine Arbeit auf. Sag uns noch etwas mehr zum Hintergrund.

Katja Völkl: Ziel des Forums ist es, dass Betroffene sexualisierter Gewalt künftig mit über den Umgang mit Missbrauchsfällen entscheiden. In dem Beteiligungsforum beraten Betroffene, Bischöfe und weitere kirchliche Beauftragte gemeinsam. Zum Forum gehören acht Betroffene sowie neun Vertreter und Vertreterinnen der institutionellen Seite. Darunter sind leitende Geistliche und Juristen und eben die Präses der EKD-Synode, Heinrich. Für einen Beschluss des Gremiums wird dann künftig sowohl eine Mehrheit unter den Betroffenen als auch unter den kirchlichen Vertretern notwendig sein.
 

Studie: Christen engagieren sich häufiger freiwillig in der Gesellschaft

ERF: Es gibt eine neue Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD. Katja, Worum geht’s?

Katja Völkl: Die Studie besagt Folgendes: Die Zugehörigkeit zu einer christlichen Religion wirkt sich positiv auf das freiwillige Engagement aus. Während deutschlandweit im Schnitt knapp 40 Prozent der Menschen freiwillig in der Zivilgesellschaft engagiert sind, liegt die Quote bei den katholischen, evangelischen und evangelisch-freikirchlichen Religionsgemeinschaften teils deutlich höher.

Allerdings gibt es bei den Mitgliedern der verschiedenen Religionsgemeinschaften große Engagement-Unterschiede. Das sagt die Autorin der Studie, Maria Sinnemann. Katholische (45%), evangelische (46%) und evangelisch-freikirchliche Befragte (58%) sind überdurchschnittlich häufig freiwillig tätig. Der Anteil bei Muslimen und Christlich-orthodoxen liegt dagegen nur bei 22% beziehungsweise 23%. In der Gruppe, die angibt, keiner Religionsgemeinschaft anzugehören, engagieren sich rund 34%.
 

ERF: In welchen Bereichen engagieren sich die Befragten denn so?

Katja Völkl: Am häufigsten bei „Sport und Bewegung“, gefolgt von „Kultur und Musik“ und dem „Sozialen Bereich“. Eine solche Studie wird übrigens alle fünf Jahre bei Menschen in Deutschland ab 14 Jahren durchgeführt. Auftraggeber ist das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.


ERF: Und das war’s mit dem Wochenrückblick der Aktuell-Redaktion. Wie auch immer Sie Ihr Wochenende verbringen, wir wünschen Ihnen eine gesegnete Zeit. Es verabschieden sich Katja Völkl und Oliver Jeske.
 

 Katja Völkl

Katja Völkl

  |  Redakteurin und Moderatorin

Die gebürtige Münsteranerin ist für aktuelle Berichterstattung zuständig. Von Hause aus ist sie Lehrerin für Deutsch und Philosophie und Sprecherzieherin. Sie liebt Hunde, geht gerne ins Kino und gestaltet Landschaftsdioramen.

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