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08.10.2021 / Wochenrückblick / Lesezeit: ~ 5 min

Autor/-in: Katja Völkl

Kein angemessener Ausgleich für beschlagnahmte jüdische Umzugsgüter in der Nachkriegszeit

...und was sonst noch diese Woche wichtig war.

 

 

Wissenschaftler kritisieren, dass es bis heute keinen angemessenen Ausgleich für jüdische Umzugsgüter gibt, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und später versteigert wurden. Militärpfarrer: Einsatz in Afghanistan war für die Soldatinnen und Soldaten eine besondere Herausforderung gewesen, weil sie es nicht mit Kämpfern, sondern mit Zivilisten zu tun hatten. Gestern übernahmen Jugendliche und junge Erwachsene für einen „Arbeitstag“ den Amtssitz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Zum ersten Mal werden in der Dresdner Frauenkirche Christstollen gelagert und zur Reife gebracht.


ERF: Es ist wieder Freitag. Und wir als ERF Team Aktuell blicken zurück auf die Woche. Mein Name: Regina König. Und den Überblick hat: Katja Völkl. Wir starten mit einem eher unangenehmen Thema, das eine dunkle Epoche in unserer Geschichte betrifft.

Richtig. Denn im Nachkriegsdeutschland gab es offensichtlich keinen angemessenen Ausgleich für jüdische Umzugsgüter, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden. Die Wissenschaftlerin Susanne Kiel vom Deutschen Schifffahrtsmuseum hat das kritisiert; und zwar bei einem internationalen Symposium zum Umgang mit dem Umzugsgut jüdischer Emigrantinnen und Emigranten in europäischen Häfen. Sie sagte, es habe kein Interesse an einem fairen Ausgleich gegeben.


ERF: Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 wurde das Auslaufen deutscher ziviler Schiffe nach Übersee unmöglich. Dadurch konnten Güter, die schon in die Hafenstädte transportiert wurden, nicht mehr verschifft werden. Somit blieben auch die Umzugsgüter jüdischer Auswanderer in den Schuppen der Häfen und Speditionen liegen.

In Bremen und Hamburg begannen dann die Gestapo und später die Finanzdirektionen, die Güter zu beschlagnahmen und öffentlich zu versteigern. Dabei wurden die Waren als „Nichtarier-Auswanderergut“ bezeichnet. In den Rückerstattungsverfahren hat die Oberfinanzdirektion die Werte heruntergespielt. Und das auch noch Jahre und Jahrzehnte nach Ende des Krieges, so Susanne Kiel.


ERF: Hinzukommt, dass im Laufe der Jahre ganze Aktenbestände vernichtet wurden, weil Aufbewahrungsfristen abgelaufen sind. Dadurch gibt es keine Informationen mehr zum Verbleib der Güter. Den betroffenen Familien aber „haben wir auch heute noch Rechenschaft abzulegen, was mit ihrem Besitz geschehen ist“, sagte die Wissenschaftlerin Susanne Kiel wörtlich.

Es gibt zwei Projekte, die sich damit beschäftigen. Hier werden alle noch erhaltenen Informationen zu diesen Vorgängen in Bremen und Hamburg recherchiert, analysiert und in einer Datenbank sichtbar gemacht. Dazu bedarf es viel detektivischer Arbeit. In Hamburg gibt es mindestens 3.000 geschädigte jüdische Familien, in Bremen 800 bis 1.000. Bremens Senatorin für Wissenschaft und Häfen, Claudia Schilling (SPD), rief dazu auf, „mit Aufklärung und Wissen Rechtsextremismus und Antisemitismus entgegenzutreten“.
 

Aufarbeitung des Afghanistan-Einsatzes

ERF: Und damit kommen wir zu einem weiteren Aufarbeitungsthema: Am Mittwoch hat das Verteidigungsministerium mit der Aufarbeitung des Afghanistan-Einsatzes begonnen. Dass längst nicht alles gut gelaufen ist, dürfte wohl klar sein.

Stimmt. Der Militärpfarrer Thomas Bretz-Rieck, der den Evakuierungseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan begleitet hat, ist jedenfalls überzeugt, dass der Einsatz Spuren hinterlassen wird bei den Soldatinnen und Soldaten.


ERF: Damit nimmt er Bezug auf die Ausbildung der Soldatinnen und Soldaten.

Ja, denn anders als in der Ausbildung gelernt, hatten sie es bei dem Einsatz nicht mit anderen Kämpfern zu tun. Dort standen Frauen, Männer und Kinder in zivil vor ihnen, die in einer existenziellen, bedrohlichen, ausweglosen Lage waren. Und darauf waren sie durch die Ausbildung nicht eingestellt. Die Soldatinnen und Soldaten waren gezwungen, auszuwählen, wer in den Flieger kommt und wer nicht. In der Konsequenz konnte das die Entscheidung über Leben und Tod sein.

Diese Soldaten haben einen echten Unterschied für die Menschen gemacht, die gerettet wurden. Und gleichzeitig wussten sie, dass in Kabul noch viele weitere sind, die zurückbleiben mussten. In welcher Form das bei der Aufarbeitung eine Rolle spielt, bleibt abzuwarten.
 

„Takeover Bellevue“

ERF: Und jetzt wird es sozusagen herrschaftlich … .

Das könnte man so sagen: Gestern haben Jugendliche und junge Erwachsene für einen „Arbeitstag“ den Amtssitz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übernommen. Mit dem „Takeover Bellevue“ wollte Steinmeier die junge Generation ins Zentrum stellen. Denn die haben unter der Corona-Pandemie besonders zu leiden. Deshalb hat er für einen Tag der Jugend die Bühne überlassen.
 

ERF: Und nicht zu vergessen: Neben den Schlüsseln für das Schloss Bellevue haben sie auch den Instagram-Kanal des Bundespräsidenten übernommen.

Genau. Allerdings muss sich niemand Sorgen machen: Die jungen Leute sind nicht gekommen, um sich den ganzen Tag mit dem Handy in der Hand auf dem Kanapee zu fläzen. Genau genommen, hatten die etwa 150 Teilnehmer zwischen 16 und 24 Jahren viel zu tun. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung sowie mit Unterstützung von Unicef Deutschland, der Hertie-Stiftung und der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius haben sie sich insgesamt mit acht Themenkomplexen beschäftigt. Darunter unter anderem Antirassismusarbeit, Inklusion, Klima, Jugendpartizipation und Persönlichkeitsentwicklung.


ERF: Am späten Donnerstagnachmittag haben die Teilnehmer des «Takeover» die Ergebnisse der Arbeitsgruppen vorgestellt und den Schlüssel zurückgegeben. Was ist dabei herausgekommen?

Unter anderem haben sie an den Bundespräsidenten folgende Forderungen gestellt: Klimaschutz als Schulfach, Wahlrecht ab 16 Jahren, einen europäischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk und eine bessere technische und digitale Ausstattung von Schulen. Also insgesamt eine ziemlich lange Wunsch- und Ideenliste, auf der es auch um das Thema Diskriminierung ging.
 

Dresdner Stollen in der Frauenkirche

ERF: Dann haben wir zum Schluss noch eine Nachricht für Freunde des guten Geschmacks.

Zum ersten Mal werden in der Dresdner Frauenkirche Christstollen gelagert und zur Reife gebracht. In Kürze werden 300 Kisten in einer der Glockenstuben der berühmten Kirche aufgebaut. Dort reifen die Christstollen dann 40 Tage lang in 29 Metern Höhe. Das teilte die Stiftung Frauenkirche in Dresden mit.


ERF: Initiator dafür war die Dresdner Mühlenbäckerei.

So ist es. Die Dresdner Mühlenbäckerei hat eine lange Tradition. Sie wird schon im Jahr 1547 urkundlich erwähnt. Und diese mehrwöchige Reifephase ist übrigens ein wichtiger Teil des Herstellungsprozesses. Denn die entschiedet darüber, wie der Stollen nachher schmeckt. Also Regina, es würde mich nicht wundern, wenn du demnächst nach Dresden fährst und dir persönlich so einen Christstollen holst.


ERF: Natürlich werde ich das machen!

Bring mir einen mit …


ERF: Mal sehen … In diesem Sinne wünschen wir ein erholsames und genussvolles Wochenende. Das war’s für heute mit unserem Wochenrückblick. Es verabschieden sich Katja Völkl und Regina König.

 Katja Völkl

Katja Völkl

  |  Redakteurin und Moderatorin

Die gebürtige Münsteranerin ist für aktuelle Berichterstattung zuständig. Von Hause aus ist sie Lehrerin für Deutsch und Philosophie und Sprecherzieherin. Sie liebt Hunde, geht gerne ins Kino und gestaltet Landschaftsdioramen.

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