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/ Bibel heute

Moses Flucht nach Midian

Hans Jakob Reimers über 2. Mose 2,11–25.

Zu der Zeit, als Mose groß geworden war, ging er hinaus zu seinen Brüdern und sah ihre Lasten und nahm wahr, dass ein Ägypter einen seiner hebräischen Brüder schlug. Da schaute er sich nach allen Seiten um und als er sah, dass kein Mensch da war, erschlug er den Ägypter und verscharrte ihn im Sande. Am andern Tage ging er wieder hinaus und sah zwei hebräische Männer miteinander streiten und sprach zu dem, der im Unrecht war: Warum schlägst du deinen Nächsten?[...]

2. Mose 2,11–25

Mose - ein gebürtiger Hebräer am Hof des Pharao - welch ein Privileg! Eine exquisite, elitäre Ausbildung, ein überaus bequemes Ambiente, erlesenste Speisen, unvorstellbarer Luxus. Außerdem Aussicht auf eine steile Karriere. Was hätte da näher gelegen, als seine Herkunft zu verleugnen und sich seiner gedemütigten Brüder seiner Herkunft gemäß zu schämen.

Außerdem: Solidarität mit den verachteten Hebräern, in welcher Form auch immer gezeigt, hätte seiner Stellung bei Hofe nur geschadet. Lange Jahre scheint er denn auch tatsächlich gegenüber seinem Volk Distanz geübt zu haben. Denn er ist bereits an die vierzig, als er die geknechteten Israeliten in ihrem Elend aufsucht. Und dann erlebt er mit, wie ein Hebräer von einem ägyptischen Aufseher - vermutlich wegen einer Nichtigkeit - mit der Peitsche geschlagen wird. Da packt ihn der Zorn, ein rascher Rundblick, und da er sich unbeobachtet wähnt, erschlägt er den Peiniger, verscharrt ihn – und meint, damit sei der Fall erledigt.

Tags darauf begibt er sich erneut dahin, wo die Söhne Israels Sklavenarbeit verrichten: Er kommt dazu, wie ein Jude einen anderen angreift. Mose ruft die zwei Streithähne zur Versöhnung. Der Schuldige aber entgegnet gereizt: „Misch dich nicht ein in Sachen,  die dich nichts angehen! Willst du mich etwa auch umbringen wie den Ägypter?!"  Das ist eine versteckte Drohung: „Pass bloß auf, dass ich dich nicht anzeige. Du kannst dir ja denken, was dir dann blüht!"

Nun weiß Mose, dass er selber in Gefahr ist. Bekommt der Pharao Wind von seiner Tat, ist er die längste Zeit Adoptivsohn der Pharaostochter gewesen. Und seine Untat bleibt dem Pharao tatsächlich nicht verborgen. Mose ist seines Lebens in Ägypten nicht mehr sicher.

Der in Ungnade gefallene Prinz aus Israel tut das einzig Richtige: Er flieht, und zwar ins benachbarte Midian. An einer Viehtränke macht er Rast. Da sind die Töchter des Priesters Reguel beschäftigt, sieben an der Zahl. Der Vater äußert sein Erstaunen darüber, dass seine Töchter diesmal schon so rasch fertig geworden sind. Da berichten die Töchter: "Ein netter Ägypter hat uns vor den Hirten in Schutz genommen und uns beim Tränken des Viehs geholfen." - Darauf Reguel: „Ja, habt ihr denn gar nicht daran gedacht, ihn wenigstens zum Essen einzuladen? Holt ihn umgehend zu uns!"

Der Priester nimmt Mose bei sich auf. Mose entschließt sich zu bleiben, und Reguel gibt ihm schließlich seine Tochter Zippora zur Frau. In Midian ist der steckbrieflich Gesuchte sicher. Aber was ist das für ein Leben, das er jetzt führen muss? Von Stund´ an gehört der Luxus des Pharaonenhofs für ihn der Vergangenheit an. Von der Annehmlichkeit eines täglichen Bades kann nicht mehr die Rede sein. Einen Privatmasseur hat er auch nicht mehr. Statt ein klimatisiertes Appartement zu bewohnen, muss er fortan mit einem Beduinenzelt Vorlieb nehmen.

Der Brite Lawrence of Arabia, der unter Beduinen gelebt hat, berichtet, Flöhe als unwillkommene Nachtgesellen gehabt zu haben. Moses fürstliche Kleidung ist bald zerschlissen. Ziegenhaar aber ist keine Kaschmirwolle und schon gar keine chinesische Seide. Die fetten Jahre in der Residenz sind vorbei; und statt den Tag auf dem Golfplatz zu verbringen oder sich in den schattigen Palastgärten verwöhnen zu lassen, muss er nun bei sengender Hitze die Schafe seines Schwiegervaters hüten - und das tagaus, tagein; und die Weiden des Vorderen Orients sind keine schattenspendenden Wälder.

Er wird zwar Vater eines Sohnes. Aber der Name, den er seinem Erstgeborenen gibt, klingt nach Heimweh. Den Namen "Gerschom" erklärt Mose so: "Ich bin ein Fremdling geworden im fremden Lande." Die neue Umgebung ist ihm fremd. Doch diese unbequeme Lage hat er sich selber zuzuschreiben. Er hat Schuld auf sich geladen, Blutschuld. Nun muss Mose die Folgen tragen.

Es ist eine harte Schule, die der Gott Israels ihn durchlaufen lässt. ER führt ihn, den bisher Verwöhnten, einen Weg der Entsagung, des Verzichts. Und Gott weiß warum. ER hat mit ihm noch etwas vor. An Mose wird sich das Psalmwort realisieren: "Wenn du mich demütigst, machst du mich groß." <Psalm 18, 36>

Doch darüber gehen Jahrzehnte ins Land. Ein neuer Pharao besteigt den Thron am Nil. Aber unter ihm wird das Los der Kinder Israel nicht leichter. In ihrer Not rufen sie zu dem Gott der Väter, und der hört ihr Schreien. In seiner Bundestreue gedenkt ER seines Bundes mit den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob.

 Der Leser fragt sich: Wie sieht Gottes Antwort aus? Nahe liegt auch die andere Frage: Warum musste Mose an einem Menschenleben schuldig werden? Mose wollte doch nur seinem bedrängten, gequälten Volk helfen. Er hatte es doch nur gut gemeint. Aber sein blinder Eifer machte ihn zum Totschläger. Wollte Gott ihm zeigen, dass eigenmächtige Selbsthilfe selten gut ist? Nun muss Mose die Folgen tragen - ein ganzes Menschenleben lang, so lange, bis JHVH ihn beruft, Gottes guten Plan in die Tat umzusetzen. Und der Plan ist vollkommen.

Moses Eifer war nur elendes Stückwerk. Aber wie ist es mit Ihnen? Wenn Gott Wege führt,  Wege, denen Sie keinen Sinn abgewinnen können: dann nicht mit Gott hadern. So lautet meine Empfehlung. Ich sollte mich selbst fragen: Habe ich Schuld an meiner Situation?

Und ich sollte immer bedenken: Gott hat den Überblick, ich nicht; Er denkt weiter.

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Kommentare (1)

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Monika S. /

Herzlichen Dank für diese Auslegung. Sie ist mir eine große Hilfe.