Es waren gerade keine guten Tage für die Demokratie. In den USA wird ein Mann an die Spitze gewählt, der in der Vergangenheit demokratische Grundprinzipien wie die Gewaltenteilung immer wieder in Frage gestellt hat. Und in Deutschland zerbricht die Regierungskoalition.
Blicken wir erst einmal über den Atlantik: Ein Faktor für die Wiederwahl Trumps: das historisch gewachsene Wahlsystem der USA, das faktisch zu einem Zwei-Parteiensystem geführt hat. Bei einer Untersuchung im Vorfeld der Wahl, die unter Christinnen und Christen in den USA durchgeführt wurde, gaben 49% der Befragten an, gar nicht wählen zu wollen.[1] Einer der Hauptgründe war, dass die Befragten keinen der beiden Spitzenkandidaten unterstützen wollten. Vielen Wählerinnen und Wählern fehlten also die Optionen.
In Deutschland kriselt es wiederum genau deshalb, weil in unserem Land mehr Parteien in den Bundestag einziehen – und somit Regierungsarbeit so gut wie immer aus einer Koalition heraus geschehen muss. Und die ist nun gescheitert: Es gab laut Bundeskanzler Olaf Scholz keine Vertrauensbasis mehr für die weitere Zusammenarbeit.[2]
Wie reagiert man nun auf so eine chaotische Nachrichtenlage?
Der schlechteste Weg: das Vertrauen in den demokratischen Prozess zu verlieren. Auch wenn sie nicht perfekt sind, wir haben Strukturen in unserem Land, die in einem solchen Fall greifen, bis eine vorgezogene Wahl stattfinden kann. Gerade mit Blick in die USA bin ich dankbar, in einem Land zu leben, in dem verschiedene Parteien im Bundestag sitzen. Denn dadurch bleibt das Ringen um einen gemeinsamen Weg Grundvoraussetzung jedes Regierungshandelns.
Keine Frage: Das Zerbrechen der Ampelkoalition ist ein Scheitern von politischen Akteuren – aber nicht ein Scheitern der Demokratie. Denn der demokratische Prozess erlaubt eben auch ein vorgezogenes Ende einer Zusammenarbeit – und das Verhandeln von neuen Wegen.
Heute ist der 9. November. Es ist genau 35 Jahre her, dass die Mauer fiel. Ein Tag, auf den viele Bürgerinnen und Bürger der DDR hingearbeitet und dafür gekämpft haben, weil sie sich genau das wünschten: eine Demokratie, mit freien Wahlen und Mitbestimmungsmöglichkeiten. Perfekt ist sie nicht, unsere Demokratie. Aber gerade wir Christen sollten sie schützen, weil sie unseren Werten entspricht: dass jeder Mensch gleich viel wert ist und dass menschliche Weisheit nur Stückwerk ist und im Ringen miteinander erarbeitet werden muss.
Perfekt ist sie nicht, unsere Demokratie. Aber gerade wir Christen sollten sie schützen, weil sie unseren Werten entspricht.
Ganz persönlich finde ich aktuell Trost bei einem Text von Paulus: Er schrieb an seinen Mitarbeiter Timotheus: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (1. Timotheus 1,7). Nun ging es Paulus damals nicht um Politik, sondern um die Predigt des Evangeliums.
Aber brauchen kann ich gerade auch alles drei: Kraft, Liebe und Besonnenheit. Kraft, nicht in Panik zu geraten, wenn die Nachrichten sich überschlagen. Liebe für Menschen, die anders denken – und für jene, die sich in Sorgen hineinsteigern. Und Besonnenheit. Meinen Teil zu tun als Bürgerin dieser Demokratie – aber auch dafür zu beten, dass Regierungen ihre Verantwortung für die Menschen im Land besonnen wahrnehmen.
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Kommentare (3)
Vielen Dank für diesen Artikel. In Zeiten, wo die Nachrichten sich überschlagen
tut es für mich gut, mich mal mit einer Bekannten zu treffen, sich auszutauschen und zu musizieren. Somit freue ich … mehrmich auch schon auf das Zusammenspiel im Musizierkreis. Ich finde auch den Vers 7 aus 1. Timotheus Kapitel 1 zutreffend
und zu beten, dass Regierungen ihre Verantwortungen für die Menschen im Land wahrnehmen. Menschliche Weisheit, die nur Stückwerk ist, sollte im Ringen miteinander erarbeitet werden. - Danke -
Liebe Tanja
Also: 1. Paulus hat uns Christen gute und notwendige Ratschläge in seinen Briefen hinterlassen. Als Rezipienten sollten wir sie zeitlich zu verstehen wissen, d.h. was er damals schrieb, … mehrvermittelte er aus seiner Zeitperiode. Und es obliegt nun uns, diese Einsichten ins ‚Heute‘ zu transferieren. Was durchaus möglich und auch vernünftig getan werden kann.
Und: 2. hast du dein Zitat aus dem 2. Brief an Timotheus entnommen. Und kontextual steht es schon in einem anderen Zusammenhang, als wofür du es verwendet hast.
Nicht wir Christen, sondern politisch aktive Menschen - Bürgerinnen und Bürger - mögen aus humanistischen Gründen ihre Werte in der Demokratie integriert und geschützt wissen.
Christen aber sind überall Christen, weltweit, wo sie auch ansässig sind; in Monarchien, in Republiken, Diktaturen u.a. Und sehen ihre christlichen, biblischen Werte oft nicht akzeptiert und respektiert.
Denn Jesus Christus selbst zeigte klar und unmissverständlich auf, was seine Nachfolger auszeichnete und noch heute charakterisiert: „Nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du (himmlischer Vater) mir gegeben hast; denn sie gehören dir … Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt … bewahre sie in deinem Namen … Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin … Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit“ (Joh. 17, 9-17 EÜ).
Eben: Nicht Politik - die Gute Botschaft.
Die momentane politische Situation und die Haltung dazu
haben Sie sehr gut zusammengefasst, Frau Rinsland, vielen Dank!