Navigation überspringen
© Nadine Shaabana / unsplash.com

09.11.2021 / Bericht / Lesezeit: ~ 3 min

Autor: Regina König

„Bitte keine rührselige Betroffenheit mehr!“

Was Missbrauchsopfer von ihrer Kirche erwarten.

 

 

Eigentlich sollte es keinen geschützteren Ort geben für Kinder und Jugendliche als kirchliche Gruppen und Kreise. Umso bitterer die Einsicht: auch hier, in der katholischen so wie in der evangelischen Kirche, wurden Schutzbefohlene sexuell missbraucht. Seit elf Jahren beschäftigt sich die EKD mit der Aufarbeitung dieser Straftaten. Allerdings nur unzureichend – sagen Betroffene. Am Montag hat sich die in Bremen tagende EKD-Synode dem Thema gestellt – drei Stunden lang. Regina König von der ERF-Aktuell-Redaktion hat die Debatte verfolgt.
 

ERF: Regina, was hat die Evangelische Kirche in Deutschland bisher auf den Weg gebracht, um erlittenes Unrecht aufzudecken und sexuellen Missbrauch zu verhindern?

Regina König: 2018 hat die Synode einen 11-Punkte-Plan verabschiedet. Alle Punkte seien angegangen worden, sagte der Sprecher des „Beauftragtenrates zum Schutz vor sexualisierter Gewalt“, Landesbischof Christoph Meyns. Dieser Plan sieht z.B. vor, dass alle Gliedkirchen zentrale Meldestellen einrichten. Und eine Studie soll Strukturen analysieren, die sexualisierte Gewalt begünstigen. Ergebnisse sind aber erst im Herbst 2023 zu erwarten.
 

Betroffene fordern unabhängige Aufarbeitungskommission

Außerdem wurden Anerkennungs- und Unterstützungsleistungen gezahlt. Das klingt alles sehr nüchtern, doch Landesbischof Meyns machte auch deutlich, wie ihn dieses Thema selbst umtreibt:

Ich bin wütend, wenn ich an die Täter denke, die ihre Macht missbraucht haben, um den ihnen anvertrauten Menschen Leid anzutun und deren Leben in nicht wieder gut zu machender Weise beschädigt haben. Ich bin wütend, wenn ich an Menschen in Leitungspositionen denke, die das Fehlverhalten von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen nicht konsequent verfolgt und geahndet, wenn nicht sogar vertuscht haben. Wir haben alles verraten, wofür wir in Kirche und Diakonie stehen.

 

Ein weiterer wesentlicher Punkt des EKD-Handlungsplans: die Mitarbeit der Betroffenen.
 

ERF: Da gab es in diesem Frühjahr allerdings einen Eklat, weil die EKD die Unterstützung der Betroffenen vorläufig ausgesetzt hat.

Mehrere Mitglieder des Betroffenenbeirats waren damals zurückgetreten, sie hatten Kritik geübt an der Zusammenarbeit mit der EKD. Bis heute hat der Betroffenenbeirat seine Arbeit auch nicht wieder aufgenommen.
 

ERF: Aber auf der Synode hatten gestern einige ehemalige Mitglieder dieses Beirats die Gelegenheit, ihre Sicht und Situation zu erklären.

Dabei eine ihrer wichtigsten Forderungen: wir wollen keine rührselige Betroffenheit mehr, sondern zupackendes Handeln. So fordern sie z.B. eine unabhängige Aufarbeitungskommission mit staatlicher Beteiligung und als „lächerlich“ wurden die Summen bezeichnet, die bisher als Entschädigung gezahlt worden sind.
 

Vom Umgang mit der Aufarbeitung der sexuellen Gewalt hängt die Zukunft der Kirche ab

Ausdrücklich wünschen sich die Betroffenen mehr Demut von kirchlichen Verantwortungsträgern und für sie steht fest: die Zukunft der Kirche hängt davon ab, wie ehrlich sie jetzt umgeht mit dem Thema sexueller Missbrauch. Dazu Detlev Zander, ehem. Mitglied des Betroffenenbeirats, er selbst wurde zehn Jahr lang missbraucht in einem evangelischen Kinderheim:

Die beiden großen Kirchen stehen unter scharfer Beobachtung sowohl der eigenen Mitglieder als auch derjenigen, die die Kirche an sich für ein Auslaufmodell halten. Jedes Anzeichen von Feigheit und Wegsehen wird die Kritiker in ihrer Meinung bestätigen. Ich gehe so weit zu sagen, dass damit dem gesunden Weiterleben der Kirche in einer modernen Welt ein nicht reparabler Schaden zugefügt würde.

 

ERF: Es gab also viel Kritik am Handeln der Kirche, wie geht es jetzt weiter?

Wir stehen vor einem „langen, harten und teurem Prozess“, so fasste das der Sprecher des Beauftragtenrates zusammen, Bischof Meyns. Die Betroffenen müssen auf jeden Fall wieder zurück geholt werden ins Boot. Deshalb entwickelt die EKD ein Alternativmodell zum Betroffenenbeirat.

Auch das kirchliche Disziplinarrecht muss auf den Prüfstand, außerdem sind regionale Aufarbeitungskommissionen geplant. Letztendlich kommt es aber auch auf die Basis an: entwickelt wirklich jede Kirchengemeinde und jede diakonische Einrichtung ein Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt und wird darauf geachtet, dass das umgesetzt wird? Daran hängt letzten Endes die Glaubwürdigkeit der gesamten evangelischen Kirche.
 

ERF: Sexueller Missbrauch unter dem Dach der Kirche – wir bleiben dran. Danke Regina, für deine Eindrücke von der EKD-Synode.
 

 Regina König

Regina König

  |  Reporterin
Für ERF Plus in Mitteldeutschland unterwegs. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder.

Ihr Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.

Das könnte Sie auch interessieren