/ Wort zum Tag
Wenn Schuld mich verfolgt
Die Bibelstelle Klagelieder 1,20 – ausgelegt von Dorothee Döbler.
Ach, HERR, sieh doch, wie bange ist mir. Mir dreht sich das Herz im Leibe um, weil ich so ungehorsam gewesen bin.
Haben Sie schon einmal so richtig danebengegriffen? So, dass Sie hinterher fassungslos über sich selbst sind und sich fragen: “Wie konnte ich das nur machen?”
Ich erinnere mich noch an einen Zeitungsartikel, in dem von vier Jugendlichen berichtet wurde, die in einem U-Bahnhof immer wieder auf einen Obdachlosen eintraten, bis er starb. Jugendliche aus gut-bürgerlichem Elternhaus. Sie wollten Abitur machen, studieren … Als sie sich der Polizei stellten, sagte einer von ihnen: “Ich glaube, ich habe da gerade mein Leben versaut.” Es gibt Sachen, die lassen sich nicht rückgängig machen, nicht mit Geld und nicht mit guten Worten. Es gibt Handlungen und Entscheidungen, die lasten schwer auf einem, die lassen einen nicht mehr los, die drehen sich im Kopf, immer und immer wieder: Warum hab ich das nur gemacht!?
Weit über 2.000 Jahre ist es her, da überfallen die Babylonier Jerusalem und machen es dem Erdboden gleich. Der Tempel wird zerstört, Männer niedergemetzelt, Frauen und Mädchen vergewaltigt, alle Vorräte zerstört, so dass die Menschen hungern und verhungern. Viele Menschen werden in die Gefangenschaft geführt. Sieht man sie jemals wieder?
Von all dem erzählt der Prophet Jeremia in seinen Klageliedern: "Ach, HERR, sieh doch, wie bange ist mir.” Für ihn steht die Antwort nach dem Warum fest: “Mir dreht sich das Herz im Leibe um, weil ich so ungehorsam gewesen bin”. All das passierte, weil sich das Volk von Gott abgewandt hatte. Es hatte die fremden Gottheiten angebetet, die andere Völker ins Land gebracht hatten. Immer wieder hat Gott gewarnt - und nun hat er es wahr gemacht. Gott hat es zugelassen, dass das Land von den Babyloniern erobert wird, und dass sein Volk so Schreckliches durchmachen muss.
Das Grauen, das er schildert, steht mir vor Augen, als wäre es ein Film. Kenne ich solche Bilder nicht auch von heute? Und auch, wenn ich selbst solche Kriegssituationen nicht durchleben musste, weiß ich doch um Ereignisse in meiner Biographie, die ich heute bitter bereue. Warum habe ich Menschen so sehr verletzt? Hätte ich nicht andere Wege einer Lösung finden können?
Wie kommt Jeremia aus der Schuldfrage heraus? Gar nicht - möchte ich fast sagen. Nur an einer Stelle blitzt ein Wort Gottes an ihn auf: “Fürchte dich nicht” (Klagelieder 3,57). Jeremia kannte fast nur den strafenden Gott, der, wenn die Zeit gekommen war, sich vielleicht wieder erbarmte.
Jesus Christus hat uns Gott von einer anderen Seite nahegebracht. Wenn uns unsere Schuld klar wird, wenn wir sie eingestehen, dann vergibt Gott uns schon hier und jetzt. Jede Abendmahlsfeier macht uns das Angebot, unsere Schuld vor Gott auszusprechen. Und dann wird uns die Vergebung dieser Schuld zugesprochen. Wir haben wieder Frieden mit Gott und Frieden mit uns. Und wir bekommen die Kraft, auf den anderen zuzugehen und wiedergutzumachen, wo etwas wiedergutgemacht werden kann.
Wie ging der junge Mann mit seiner Schuld um, der den Obdachlosen erschlagen hat? Ich habe vom Gerichtsverfahren nichts mehr gelesen. Vielleicht musste er 10 oder 15 Jahre ins Gefängnis. Wurde ihm noch mehr klar als nur: “Ich glaube, ich habe da gerade mein Leben versaut”? Ich wünsche es ihm, damit seine Seele wieder frei wird und Frieden schließen kann.
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