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© Giorgio Grani / unsplash.com

23.03.2022 / Kommentar / Lesezeit: ~ 4 min

Autor/-in: Redaktion Family

Die P(l)andemie scheidet die Geister

Was tun, wenn der Umgang mit Corona eine Familie spaltet?


Ist Corona von irgendwem geplant? Oder einfach eine Pandemie? Was tun, wenn das Quer- und Geradeausdenken eine Familie spaltet? 

Als ich von meiner zweiten Covid-Impfung nach Hause komme, erzähle ich meinem Vierjährigen, wo ich war. Er erwidert irritiert: „Aber dann bekommt man doch eine Impfkrankheit. Und wenn man sich zweimal impfen lässt, stirbt man.“ Ich frage ihn etwas schockiert: „Wer sagt denn sowas?“ Er: „Na, Oma!“

Puh, ich glaube nicht, dass Oma ihm das unter vier Augen gesagt hat. Aber neulich hat sie mir gegenüber tatsächlich Befürchtungen ähnlichen Inhaltes geäußert. Entweder hat er es da aufgeschnappt, oder als ich jemandem von dem Gespräch erzählt habe. Er will sich jedenfalls nicht impfen lassen. Ich erkläre ihm, dass ich das ganz anders sehe als Oma und zähle ihm all die Leute auf, die schon lange geimpft sind und noch leben.
 

Das eigene Weltbild füttern

Dieses Thema betreffend gehen das Weltbild meiner Eltern und mein eigenes sowie das meiner Geschwister sehr auseinander. In der Familiengruppe wurden seit Beginn der Pandemie unzählige Links hin- und hergesendet. Anfangs habe ich mir die YouTube-Videos von gewissen Virologen mit alternativen Ansichten noch angesehen.

Nachdem ich dem Ursprung der Quellen nachgegangen bin, habe ich nicht mehr so häufig auf die Links geklickt. Höchstens noch, um entsprechende Quellen zurücksenden zu können, die die Behauptungen und Befürchtungen der mir geschickten Nachrichten entkräften sollten. Jedoch ohne Erfolg.

Irgendwann drängte sich mir der Eindruck auf, dass es in dieser Kommunikation gar nicht darum geht, wessen Argumente überzeugender sind und wie die Faktenlage steht. Vielmehr geht es darum, das eigene Weltbild mit entsprechenden Zahlen und (vermeintlichen) Fakten zu füttern. Nicht nötig zu erwähnen, dass das weltweite Netz zu jeder erdenklichen Ansicht Entsprechendes ausspucken wird, wenn man nur lange genug sucht oder weiß, wer das für einen erledigt.
 

Ohnmacht und Unverständnis

Im Fall meiner Familie fühlt es sich bezüglich der P(l)andemie so an, als würden meine Eltern meine Geschwister und mich aus einer gefährlichen Sekte befreien wollen. Uns ergeht es meine Eltern betreffend ähnlich. Jede und jeder ist so tief von seinen Ansichten überzeugt, dass sich keine der Seiten aus ihrem Gedankenkonstrukt herausbewegen wird. Das erzeugt Ohnmacht, Sorge, Traurigkeit und Unverständnis auf beiden Seiten.

Wir sorgen uns darum, dass unsere Eltern schwer an Covid erkranken könnten. Sie wiederum haben Angst um uns aufgrund möglicher Folgen der Impfung. Lange haben sie versucht, uns davon abzubringen, uns impfen zu lassen. Jetzt wollen sie am liebsten gar nicht wissen, ob wir diesen Schritt gegangen sind, um sich nicht zu sehr um uns zu sorgen. Wir empfinden es als ungerechtfertigt und verstehen nicht, dass sie sich um die Demokratie in unserem Land Gedanken machen. Sie haben Angst, dass wir unvorbereitet in eine Krise geraten.

Dass ihre Ängste so existenzielle Ausmaße annehmen, erkläre ich mir damit, dass ihre eigenen Eltern erlebt haben, wie gefährlich es sein kann, wenn eine Demokratie gekippt wird. Sobald Einschränkungen unserer bürgerlichen Freiheiten vorgenommen werden, schrillen ihre inneren Alarmglocken.

Wenn dann noch eine nicht unerhebliche Zahl anderer Menschen ebenfalls Alarm schlägt und Argumente liefert, weshalb diese Einschränkungen vollkommen ungerechtfertigt seien, fühlt sich die Angst gerechtfertigt an. Immer misstrauischer verfolgen sie seither das Geschehen in der Welt, auf politischer Ebene können sie niemandem mehr trauen.
 

Die Waffen niederlegen

Ich kann das irgendwie nachvollziehen, dennoch fehlt mir oft das Verständnis dafür, weshalb sie sich mit all diesen Quellen beschäftigen, die ihre Sorgen füttern. Immer wenn ich mich damit beschäftigt habe, hat das zu einer inneren Unruhe und Ohnmacht geführt. Wie sollte man sich als kleiner Bürger denn wehren, wenn uns von den Reichen und Mächtigen dieser Welt wissentlich Lügen verkauft und Schaden zugefügt würde? Selbst wenn die Sorgen begründet sein sollten, zerfrisst die Angst dann nicht die Lebenszeit im Hier und Jetzt?

Als uns bewusst wurde, dass wir einander nicht von der jeweiligen Haltung abbringen können, haben wir entschieden, die Waffen niederzulegen. Das heißt, das Thema ruhen zu lassen und keine weiteren Links hin- und herzusenden, möge es auch schwerfallen. Wenn wir uns sehen, meiden wir das Thema P(l)andemie. Manchmal kommt es trotzdem zu kurzen Schlagabtauschen, jedoch für beide Seiten ohne Erfolge. Wir wollen unsere Beziehung nicht gefährden. Oft genug haben wir gehört, dass Menschen dieser unterschiedlichen Weltsichten inzwischen nicht mehr miteinander reden.
 

Angstfrei in die Zukunft

Wie gut, dass es die lieben Enkelchen gibt, auf die alle Blicke und Gespräche gelenkt werden können, um das Thema Politik zu meiden. Da es nicht das erste Mal ist, dass unsere politischen Ansichten recht weit auseinandergehen, haben wir damit schon Erfahrung. Meist haben wir nach einigen unfruchtbaren Gesprächen das jeweilige Thema nicht mehr angesprochen. Diese Lösung ist sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss.

Ich würde mir wünschen, dass es möglich wäre, in einem wertschätzenden Kontakt auch über brisante Themen offen zu sprechen. Doch ist das schwer, wenn beide Seiten sehr fest in der jeweiligen Gedankenwelt verankert sind und sich nicht auf ein ergebnisoffenes Gespräch einlassen können oder wollen. Als Kind habe ich erlebt, wie Familienangehörige sich aus diesen Gründen richtig gestritten und angefeindet haben. Vielleicht bin ich deshalb eher vorsichtig geworden.

Das Bestreben, die andere Seite von der „Wahrheit“ zu überzeugen, wird nun wahrscheinlich nur noch in Gebeten fortgesetzt. Wie Gottes Blick auf all das wohl ist? Mir ist es jedenfalls wichtig, ohne Angst in die Zukunft zu sehen. Anstatt schwarzzumalen, möchte ich an den Ecken anpacken, an denen es mir möglich ist, Licht, Freiheit, Hoffnung und Miteinander in dieser Welt zu stärken.

Die Autorin dieses Artikels möchte anonym bleiben. Er ist erschienen in der Ausgabe 02/2022 der Zeitschrift Family. Wir danken dem Bundesverlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung!

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Kommentare (1)

Ulrike F. /

Für eine Verständigung braucht es vor allem die Erkenntnis, dass wir eigentlich sehr wenig wissen und das auf beiden Seiten die Möglichkeit besteht nicht recht zu haben oder der falschen Meinung zu mehr

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