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© Uwe Schlick / pixelio.de

25.10.2013 / Kommentar / Lesezeit: ~ 4 min

Autor: Rebecca Schneebeli

Und täglich grüßt die NSA

Was wir daraus lernen können, dass Angela Merkel erst jetzt auf den NSA-Skandal reagiert. Ein Kommentar.

Vier Monate nach dem Snowden-Skandal empört sich Merkel. Vorwurf an die Amerikaner ist, dass sie abgehört wird. Was für eine Überraschung! Hat sie etwa die Enthüllungen von Edward Snowden für Märchengeschichten gehalten? Entweder das oder sie glaubte, dass sie als Kanzlerin im Gegensatz zu ihren Bürgern Sonderrechte bei den Amerikanern genießt.

Dabei wird ja gerade Merkel als „mächtigste Frau Deutschlands“ für die NSA von besonderem Interesse sein. Denn man weiß ja: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. So wird der amerikanische Geheimdienst vermutlich auch über die deutsche Kanzlerin gedacht haben, die immer ein enger Bündnispartner der USA war. Insgesamt wurden anscheinend 35 internationale Staatschefs abgehört, unter ihnen auch Kanzlerin Merkel. Darüber ist Deutschlands Mutti „not amused“. Das ist verständlich, doch man fragt sich: Warum reagiert Merkel erst jetzt?

Häme aus dem Netz

Als sich im Sommer bereits die Vorwürfe wegen millionenfacher Spionage gegen die NSA und den britischen Nachrichtendienst GCHQ häuften, hofften viele deutsche Bürger auf ein Eingreifen der Kanzlerin. Zumindest eine genauere Überprüfung der Faktenlage wäre angebracht gewesen. Tatsächlich kam es nur zu oberflächlichen diplomatischen Gesprächen und man gab sich schnell mit den Zusicherungen der USA zufrieden, dass nicht abgehört werde. Ungeheuerlich, wenn man bedenkt, dass ein Polizist niemals einen Mordverdächtigen einfach so laufen lassen würde, nur weil dieser schriftlich versichert, kein Mörder zu sein.

Aber Merkel begnügte sich damals mit den Unschuldsbeteuerungen der USA. Das hat sie nun davon, so möchte man hämisch denken. Auch im Internet verbreiten sich rasant Unkenrufe in Form von Tweets wie „Als Angela Merkel bei Barack Obama anrief, wusste der doch schon, was sie sagen wollte“, „Und täglich grüßt die #NSA“, oder „Merkel hat zwar eine verdammt lange Leitung, aber wehe, einer macht sich dran zu schaffen“.

Wir sind alle Egoisten

Doch halt, stopp! Bin ich nicht manchmal auch so? Interessiert es mich, dass in Fukushima immer noch Tonnen an strahlenverseuchtem Wasser ins Meer fließen? Ach nein, schließlich liegt Japan weit weg. Und auch die Massentierhaltung: Gut, schön ist das nicht, aber irgendwo muss mein tägliches Schnitzel ja herkommen. Doch wenn auf dem Etikett Rind steht, in meinen Köttbullar aber Pferdefleisch ist, dann ist der Aufschrei groß. Nein, auch ich zeige mich oft erst bestürzt über Missstände, wenn ich selbst betroffen bin. Und leider ist dies eine Haltung, die ich auch bei vielen anderen Christen beobachtet habe.

Denn gerade wir als Christen ziehen uns manchmal in unsere eigene fromme, heile Welt zurück und hoffen im Stillen, dass andere sich der Probleme unserer Gesellschaft annehmen. Schließlich sind wir auf dieser Welt nur zu Besuch, unsere wahre Heimat ist der Himmel, wieso also hier etwas verändern? Nein, natürlich sind nicht alle Christen so und ich möchte auch gar nicht auf andere zeigen, denn ich selbst bin um keinen Deut besser. Denn es ist zutiefst menschlich, sich zuerst für die eigenen Belange zu interessieren. Genau deswegen sollten wir uns bewusst machen, dass wir als Bürger und Christen oft nicht anders handeln, bevor wir uns über Merkels Verhalten aufregen.

Nicht nur Merkel muss handeln

Doch es gibt Hoffnung und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens können wir als deutsche Bürger nun darauf hoffen, dass jetzt, wo Merkel selbst betroffen ist, endlich das Abhörverhalten der NSA in Europa vollständig offengelegt und unterbunden wird. Denn auch wenn die Kanzlerin erst spät zu der Einsicht kam, dass sie sich in dem NSA-Skandal nicht allein auf die netten Worte Obamas verlassen kann; sie scheint endlich aufgewacht zu sein. Das könnte zu einer wichtigen Wende im Umgang Deutschlands mit der amerikanischen Regierung und seinen Geheimdiensten führen.

Zweitens bietet uns dieser Skandal und unsere Empörung über Merkels späte Einsicht einen guten Ansatzpunkt über unseren eigenen Umgang mit gesellschaftlichen Problemen nachzudenken. Wer von uns ist denn wegen dem weltweiten Abhörskandal auf die Straße gegangen? Wer hat sich wirklich dagegen gewehrt weiter überwacht zu werden und eventuell seinen What’sApp- oder Facebook-Account aufgegeben?

Ja, Merkel hat spät eingegriffen, aber auch wir als Bürger stehen in der Pflicht, uns und unsere Daten zu schützen. Oder noch allgemeiner: Uns einzubringen, wenn Missstände aufgedeckt werden. Mit Empörung allein ist es nicht getan. Auch das lehrt uns diese Affäre. Nicht nur Angela Merkel als Bundeskanzlerin muss jetzt handeln, auch wir Bürger sollten den Abhörskandal als Weckruf verstehen, genauer nachzuhaken, wie sicher Computer oder mobile Geräte wie Tablet und Smartphone sind. Nur wenn auch die potenziellen Käufer Druck machen, werden die Hersteller ihre Geräte sicherer machen. Denn der eigentliche Skandal ist nicht allein, dass uns die Amerikaner abhören, sondern wie leicht das möglich ist. Auch hier müssen Lösungen gefunden werden.

 Rebecca Schneebeli

Rebecca Schneebeli

  |  Redakteurin

Sie schätzt an ihrem Job, mit verschiedenen Menschen und Themen in Kontakt zu kommen. Sie ist verheiratet und mag Krimis und englische Serien.

Ihr Kommentar

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Kommentare (14)

Herbert /

Erstaunlich, wie die Wellen wegen dem "Abhörskandal" hoch schlagen und das so gar bei Christen.
Auch wenn es vielleicht naiv klingt, vor was muss ich Angst haben, wenn ich abgehört werde? Was dürfen mehr

Maria /

zu U.Kater und Ingrid T.:
Leider sehe ich keinen Zusammenhang zw. Titus 3 und der Tatsache, dass Fr. Merkel und Regierungsmitglieder von einer für alle Bürger wichtige Angelegenheit ablenken und sie mehr

G.-L. Weller /

Herzlichen Dank liebe R. Theis*** Der Artikel ist sehr nachdenkenswert und herausfordernd. Wenn auch BND und NSA zusammenarbeiten, so wird jetzt diese "Kultur" mal hinterfragt. Leider, bei einer mehr

Jaques L. /

Frau Theis, Sie liegen falsch. Natürlich interessiert in Deutschland, wenn Fukushima weiterhin strahlt, Massentierhaltung, etc. Öko-Sozial-Fair-Gerecht und genderneutral interessiert immer! Der mehr

Alfred /

Ich begrüße und unterstütze den Kommentar von Rebecca Theis. Er ist engagiert und kenntnisreich, klar und zielbezogen in lebendiger Sprache geschrieben. Auch ich verstehe nicht, warum die „große mehr

E. Roeßler /

Ich finde den Kommentar von Rebecca Theis richtig gut! - Aber ist es nicht in der Natur der Sache, dass Politiker Politik machen "müssen" in verschiedenen Bereichen, von denen sie "nichts verstehen"? mehr

Ingrid T. /

Widerlich, dieser Kommentar von Rebecca Theis. Könnte auch aus den ZDF stammen!
Immer wird "Irgendwer" niedergemacht! " "Irgendeiner" muß die Schuld auf sich nehmen und möglichst darüber mehr

U. Kater /

Liebe Frau Theis!
Was Sie hier schreiben ist Rebellion gegen Gott. Unter anderem im Titus 3 Brief steht. Erinnere sie daran, daß sie der Gewalt der Obrigkeit untertan und gehorsam seien, zu allem mehr

Jens S. /

Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass die Zeit rückwärts gespult werden könnte. Alles was jemals in die "Maschine" (PC, Handy etc) hineingesprochen oder geschrieben wurde wird abrufbar und mehr

Birgit S. /

Daran sieht man jeder denkt nur an sein eigenes Wohl auch die Angela Merkel

Barbara /

Wenn Regierungschefs abgehört werden, ist es nicht nur deren Privatsache sondern betrifft das ganze Volk. Ich denke, dass Frau Merkel ja nicht nur über ihre Privatangelegenheiten kommuniziert hat. Deshalb finde ich den Vorwurf des "Egoismus" nicht angebracht.

esther /

Ja, wir müssen als Verbraucher unsere Macht nützen und auf eine Veränderung drängen!:::::::::::
Soll ich ganz ehrlich sein? Ich fühle mich- auch als bewusst lebender Christ oft hoffnungslos mehr

Gerd S. /

Wie ist dass, Gott der Herr im Himmel weiß von jedem von uns das Unwichtigste von dem Unwichtigstem? Jeder Versuch einen Gedanken zu denken, Gott weiß ihn und hat ihn in Büchern notiert? Und, im mehr

Manfred /

naja, ich denke, daß unsere Kanzlerin auch vor der Wahl nicht so naiv war wie sie tat.
1. fand sie eine Beschäftigung mit der NSA im Wahlkampf nicht opportun
2. wird jetzt etwas von den Koalitionsverhandlungen abgelenkt
3. muß man sich verdeutlichen, daß BND und NSA zusammen arbeiten...

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