/ Bibel heute
Verteidigung des Apostels gegen persönliche Angriffe
Daniel Behrens über 2. Korinther 10,1-11.
Ich selbst aber, Paulus, ermahne euch bei der Sanftmut und Güte Christi, der ich in eurer Gegenwart unterwürfig sein soll, aber kühn gegen euch, wenn ich fern bin. Ich bitte aber, dass ich, wenn ich bei euch bin, nicht kühn sein muss in der Festigkeit, mit der ich gegen einige vorzugehen gedenke, die unsern Wandel für fleischlich halten. Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir doch nicht auf fleischliche Weise.[...]
Es ist Samstagmorgen, und ich stehe beim Bäcker in der Schlange. Hinter mir unterhalten sich ein Mann und eine Frau: „Hast du schon gehört …“ So beginnt das Gespräch. Es geht um einen gemeinsamen Bekannten und was er angeblich gemacht hat. Ich höre eigentlich gar nicht hin. Gleich bin ich dran, und ich überlege schon, welche Brötchen ich möchte. So ganz kann ich mich dem Gespräch aber nicht entziehen. Ich merke, dass vieles nur Vermutungen und Spekulationen über den gemeinsamen Bekannten sind. Ich frage mich, was er wohl selbst sagen würde, würde er mitbekommen, dass so über ihn geredet wird.
Ob er sich darin wiederfinden würde? Ich vermute nicht.
Solche Gespräche passieren ständig, nicht nur in der Schlange beim Bäcker, auch am Arbeitsplatz, am Gartenzaun, im Treppenhaus und in der Familie. Wahrscheinlich gibt es irgendwo auch Menschen, die sich so über mich unterhalten. Was ich getan oder nicht getan oder was ich mal gesagt habe. Ich könnte jetzt einfach sagen, dass es mir egal ist, was andere über mich denken. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das nicht immer so. Je näher mir Menschen stehen und je wichtiger sie mir sind, desto wichtiger ist es mir auch, dass sie mich so wahrnehmen, wie ich denke, dass ich wirklich bin. Meinen Charakter, mein Verhalten, meine Motivationen.
Dem Apostel Paulus geht es da nicht anders. Auch ihm ist es nicht egal, was andere Menschen über ihn denken, schon gar nicht in der Gemeinde in Korinth. Immerhin hatte er die Gemeinde selbst gegründet. Auch dort wird über ihn geredet. Und was über ihn gesagt wird, kann er nicht einfach so stehen lassen. Angeblich spielt Paulus in seinen Briefen den starken Mann mit starken Worten. Wenn er aber vor Ort in Korinth ist, ist er nach der Meinung seiner Gegner kleinlaut, schwach und verhalten. Warum gibt es diese Vorwürfe gegen ihn? Im ersten Korintherbrief schreibt Paulus schon von verschiedenen Gruppen innerhalb der Gemeinde. Die Gemeinde hatte sich noch nicht zu einer Einheit zusammengefunden. Man richtete sich an prägenden Personen aus wie Apollos, Petrus oder auch Paulus. Man hatte wohl so etwas wie „Lieblingsapostel“. Und man hatte auch ganz unterschiedliche Auffassungen, wie der christliche Glaube zu verstehen und zu leben ist. Aber anstatt sich bei aller Unterschiedlichkeit in und durch Jesus verbunden zu wissen, gab es Spannungen und Konflikte zwischen den einzelnen Gruppen.
In dieser Situation passierte dann in Korinth etwas, das bei Konflikten leider oft passiert. Menschen werden persönlich angegriffen, anstatt sachlich über ein Thema zu diskutieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass Paulus eigentlich über ganz andere Themen sprechen möchte. Aber er sieht es als notwendig an, über sich selber zu reden. Ich spüre am Anfang eine gewisse Schärfe in dem, was er schreibt, als wolle er sagen: „Passt auf, Leute, ich kann auch anders.“ Ich merke das an seinen Worten. Er redet vom Kämpfen, von Waffen, von Festungen, die zerstört werden, und vom Strafen. Paulus macht mit seiner bildgewaltigen Sprache deutlich, dass er bereit ist, sich dem Konflikt zu stellen. Er ist bereit, gegen das anzukämpfen, was dem Willen Gottes entgegensteht. Er macht deutlich, dass an den Vorwürfen gegen ihn nichts dran ist. Er ist eben nicht kleinlaut, schwach und verhalten.
Ich muss bei dem Text an Konflikte denken, die eskaliert sind. Ich muss an Konflikte denken, die ich selber miterlebt habe, und an Konflikte, in denen ich selbst drinsteckte. An deutliche Worte, die ich gesprochen habe. An die Emotionen, wenn es nicht mehr sachlich war. Wenn ich persönlich angegriffen wurde oder wenn ich selber die sachliche Ebene verlassen habe.
Nicht jeder Konflikt eskaliert, oft kann man ja Unstimmigkeiten schnell klären. Aber wenn man nicht aufpasst, bekommen Konflikte eine Dynamik, die sich nicht mehr oder nur schwer stoppen lässt. Bei Paulus spüre ich, dass er nach den deutlichen Worten zu Beginn und dem, was gesagt werden musste, andere Töne anschlägt. Versöhnliche und gewinnende Worte. Er stellt heraus: Wenn jemand in der Gemeinde für sich in Anspruch nimmt, zu Jesus zu gehören, dann ist man miteinander verbunden, denn er, Paulus, gehört ja auch zu Jesus. Und Jesus, der Menschen im Glauben verbindet, ist viel bedeutsamer als das, was mitunter noch trennt.
Paulus kommt auch auf seine Motivation zu sprechen. Es geht ihm nicht um sich selbst. Es geht ihm nicht darum, als der starke Mann wahrgenommen zu werden. Mehrmals betont Paulus in seinen Briefen seine eigene Schwäche und dass da, wo er stark ist, seine Stärke aus Gott kommt. Und die möchte er für die Gemeinden einsetzen, zu ihrem Besten. Er möchte auch nicht die Menschen mit seinen Briefen einschüchtern, er möchte nicht, dass in der Gemeinde etwas kaputt geht, sondern dass sie wächst und aufblüht.
Ich bewundere bei Paulus, dass er diesen Spagat schafft. Auf der einen Seite findet er deutliche Worte. Er spricht das an, was verkehrt ist. Er lässt sich aber nicht zu einem immer weiter eskalierenden Konflikt hinreißen, sondern versucht, die Menschen zu gewinnen. Er stellt heraus, dass er und die Menschen in der Gemeinde durch Jesus miteinander verbunden sind, dass es um das Wohl der Gemeinde geht. Ich bin ehrlich: mir gelingt dieser Spagat nicht immer. Aber dieser Text motiviert mich, dass ich in Konflikten nicht nur meinem Ärger Luft mache, sondern auch ganz gezielt nach dem suche, was mich mit diesen Menschen verbindet und was unser gemeinsames Ziel ist.
© Ruth Schneider / ERF
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