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© Sander Lamme, via Wikimedia Commons CC BY 3.0

11.09.2021 / Kommentar / Lesezeit: ~ 5 min

Autor: Katja Völkl

Ein Tag, den ich nie vergessen werde

„Wo warst du am 11. September 2001?“ Auf diese Frage haben wohl die allermeisten Menschen eine Antwort. Ich jedenfalls weiß es noch ganz genau.

 

 

Ich war mitten im Examen und machte eine Lernpause, um meine Lieblingsserie zu sehen. Ein Fließtext erschien unten im Fernsehbild. Er informierte darüber, dass es eine Nachrichtensondersendung geben würde, weil in New York ein Flugzeug in ein Hochhaus gestürzt sei. Ich war wenig begeistert: „Was interessiert mich irgendein Flugzeug in New York?“
 

Bilder wie aus einem Katastrophenfilm

Doch dann kamen die Bilder: Ungläubig starrte ich auf das riesige schwarze Loch in einem der Twin-Tower. Kurz zuvor war das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers gerast.

Dunkler Qualm drang aus dieser hässlichen klaffenden Wunde. Es sah aus wie in einem Katastrophenfilm. So oft schon hatte ich gesehen, wie computeranimierte amerikanische Wahrzeichen zerstört wurden. „Das ist doch nicht echt!?“

Ich rief meinen Bruder, er sollte sich das ansehen. „Das ist doch nicht echt, oder?“, fragte ich ihn. Dann starrten wir beide schweigend auf den Fernsehbildschirm.
 

Noch ein Flugzeug!

Mein Bruder kehrte nach einiger Zeit wieder zurück an seinen Schreibtisch. Ich nicht. Ich konnte einfach nicht. Plötzlich krachte das zweite Flugzeug quasi vor meinen – und den Augen von Millionen anderer Menschen auch – in den Südturm. Der riesige Feuerball! Der Qualm, die Sirenen, die vielen Papierblätter, die durch die Luft wirbelten! Ich hatte den Eindruck, als stünde ich mitten in New York auf der Straße vor den brennenden Türmen des World Trade Centers.
 

„Da bekam ich Angst“

Zwei oder drei Stunden blieb ich vor dem Fernseher sitzen und verfolgte die Nachrichten. Sah, wie sich Reporter und Moderatoren mühten, Klarheit über die Ereignisse zu bekommen. Doch die Meldungen überschlugen sich: Die Reporter berichteten, dass noch mehr Flugzeuge unterwegs seien. Eines sei in Washington ins Pentagon gestürzt, die anderen seien noch immer unterwegs.

Da bekam ich wirklich Angst! Denn jetzt gab es keinen Zweifel mehr: Amerika wird angegriffen! Und zwar in einer noch nie dagewesenen Art. Ich dachte: Ist das jetzt etwa der Anfang vom 3. Weltkrieg? Werden die USA ihre Nuklear-Raketen gleich starten? Ich weiß nicht mehr, ob ich gebetet habe. Nur, dass ich dasaß und zusah, wie die Katastrophe ihren Lauf nahm.
 

„Es war schrecklich, das mitanzusehen“

Die Fernsehkameras zoomten an eines der schwarzen klaffenden Löcher in einem der Tower. Schwarzer Qualm drang heraus. Und dann konnte man Menschen sehen, die an diesem Loch standen und mit Tüchern winkten! Sie waren offenbar dort eingeschlossen. Die Hitze und der Qualm müssen schrecklich gewesen sein! Sie waren verzweifelt.

Dann sah es so aus, als ob etwas von dort herausfiel. Die Kameras zoomten noch weiter heran, so dass ich erkennen konnte, was es war: Das waren Menschen! Sie sprangen aus dem Fenster – in den sicheren Tod. Es war furchtbar, das mitanzusehen.

Irgendwann zeigten die Fernsehkameras ein Team von Feuerwehrleuten, die ins Erdgeschoss eines der Türme vorgedrungen waren. „Bumm!“ Von draußen hörte man immer wieder seltsame dumpfe Schläge. Als ob irgendetwas auf dem Boden aufprallt. „Bumm!“ Einer der Feuerwehrleute erklärte, das seien die Menschen, die aus den Türmen springen und auf dem Boden aufschlagen: „Bumm“ - und schon wieder: „Bumm“. Das war für mich das Schlimmste das mitanzusehen! Mir liefen die Tränen. „Diese armen Menschen!“ Auch heute noch, wenn ich 20 Jahre später daran denke, bekomme ich Gänsehaut und mir kommen die Tränen.
 

Dunkelheit über New York

Etwa eine Stunde später stürzte der Südturm ein. Fassungslos saß ich da und sah zu, wie dieser riesige Turm in sich zusammenbrach. Ich sah, wie sich eine gigantische Staubwolke durch die Häuserschluchten wälzte und alle Menschen, die ihr nicht entkommen konnten, in Dunkelheit hüllte. Ich dachte an die Menschen, die in diesem Augenblick starben – während ich zusah!

Als sich die erste Staubwolke etwas gelegt hatte, tauchten einige Menschen daraus auf. Sie wirkten wie Gespenster. Nicht nur, weil sie scheinbar allmählich erschienen, sondern, weil ihre Gesichter weiß waren – von Asche und Staub. Einige wirkten völlig verstört und erstarrt. Andere keuchten und husteten. Mehrere Leute gingen auf sie zu und halfen ihnen. Gaben ihnen Wasser. Feuerwehr- und Krankenwagensirenen dröhnten durch die Straßen.

Etwa 30 Minuten später brach dann auch der zweite Turm zusammen. Riss auch dort zahlreiche Menschen in den Tod. Etwas, was ich weder damals noch heute richtig realisieren kann.

Wieder entstand eine riesige Staubwolke und die Leute rannten davon.

Fast 3000 Menschen aus 92 Ländern starben an diesem Tag.
 

Tage der Trauer

Ich sah noch eine Weile zu, was geschah. Abends hatte ich eine Theaterprobe mit Studienkollegen. Auf dem Weg zur Uni fuhr ich durch die Stadt, die sonst laut und lebendig ist. Doch an diesem Abend war es gespenstisch still.

Einige Studienkollegen kamen später. Auch sie konnten sich nicht vom Fernseher lösen. Es gab keine Probe. Keinem von uns war danach zumute. Eine Weile saßen wir einfach schweigend da. Sprachen ein wenig darüber, was passiert war und was wohl als nächstes passieren würde.

Als ich wieder zuhause war, habe ich weiter die Nachrichten verfolgt. Und auch die folgenden Tage danach. Es gab Berichte über die Aufräumarbeiten. Noch immer bestand die Hoffnung, ein paar Überlebende in den Trümmern zu finden. Interviews mit Feuerwehrleuten und anderen Helfern verdeutlichten jedoch auch, wie verzweifelt sie waren. Sie haben dort schreckliche Dinge gesehen und erlebt. Ein Feuerwehrmann fragte: „Wie kann es einen Gott geben, der so etwas zulässt?“

Ich bin sicher, dass Gott dort war. Und dass er mitgelitten hat. Das haben andere vor Ort wohl auch so gesehen. Am Ground Zero wurde ein Stahlträger-Kreuz in den Trümmern gefunden und aufgestellt. Viele Helfer versammelten sich davor und beteten dort. Für sie war es ein Zeichen der Hoffnung, dass Gott sie nicht verlassen hat. Das hat mich sehr berührt.

Ich weiß noch, wie schwer es mir in den folgenden Tagen fiel, mich wieder aufs Lernen zu konzentrieren. Ich war niedergeschlagen und trauerte um die vielen Menschen, die gestorben waren. Menschen, die ich nicht kannte. Doch dieses Kreuz zu sehen und die Menschen, die dort beteten, hat auch mir Trost gegeben.

Die Bilder, die ich an jenem 11. September sah, haben sich trotzdem in mein Gedächtnis gebrannt – bis heute.

Mir war damals klar, dass dieser Tag die Welt verändern würde. Doch dass wir 20 Jahre später die Auswirkungen ganz aktuell spüren, hätte ich nicht gedacht.

 Katja Völkl

Katja Völkl

  |  Redakteurin und Moderatorin

Die gebürtige Münsteranerin ist für aktuelle Berichterstattung zuständig. Von Hause aus ist sie Lehrerin für Deutsch und Philosophie und Sprecherzieherin. Sie liebt Hunde, geht gerne ins Kino und gestaltet Landschaftsdioramen.

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Kommentare

Tomas aus Mähren /

Es war furchtbar, aber die anschließenden Vergeltungsmaßnahmen, der Irak-Krieg, die vielen zivilen Opfer, unschuldigen Entwurzelten und Verletzten haben das erlittene Unrecht um ein Vielfaches übertroffen, außer, man ginge, wie es m. E. den Anschein hat, davon aus, dass nicht jedes menschliche zivile Leben und Schicksal gleich wert seien.

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