/ Bibel heute
Moses Rückkehr nach Ägypten
Jens Wellhöner über 2. Mose 4,18–31.
Mose ging hin und kam wieder zu Jitro, seinem Schwiegervater, und sprach zu ihm: Lass mich doch gehen, dass ich wieder zu meinen Brüdern komme, die in Ägypten sind, und sehe, ob sie noch leben. Jitro sprach zu ihm: Geh hin mit Frieden. Auch sprach der HERR zu Mose in Midian: Geh hin und zieh wieder nach Ägypten, denn die Leute sind alle tot, die dir nach dem Leben trachteten. So nahm denn Mose seine Frau und seine Söhne und setzte sie auf einen Esel und zog wieder nach Ägyptenland und nahm den Stab Gottes in seine Hand.[...]
Wie kann das sein? Erst schickt Gott Mose nach Ägypten, gibt ihm genaue Anweisungen, was er dem Pharao sagen soll. Und dann, plötzlich, ohne Vorwarnung, fällt er in der Herberge über Mose her und will ihn töten. Das habe ich nie verstanden. Das ist doch unlogisch, dachte ich mir. Warum macht Gott das? Und hinterher geht Mose doch nach Ägypten. Diese Stelle scheint überhaupt nicht in den Zusammenhang des 2. Buches Mose zu passen. Doch, bei genauerem Hinschauen, erkenne ich, dass diese Stelle sogar sehr viel Sinn und Logik hat. Und dass sie sogar auf das Evangelium von Jesus Christus hinweist, also auf das Neue Testament. Aber von Anfang an. Ich schaue erst einmal darauf, was vor dieser zuerst sehr rätselhaften Stelle geschah.
Mose ist aus Ägypten geflohen, weil er einen Ägypter ermordet hatte. Er lebt jetzt in Midian, das ist heute das nordwestliche Saudi-Arabien. Dort hütet er die Tiere seines Schwiegervaters Jitro. Plötzlich erscheint ihm dort der Ewige, Gott, der Herr, in einem brennenden Dornbusch. Der will ihn nach Ägypten schicken, um das Volk Israel aus der Sklaverei zu befreien und ins Land Kanaan zu führen, das heutige Israel. Aber Mose will gar nicht, erst nach einer längeren Diskussion fügt er sich schließlich unter Gottes Willen. Dass er diesen ganz besonderen Auftrag bekommen hat, verrät er seinem Schwiegervater allerdings nicht. Sondern er sagt nur, er wolle sehen, ob seine Brüder noch leben. Jitro lässt ihn ziehen, und so nimmt Mose seine Frau und seine zwei Söhne mit auf die lange Reise.
Das Volk Israel befreien, nach Kanaan führen: Das ist wirklich eine gewaltige Mission. Mose soll den Willen Gottes ausführen und Ägypten im Namen des Ewigen, des einzigen Gottes demütigen. Damit Israel, Gottes Volk, freikommt. Eine heilige Mission. Und Gott hat Mose dafür aus seinem alten Leben in Midian herausgerufen. Herausgerufen, das ist eine Bedeutung für das Wort „heilig“. Mose ist also von Gott gerufen und damit geheiligt worden. Da ist es auch wichtig, dass Mose sich ganz genau an Gottes Anweisungen hält, also auch sein Leben und seine Familie ganz Gottes Willen unterstellt. Sonst kann die heilige Mission nicht gelingen, das Volk Israel nicht seine Freiheit erlangen und ins Gelobte Land ziehen. Aber als Mose mit seiner Familie nach Ägypten aufbricht, hat er sich in einem ganz entscheidenden Punkt Gottes Willen widersetzt: Er hat einen seiner Söhne nicht beschnitten. Das hätte er aber als Israelit tun müssen. So hat es Gott nämlich Jahrhunderte vorher angeordnet, als er mit Abraham seinen Bund schloss, dem Stammvater des Volkes Israel. Im 1. Buch Mose, Kapitel 17, sagt Gott zu Abraham: Jeden Knaben, wenn er acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen. Und so soll mein Bund an eurem Fleisch zu einem ewigen Bund werden. Ein Unbeschnittener aber, der nicht beschnitten wird an seiner Vorhaut, soll ausgerottet werden aus seinem Volk; meinen Bund hat er gebrochen.
Die Beschneidung ist also ein Zeichen dafür, dass Israel Gottes Volk, also aus allen anderen Völkern herausgerufen, geheiligt, ist. Die Beschneidung ist absolut notwendig für jeden männlichen Israeliten. Aber genau das hat Mose zumindest mit einem seiner Söhne eben nicht getan. Und das ist der Grund, warum Gott auf einmal über Mose herfällt und ihn töten will. Denn Mose hat den Bund gebrochen, Gott nicht gehorcht, im wahrsten Sinne eine Todsünde. Wahrscheinlich hätte Gott nach dem Vater auch den Sohn getötet. Für uns heute klingt das brutal und grausam. Aber mit der Sünde ist nicht zu spaßen. Das ist eines der Hauptthemen der ganzen Bibel. Die Sünde ist Trennung von Gott. Trennung von Gott bedeutet den Tod. Ohne die Verbindung mit Gott kein ewiges Leben. Und ich glaube, das will Gott jetzt Mose auf diese drastische Weise beibringen, bevor er nach Ägypten auf seine heilige Mission zieht.
Zippora, Moses Frau, weiß jedenfalls sofort, was zu tun ist. Sie beschneidet ihren Sohn und rettet damit ihrem Mann das Leben. Sie ist so schnell, weil sie offenbar genau weiß, dass Gott die Beschneidung befohlen hat. Aber: Genau diesem Befehl ist das Ehepaar bisher nicht gefolgt. Vielleicht wollte ja Zippora nicht. Denn sie ist ja eine Midianiterin und gehört nicht zum Volk Gottes. Vielleicht glaubt sie, die Beschneidung sei ein zu blutiger Brauch und wollte das ihrem Sohn nicht antun. Aber wie dem auch sei, sie ist schnell zur Stelle. Und sagt zu ihrem Mann: Du bist mir ein Blutbräutigam. Das hat sie ärgerlich gesagt, als eine Beschimpfung, meinen einige Ausleger. Weil sie eben die Beschneidung als zu blutig und grausam ablehnt. Ob sie wirklich das aus Ärger sagt, wird mir aus dem Text nicht hundertprozentig klar.
Aber klar ist für mich: Mit der Beschneidung rettet sie ihrem Mann und ihrem Sohn das Leben. Doch anschließend schickt Mose Zippora und seine Söhne wieder zurück zu seinem Schwiegervater Jitro. Das zeigt sich später, als das Volk Israel schon aus Ägypten ausgezogen ist und in der Wüste lagert. Da kommt Jitro zu Mose und bringt Zippora und Moses Söhne mit. Sie sind also nicht mit nach Ägypten gegangen. Das steht im 18. Kapitel des 2. Buches Mose.
Warum hat Mose seine Familie zurückgeschickt? Zwei Gründe sind aus meiner Sicht möglich: Weil er jetzt sah, dass die Reise lebensgefährlich war. Das wollte er seiner Familie nicht zumuten. Oder die zweite Möglichkeit: Er wollte Zippora und seine Söhne, die ja in einem heidnischen Umfeld aufgewachsen sind, nicht mehr bei sich haben, weil sie ihn von seiner heiligen Aufgabe abgelenkt hätten.
Diese Stelle, die so rätselhaft scheint, ist also in Wahrheit logisch, eine logische Folge von Moses Ungehorsam. Und das ist auch eine Warnung für mich und jeden Menschen: Die Sünde bringt den Tod. Das ewige Leben, dass Gott uns schenken will, ist nicht möglich für die, die sich Gottes Willen ständig widersetzen.
Mose aber ist jetzt jedenfalls gerettet. Die Beschneidung ist erfolgt. Jetzt zieht er weiter nach Ägypten und kann seine heilige Mission erfüllen. Das Entscheidende dafür ist das Blut seines Sohnes: Zippora hat es bei der Beschneidung vergossen. Und damit die Sünde wieder gutgemacht. Auch das zieht sich durch die Bibel: Versöhnung mit Gott ist nur mit Blut möglich. Darum wurden auch vom Volk Israel immer wieder Tiere für Gott geopfert.
Und darum ist auch Jesus gestorben. Er ist das letzte, das perfekte Opfer für alle Menschen. Im Brief des Paulus an die Römer, Kapitel 5, Vers 9 steht: Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn gerettet werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind.
Jesus ist am Kreuz für alle Menschen gestorben, er hat sein Blut vergossen. Und dadurch, dass er sich geopfert hat, ist die Sünde ein für alle Mal überwunden. Es braucht jetzt keine Tieropfer mehr. Und auch keine Beschneidung. Das Blut des Sohnes Gottes hat alle Menschen, die an Jesus glauben, gerettet. Und Mose wird auch durch das Blut seines Sohnes gerettet, das bei der Beschneidung vergossen wird. Diese Stelle ist also ein prophetischer Hinweis auf das, was über 1000 Jahre später geschehen wird: Das Blut des Sohnes rettet vor dem Tod. Gott will Moses Rettung. Und er will unsere Rettung. Durch Jesus sind wir versöhnt mit dem Ewigen, unserem Vater. Und so steckt auch in dieser erst so rätselhaften Passage der Bibel ein Stück Evangelium.
Ihr Kommentar
Kommentare (2)
Vielen Dank für diese tolle Auslegung
Gut verständlich, deutlich gesprochen. Perfekt
Ich finde es sehr gut, dass der Ausleger eine schwierige Bibelstellt nicht ausgeklammert, sondern intensiv erläutert hat.