/ Bibel heute
Ich verstehe nur Bahnhof
Der Bibeltext Hosea 2,4-15 – ausgelegt von Horst Bergmann.
Rechtet mit eurer Mutter, rechtet – sie ist ja nicht meine Frau und ich bin nicht ihr Mann! –, sie soll die Zeichen ihrer Hurerei von ihrem Angesicht wegtun und die Zeichen ihrer Ehebrecherei zwischen ihren Brüsten, damit ich sie nicht nackt ausziehe und hinstelle, wie sie war, als sie geboren wurde, und ich sie nicht mache wie die Wüste und sie zurichte wie dürres Land und sie nicht sterben lasse vor Durst! Auch ihrer Kinder will ich mich nicht erbarmen; denn Hurenkinder sind sie.[...]
Ein wirres Durcheinander – und der Versuch, es zu entwirren
„Ich verstehe nur Bahnhof“ – so sagt man ja gelegentlich, und meint damit: es ist so, wie wenn ich in einem riesigen Bahnhofsgebäude stehe und hier den Fetzen einer Durchsage höre, dort einen anderen; dazwischen rauschen Züge vorbei, rufen Menschen – ein wildes Durcheinander an Sinneseindrücken – und ich verstehe letztlich: nichts.
So ging es auch mir, als ich den Bibelabschnitt erstmals las: Ich verstand „Bahnhof“, verstand nichts. Hurerei, Baale, Drohungen – alles wild durcheinander; was soll das?
Ich lade ein, dass wir uns nun ein wenig miteinander auf den Weg machen, um diese verwirrenden Eindrücke zu sortieren, sie zu entwirren und auf die Reihe zu bringen. Ziel wäre – um im Bild vom Bahnhof zu bleiben –, dass es dann so ist, als ob eine deutliche Durchsage an dem Bahnsteig zu hören ist, an dem wir stehen: Achtung, auf Gleis soundsoviel fährt ein der Zug Nummer soundsoviel nach Soundso – Vorsicht bei der Einfahrt!
Aber bis es so weit ist, müssen wir uns ein bisschen abmühen – so wie wenn wir im Bahnhof unseren Koffer durch die Menschenmengen hindurch und über die Treppe hinauf zum Bahnsteig schleppen. – Also, auf geht’s!
Gottes Liebe zu seinem Volk – das Bild des Ehemanns
Eine grundlegende Entdeckung zum Beginn: hier sind 2 Gedankengebilde ineinander verwoben. Da ist auf der einen Seite das Bild eines traurigen und ärgerlichen, ja geradezu wütenden Ehemanns, dessen Frau fremdgeht. Auf der anderen Seite ist vom lebendigen Gott die Rede, in seiner Beziehung zu seinem Volk Israel, das ihn vergessen hat. Und diese beiden Aussagen sind nun immer neu miteinander verbunden: der lebendige Gott ist wie ein Ehemann, der sein Volk liebt wie seine Frau. Gott liebt – er kümmerte sich um sie, als sie nackt und elend war; so wie das Volk Israel in Ägypten elend in der Sklaverei leben musste. Gott liebt – er warb um sie, setzte sich ein für sie; so wie Gott das Volk aus der Gefangenschaft befreite. Gott liebt – er schloss einen Bund mit ihnen, vergleichbar dem Ehebund. Und wie ein Ehemann seine Frau reich beschenkt – so beschenkte er das Volk im neuen Land reichlich: mit allem, was sie zum Leben brauchten, Korn und Wasser und Öl, dazu Wein und Feigen als Genuss. Außerdem mit allem, was für die Kleidung nötig ist, Wolle und Flachs: Wolle von Schafen und Ziegen, Flachs, um Stoffe aus Leinen herzustellen. Es fehlte wirklich an nichts.
Und nun? – Alles scheinbar vergessen. Das Volk hat Gott vergessen. Und alles von IHM Geschenkte umgedeutet: Baal hat’s gegeben, so dachten sie. – Zwischenfrage: Wer ist dieser Baal? – Bzw.: Was hat’s mit diesem Baal auf sich? Bzw. mit den Baalen in der Mehrzahl? (wie’s am Ende heißt)
Der Baalskult – damals und heute
Antwort: Baal ist ein altorientalischer sogenannter Fruchtbarkeitsgott. Von ihm erwartete man Fruchtbarkeit für Feld und Familie; fürs Feld durch Regen, für die Familie durch Kinder. Im Orient ist ja Regen nichts Selbstverständliches; er ist Geschenk, ist etwas Besonderes; wenn’s aber regnet, dann in der Regel stark, geradezu ekstatisch; und so ist der Baalskult auch: ekstatisch, ja sexuell massiv aufgeladen – es gab Tempelprostitution, es gab sexuelle Freizügigkeit; und hier ist nun auch die Verbindung, dass dieser Gott dann auch zuständig ist für die Fruchtbarkeit der Frauen. Viel wurde investiert, um diesen Gott gnädig zu stimmen – es ging ja ums Überleben – durch gute Ernte und durch Nachkommen. Und auch wenn der Baalskult zur Zeit des Propheten Hosea offiziell abgeschafft war, so war die entsprechende Denk- und Erwartungshaltung keineswegs entfernt: Der Baal tauchte unter vielerlei neuen Namen wieder auf. Darum hier auch im letzten Vers der Name in der Mehrzahl: Baale. – Und ich frage mich, ob er nicht in unserer Zeit auch unter allen möglichen neuen Namen auftaucht: Spaßorientierung, Genuss-Sucht, sexuelle Freizügigkeit; große Lebensqualität wird davon erwartet, viel an Zeit und Geld investiert. So war es damals, vor 2800 Jahren; und heute: sind wir davon so weit entfernt mit der Lebenseinstellung?
Und Gott? Der lebendige Gott? – Im Bild eines betrogenen Ehemanns wird nun vom Propheten seine Einstellung geschildert: ja – passend zum Baalskult – seine Frau ist wie eine Hure, die ihren Liebhabern nachläuft; die denkt, von ihnen all das Gute erhalten zu haben, das sie doch von Ihm bekommen hat. Er plant, ihr den Weg zu verbauen, mit Hecken, mit Mauern. Ob sie zurückkommt und merkt, dass sie’s bei ihm besser hat? – Oder soll er ihr alles Gute entziehen, dass sie merkt: es kommt doch gar nicht von den Liebhabern, sondern von Ihm?
Wie vorhin schon gesagt, Bild- und Sachebene sind hier eng ineinander gemengt, nur als ein Beispiel der Satz (V.14): „Ich will ihre Weinstöcke und Feigenbäume verwildern lassen, weil sie sagt: Das ist mein Lohn, den mir meine Liebhaber gegeben haben. Ich will eine Wildnis aus ihnen machen, dass die Tiere des Feldes sie fressen sollen“.
Ob das Volk zu Gott zurückkommt? – Die von Ihm empfangene Güte hat’s leider uminterpretiert; wird nun der Entzug der Güte wirken? – Es gibt ja das Bild von den verschiedenen Schlüsseln zum Herzen der Menschen: wenn der goldene Schlüssel nicht zu passen scheint, wirkt dann der rostige? Wenn der Schlüssel der Güte nicht mehr passt, dann der, wenn die Güte entzogen wird? – Eine offene Frage zum Schluss. –
Eine faszinierende Botschaft für heute
Ich denke, wir verstehen jetzt nicht mehr „Bahnhof“, sondern hören jetzt gleichsam im Bahnhof eine eindeutige Durchsage (wie die, dass unser Zug bald einfährt); man könnte sagen: wir hören eine eindeutige Aussage, eine faszinierende Botschaft:
Der lebendige Gott ist sich nicht zu schade, um nicht hier wie ein enttäuschter Ehemann aufzutreten; wie ein Ehemann, der mit allen Mitteln versucht, seine Frau zurückzugewinnen. Seine Frau, das ist zum einen, im damaligen Zusammenhang: sein Volk Israel, das ihn vergessen hat. Zum anderen: könnte dieser Frau, im heutigen Zusammenhang, nicht seine Gemeinde entsprechen – so frage ich mich –; seine Gemeinde – und damit jeder, der zu ihr gehört –? – Kann es sein, dass auch wir immer wieder in der Gefahr stehen, dass wir uns überall Erfüllung versprechen, nur nicht bei Ihm? Dass auch wir in der Gefahr stehen, Ihn zu vergessen – trotz aller Gottesdienste und Veranstaltungen? Möglicherweise ist so manches an unangenehmen Entwicklungen der letzten Zeit ein Ruf zur Umkehr, zurück zu Ihm. Bei Gott liegt doch erfülltes Leben bereit, bei Ihm, der doch der Schöpfer aller guten Dinge ist.
© KI Generiert von Elmira/
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