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© Aronsyne, via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0

22.11.2023 / Gastbeitrag / Lesezeit: ~ 7 min

Autor/-in: Christian Rendel

C. S. Lewis fürs dritte Jahrtausend

Die Texte von C. S. Lewis haben nichts an Bedeutung verloren. Christian Rendel zum 60. Todestag des Autors.


Der 22. November 1963 ist eines dieser Daten wie der 9. November 1938 oder neuerdings der 7. Oktober 2023, die man sofort mit einem bestimmten Ereignis in Verbindung bringt. Der Mord an dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy in Dallas füllte damals alle Schlagzeilen, sodass kaum jemand Notiz davon nahm, dass am selben Tag auch ein anderer durchaus berühmter Zeitgenosse starb: Der britische Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Clive Staples Lewis, der neben den allseits bekannten Narnia-Erzählungen auch Sciencefiction-Romane, epische Gedichte und eine Vielzahl von Werken schrieb, in denen er den christlichen Glauben verteidigte.

Christian Rendel ist Literaturwissenschaftler, Autor, Übersetzer und ist seit vielen Jahren als Lewis-Experte bekannt. Er übersetzte unter anderem „Die Chroniken von Narnia“ von C. S. Lewis, verfasste eine Biografie und hielt zahlreiche Vorträge über C. S. Lewis.

Das ist nun sechzig Jahre her, und erstaunlicherweise könnte es durchaus sein, dass heutzutage mancher beim 22. November zuerst an C. S. Lewis denkt, bevor ihm John F. Kennedy einfällt. Während Kennedys Amtszeit inzwischen Stoff für Geschichtsbücher ist, sind Lewis’ Werke nach wie vor von überaus lebendiger Wirksamkeit. Dass Netflix Neuverfilmungen der Narnia-Geschichten plant, ist eher ein beiläufiges Indiz dafür.
 

Lewis’ Einfluss auf die christliche Apologetik

Noch bemerkenswerter ist, wie stark Lewis’ Gedankengänge bis heute die Argumente all der Christen prägen, die sich darum bemühen, ihren Mitmenschen einen intellektuellen Zugang zum christlichen Glauben zu eröffnen – oder zumindest vermeintliche intellektuelle Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Lewis-Zitate fehlen in kaum einem aktuellen apologetischen Text, und jede Generation entdeckt wieder aufs Neue Bücher wie Pardon, ich bin Christ, Wunder, Über den Schmerz, Dienstanweisung für einen Unterteufel oder Die große Scheidung.

Das ist umso bemerkenswerter, als Lewis in seinen Büchern die Einstellungen der Postmoderne, die er schon in den Vierzigerjahren voraussah, ziemlich gegen den Strich bürstet. Heute wirkt Lewis in mancher Hinsicht gleichzeitig unzeitgemäßer und aktueller, als es zu seinen Lebzeiten der Fall war.

Schon 1955, bei seiner Antrittsvorlesung als Professor für englische Literatur des Mittelalters und der Renaissance, bezeichnete Lewis sich selbst als einen „Mann des alten Westens“, einen „Dinosaurier“: „Ich spreche nicht nur für mich selbst, sondern für alle anderen Menschen des Alten Westens, die Ihnen begegnen mögen, wenn ich sage: Machen Sie Gebrauch von Ihren Exemplaren, solange Sie noch können. Es wird nicht mehr viele Dinosaurier geben.“
 

Die Betonung der objektiven Wahrheit

Das Fragen nach der Wahrheit, eine der stärksten Antriebsfedern in Lewis’ Werk, ist mittlerweile auch in christlichen Kreisen stellenweise gegenüber einer erfahrungs- und gefühlsorientierten Frömmigkeit in den Hintergrund getreten.

So ist es für manch heutige Leser eine ungewohnte Herausforderung, Lewis’ gründlichen Argumentationen – einst als leichtverständliche Aufbereitung theologischer und philosophischer Gedankengänge für eine breite Leserschaft gedacht – bis zum Schluss zu folgen.

Wer sich dieser Herausforderung stellt, wird allerdings merken, dass manches in Lewis’ Werk aus heutiger Sicht eine geradezu prophetische Dimension bekommt. Der „Abschaffung des Menschen“ etwa, vor der Lewis schon 1943 in seinem gleichnamigen Essay warnte, sind wir inzwischen erschreckend viel nähergekommen.

Damals protestierte er eindringlich gegen subjektivistische Tendenzen, die ihm in einem Englischbuch für weiterführende Schulen aufgefallen waren. Kindern wurde systematisch beigebracht, jedes moralische Urteil und jedes Werturteil überhaupt in den Bereich des subjektiven Empfindens zu verbannen. Kommt uns das bekannt vor?

Heute ernten wir die Früchte dieser Erziehung: Dass Wahrheit und Moral eine Privatsache jedes einzelnen seien, ist inzwischen eine Plattitüde.

Selbst an christlichen Kreisen geht diese Entwicklung nicht spurlos vorbei. In neueren Büchern über das Weitergeben des Evangeliums liest man immer wieder den Ratschlag, wir sollten unsere Zeitgenossen nicht zu sehr mit objektiven Wahrheiten und traditioneller Apologetik traktieren, sondern sie lieber auf der „Beziehungsebene“ erreichen, getreu dem alten Grundsatz, man solle die Leute da abholen, wo sie stehen. Dieser Rat ist sicher richtig.

Andererseits werden Lewis-Leser immer wieder daran erinnert, dass das allein nicht ausreicht. Für Lewis ist die Wahrheit einer Aussage der einzige vernünftige Grund, daran zu glauben:

Wenn das Christentum nicht wahr ist, dann wird kein aufrichtiger Mensch daran glauben wollen, auch wenn es noch so nützlich wäre. Ist es aber wahr, dann wird jeder aufrichtige Mensch daran glauben wollen, selbst wenn es ihm überhaupt nichts nützen sollte. – C. S. Lewis


Zu dieser Einstellung passt auch, dass Lewis keine Scheuklappen trug, wenn er sich mit nichtchristlichem Gedankengut auseinandersetzte. Da Jesus Christus selbst die Wahrheit sei, so äußerte er einmal, sei „alle Wahrheit Gottes Wahrheit“, egal wo sie zu finden sei, und niemand brauche Angst zu haben, er könnte sich von Jesus entfernen, indem er aufrichtig nach der Wahrheit fragt.
 

Lewis über die wirksame Verkündigung des Evangeliums

C. S. Lewis’ Beliebtheit ist insbesondere in den USA ungebrochen, dem Land, in dem im Schnitt jede Woche durch Abspaltung fünf neue christliche Denominationen entstehen. Doch das Interesse an Lewis kennt keine konfessionellen Schranken: Seine Bücher werden von katholischen und orthodoxen Christen ebenso gelesen wie von Presbyterianern, Southern Baptists und Lutheranern. Gerade auch unter Evangelikalen findet der nicht-evangelikale Anglikaner Lewis großen Anklang.

Diese breite Rezeption entspricht ganz seinem Programm, wie es sich in dem Titel Mere Christianity („Christentum schlechthin“, der Originaltitel von Pardon, ich bin Christ) ausdrückt: „Auf manche Fragen, über die unter Christen gestritten wird, ist uns meiner Meinung nach keine Antwort mitgeteilt worden. Auf manche werde ich vielleicht die Antwort nie erfahren. … Doch es gibt andere Fragen, bei denen ich genau weiß, auf welchem Stuhl ich sitze, und über die ich dennoch nichts sage.

Denn ich schreibe nicht, um etwas zu erklären, was ich ‚meine Religion‘ nennen könnte, sondern um das ‚bloße‘ Christentum zu erklären, das so ist, wie es ist, und so war, wie es war, lange bevor ich geboren wurde und ob es mir passt oder nicht. – C. S. Lewis


Diese Haltung ist für ihn unabdingbar für eine wirksame Verkündigung des Evangeliums: Wir müssen, schreibt er, „eingestehen, dass die Diskussion dieser strittigen Punkte überhaupt nicht geeignet ist, einen Außenstehenden in den Schoß der christlichen Gemeinde zu bringen. Solange wir über diese Dinge schreiben und reden, werden wir andere eher davon abschrecken, sich überhaupt auf irgendeine christliche Gemeinschaft einzulassen, als dass wir sie in die unsere hineinziehen.“

Aber nicht nur pragmatische Erwägungen stehen hinter seiner Zurückhaltung in Streitfragen, sondern auch die tiefe Überzeugung: „In ihrem Zentrum, wo ihre treuesten Kinder weilen, stehen sich die verschiedenen Konfessionen am nächsten – wenn nicht in der Lehre, so doch im Geist. Und das deutet darauf hin, dass es im Zentrum einer jeden von ihnen etwas – oder jemanden – gibt, der trotz aller unterschiedlichen Überzeugung, aller Verschiedenartigkeit im Temperament, trotz aller Erinnerungen an gegenseitige Verfolgungen in ihnen allen mit derselben Stimme spricht.“
 

Brücken für die Vorstellungskraft: Lewis, der Geschichtenerzähler

Als Erzähler hat C. S. Lewis eine ebenso nachhaltige Wirkung wie als Apologet. Seine Weltraumtrilogie, die Narnia-Geschichten und der herausragende Roman Du selbst bist die Antwort zeugen von seinem unbändigen Einfallsreichtum und sind prall gefüllt mit überraschenden Gedanken und Anklängen an antike und klassische Stoffe.

Im Gegensatz zu manch anderem christlichen Schriftsteller sah Lewis in seinen Romanen und Geschichten nicht nur zweckbestimmte Vehikel, um den Lesern das Evangelium nahezubringen.

ERF Plus präsentiert in der Woche vom 27.11. bis 03.12. verschiedene Sendungen und Beiträge zum 125. Geburtstag von C. S. Lewis. Hören Sie zum Beispiel jeden Morgen inspirierende Zitate in der Sendung Aufgeweckt oder Buchauszüge in der Sendung LesezeichenAm 27.11. sprechen Hanna Willhelm und Markus Baum darüber, wo sie persönlich von Lewis-Büchern profitiert haben in der Sendung Das Gespräch.

Über die Entstehung der Narnia-Geschichten schreibt er: „Manche Leute scheinen zu denken, ich hätte damit angefangen, mich zu fragen, wie ich Kindern etwas über das Christentum nahebringen könnte; hätte mir dann die Form des Märchens als Instrument ausgesucht; sodann Informationen über Kinderpsychologie gesammelt und mir überlegt, für welche Altersgruppe ich schreiben würde; und schließlich ein Liste grundlegender christlicher Wahrheiten aufgestellt und Allegorien zusammengezimmert, um sie zu vermitteln. Das ist alles völliger Unsinn. Ich könnte auf diese Weise kein Wort schreiben. Es begann alles mit Bildern; mit einem Faun, der einen Schirm in der Hand trug, einer Königin auf einem Schlitten, einem majestätischen Löwen. Zuerst war nicht einmal etwas Christliches daran; dieses Element drängte sich später ganz von selbst hinein.“

Freilich war sich Lewis auch bewusst, dass man mit Hilfe eines Romans „jede beliebige Menge Theologie in die Köpfe der Leute schmuggeln“ kann, und das nutzte er weidlich aus. Mit seinen fantasievollen Erzählungen gelang es ihm, sich an „jenen wachsamen Drachen vorbeizuschleichen“, mit denen viele Menschen sich den Glauben vom Leib zu halten versuchen.

Damit trägt Lewis der – durchaus in die Postmoderne passenden – Erkenntnis Rechnung, dass der letzte Entscheidungskampf um die Überzeugung eines Menschen oft nicht auf dem Feld des Denkens ausgefochten wird, sondern auf dem Gebiet der Imagination, der Vorstellungskraft.

Damit trägt Lewis der Erkenntnis Rechnung, dass der letzte Entscheidungskampf um die Überzeugung eines Menschen oft nicht auf dem Feld des Denkens ausgefochten wird, sondern auf dem Gebiet der Vorstellungskraft.


Wer in seiner Vorstellungswelt feststeckt, dem helfen die besten Argumente nicht. Argumente sind wichtig und unverzichtbar, und C. S. Lewis hat uns ein hervorragendes Beispiel gegeben, wie man mit ihnen umgeht und was man mit ihnen erreichen kann.

Aber noch wichtiger erscheint mir sein Beispiel, wie durch erzählte Geschichten Brücken für die Vorstellungskraft der Menschen gebaut werden, sodass sie in Länder gelangen können, die ihnen vorher verschlossen waren.
 

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