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© Kolja Warnecke

08.11.2021 / Bericht / Lesezeit: ~ 4 min

Autor/-in: Oliver Jeske

„Fromm und politisch hängt zusammen“

Scheidender EKD-Ratsvorsitzender zur Aufgabe von Christinnen und Christen in der Gesellschaft.

 

 

Sieben Jahre lang war der Bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Am Dienstag wählt die Synode einen neuen Ratsvorsitzenden, oder ganz bewusst eine neue Ratsvorsitzende. Bedford-Strohm kandiert nicht mehr, weil in zwei Jahren seine Amtszeit als Bayerischer Landesbischof zu Ende geht. Gestern hat er seinen letzten Ratsbericht gehalten. Und auch dieser war wie in allen Jahren zuvor geprägt von vielen gesellschaftspolitischen Fragen – und dies ganz bewusst, wie Andreas Odrich von der ERF Aktuell-Redaktion berichtet.


ERF: Andreas, der letzte Ratsbericht, war das so etwas wie ein Vermächtnis von Heinrich Bedford-Strohm?

Sicherlich werden es nicht die letzten Worte von Heinrich Bedford-Strohm gewesen sein. Dafür liebt er die Präsenz in der Öffentlichkeit zu sehr. Das muss er aber auch. Denn der oder die Ratsvorsitzende ist qua Amt das Gesicht der Evangelischen Kirche. Allerdings sind die Themen nicht ausschließlich Sache des Ratsvorsitzenden allein. Die werden gestaltet vom 15-köpfigen Rat der EKD, der wiederum thematisch durch die Synode geprägt wird. Gleichwohl ist es aber so –die Wahl von Bedford-Strohm kam natürlich nicht von Ungefähr, das Profil von Bedford-Strohm und die Erwartungen der Synodalen passen ziemlich genau übereinander.
 

Evangelium macht politisch

ERF: Wie würdest du denn in wenigen Worten das Profil von Heinrich Bedford-Strohm beschreiben?

 

Glaube und Politik gehören für Bedford-Strohm zusammen. Kirche muss sich einmischen in die Gesellschaft, das Evangelium lässt gar keine andere Wahl, so fasst Bedford-Strohm sein eigenes Credo selbst zusammen.

Für uns Christinnen und Christen geht es darum, die Zeichen des Reiches Gottes im hier und jetzt zu sehen. Das können wir aber nur, wenn wir wirklich aus der Kraft des Reiches Gottes leben. Deswegen hängt fromm sein und politisch sein so eng zusammen. Es geht darum, im Blick auf die Welt den gekreuzigten Gott zu sehen. Und beim Blick darauf zugleich den Horizont der Auferstehung Jesu Christi zu sehen.

 

Das wird auch an seinen Ratsberichten seiner gesamten Amtsjahre deutlich. Sie waren stets eng orientiert an biblischen Texten und mündeten dann in konkrete politische Haltungen. Und so war auch diesmal sein Bericht geprägt von vielen gesellschaftspolitischen Themen, wie etwa der Klimapolitik oder dem Umgang mit Corona. Aktuell ging er auch ein auf die Situation der Flüchtlinge, die an der Grenze zwischen Polen und Belarus zwischen den Fronten feststecken.

Hier bezog sich Bedford-Strohm auf Berichte der polnischen Diakonie. Sie meldet, dass die Menschen bei nasskaltem Novemberwetter unter erbärmlichen hygienischen Bedingungen im Freien ausharren, darunter auch Kinder, die deshalb schwer erkrankten. Die EKD-Synode fordert die Politik daher dringend auf, diesen Zustand zu beenden, und, so Bedford-Strohm, den Geflüchteten ein reguläres Asylverfahren zu gewähren.


ERF: Weitere wichtige Anliegen waren Bedford-Strohm in seiner Amtszeit auch der Dialog mit Muslimen und die Ökumene, wie beurteilt er dies denn rückblickend?

Anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 hat Bedford-Strohm zusammen mit dem Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, einen ökumenischen Gottesdienst gefeiert. Jugendliche errichteten in diesem Gottesdienst aus einer ehemaligen stählernen Panzersperre ein dreidimensionales Kreuz als Zeichen der Versöhnung und des Friedens – dies sei „einer der bewegendsten Momente in seiner Amtszeit“ gewesen, sagte Bedford-Strohm.

Kritik von außerhalb der EKD musste Bedford-Strohm einstecken, als er 2015 Mitglied des Kuratoriums des Münchner Zentrums für Islam wurde. Auch darauf ging er noch einmal ein, ihm sei es immer wichtig gewesen, den Dialog mit allen Muslimen zu suchen, die „genauso friedlich wie die meisten von uns“ in Deutschland leben wollten.
 

Glaubwürdigkeit in Gefahr

ERF: Im Anschluss gab es noch einmal eine Debatte über den aktuellen Ratsbericht. War sich die Synode denn immer in allen Punkten einig mit ihrem scheidenden Ratsvorsitzenden?

Einerseits bezeichnet man die Synode ja gerne als das Kirchenparlament. Hitzige Wortgefechte gibt es dort allerdings nicht. Man ist sich gerne im Einklang und kritische Fragen werden moderat verpackt. Und so waren sämtliche Redebeiträge von großer Dankbarkeit gegenüber dem scheidenden Ratsvorsitzenden geprägt. Aber genau das könnte der EKD und ihrer Synode gefährlich werden.

Sprich: man ist sich selbst zu einig und zu selbstsicher. Und so könnte das Selbstverständnis der EKD als moralische Instanz in Gesellschaftsfragen erheblichen Imageschaden erleiden – denn seit einiger Zeit gibt es harsche Kritik von Opfern sexualisierter Gewalt am Umgang der Kirche mit diesen Gewaltverbrechen. Denn auch in der evangelischen Kirche gab und gibt es sexuelle Straftaten.
 

ERF: Wie will die EKD-Synode denn damit umgehen?

Für den Nachmittag ist eine Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern der Opfer geplant. Der Betroffenenbeirat, den die Kirche zunächst eingerichtet hatte, wurde im Frühsommer wegen großer Streitigkeiten ausgesetzt und die Betroffenen haben der Kirche zum Auftakt der Synode blankes Versagen vorgeworfen. Es wird also sehr darauf ankommen, ob und wie die EKD-Synode heute Nachmittag diese Kritik aufgreift und welchen Weg sie wählt, um verlorenes Vertrauen wieder zu gewinnen, denn wenn dies nicht gelingt, steht ihre Glaubwürdigkeit letztlich insgesamt auf dem Spiel.
 

ERF: Wir werden über die Podiumsdiskussion mit den Opfern sexualisierter Gewalt am Dienstagmorgen in unserem Frühprogramm auf ERF Plus und auf ERF.de berichten.
 

 Oliver Jeske

Oliver Jeske

  |  Redakteur Aktuelles

Sprachlich Hannoveraner, seit einem Vierteljahrhundert in Berlin zu Hause, liebt er Jesus, Tanzen mit seiner Frau, Nordsee-Spaziergänge mit seinen Söhnen und leckeren Fisch. Von Gott ist er fasziniert, weil der ihn immer wieder überrascht und im wahrsten Sinne des Wortes beGEISTert.

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