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Des Elifas erste Rede (2)

Jörg Schulze über Hiob 5,17–27.

Vorschaubild: Hiob 5

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Hiob 5

Siehe, selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist; darum widersetze dich der Zucht des Allmächtigen nicht. [...] (Hi 5,17-27; LUT)

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„Ach, Elifas von Teman, wenn du doch weiterhin geschwiegen hättest!“

Das würde ich jetzt dem Elifas am liebsten sagen. Und ich würde ergänzen: „Wie kannst du zu Hiob sagen: Siehe, selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist?

Schau doch den Hiob an! Wie groß ist sein Leid? Sieh doch sein Elend! Alles, was ihm lieb und teuer war, wurde ihm nach und nach genommen. Haus und Hof hat er verloren. Alle seine Kinder sind bei einem gewaltigen Sturm umgekommen. Er selbst ist von einer schweren Krankheit entstellt.

Und als wäre Hiobs Unglück nicht schon groß genug, ermahnst du ihn am Ende auch noch wie ein Besserwisser: „Siehe, das haben wir erforscht, so ist es; darauf höre und merke du dir’s.“

Elifas von Teman ist einer der drei besten Freunde Hiobs. Sie haben von Hiobs Katastrophe gehört und sind sofort zu ihm gekommen. Sie beklagen ihn. Sie weinen mit ihm. Sie wollen ihn in seinem Leid trösten. - Ihn, der selbst zuvor andere in Not und Sorge getröstet hatte. Sieben Tage und sieben Nächte schweigen sie mit Hiob. Und doch hat er gespürt: Er ist nicht allein. Seine Freunde sind bei ihm. Und nach der Zeit des Schweigens lassen sie Hiob, den Leidenden, zuerst reden.

So weit so gut. Bis dahin geben Hiobs Freunde uns eine Lehrstunde in Seelsorge.

Aber danach versuchen sie, das Leid Hiobs zu erklären. Elifas redet als Erster. Er möchte Hiob mit seinen Worten Hilfe und Ratschläge geben. Ob Elifas sich bewusst ist, dass Ratschläge auch Schläge sein können?

Was er sagt, spiegelt nur wider, was viele Menschen damals - und wohl auch heute noch - über das Leiden denken. Und zwar: Wer leidet, hat gesündigt. Also bestraft Gott ihn für das, was er getan hat. Dies waren die Weisheit und der Rechtsstandpunkt zu jener Zeit.

Demnach muss Hiob schuldig geworden sein

Denn sonst hätte Gott ihm das nicht angetan. Umsonst kann es ihn nicht getroffen haben. Das Leid, das über Hiob gekommen ist, versteht Elifas als Erziehungsmaßnahme Gottes: Wen Gott liebt, den züchtigt er. Und zu dieser Bestrafung Gottes gratuliert Elifas Hiob sogar: „Siehe, selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist.“

Gewiss, in einer Freundschaft sollten wir einander alles sagen dürfen. Und doch denke ich:  Elifas geht mit seinen Worten an Hiob einen Schritt zu weit. Wahrer Trost sieht für mich wahrhaftig anders aus.

Stattdessen ermutigt Elifas den Hiob, die Züchtigung Gottes anzunehmen. Wenn Hiob die Strafe des Allmächtigen akzeptiert, dann wird Gott ihn wieder aus seinem Leid herausholen. Auf die Leidenszeit wird Gott eine Heilszeit folgen lassen. Alles wird sich wieder zum Guten hinwenden.

Elifas redet von Zuständen wie im Paradies, wo Harmonie und Frieden herrschen. Da wird Gott den Hiob in Zeiten von Hungersnot und Krieg beschützen. Hiobs Ruf und Ansehen sollen nicht durch Verleumdungen befleckt werden. Er wird auch keine Angst haben müssen vor einer drohenden Verwüstung. In Frieden wird er mit wilden Tieren leben. In einem sicheren Zelt wird Hiob wohnen. Er wird viele Kinder haben. Alt und lebenssatt wird er sterben. „So ist es“, sagt Elifas. Schließlich hat er dies alles mit seinen Freunden untersucht und erfahren. Hiob sollte einfach nur darauf hören und alles würde gut. Von so einer Änderung der Verhältnisse zum Guten hin ist Elifas felsenfest überzeugt.

Er tut so, als könnte er in die Zukunft Hiobs schauen. Aber, was er dem Hiob verheißt, kann keine Garantie für dessen Errettung aus der Not sein. Hiob glaubt an Gott, an einen gerechten und allmächtigen Gott. Er weiß: Letztendlich ist es Gottes freie Entscheidung, zu erretten oder im Unglück untergehen zu lassen.

Und was passiert mit einem Menschen im Unglück, wenn keine Wende der Not eintritt? Dann werden solche Zusagen zu leeren Versprechungen. Der Leidende ist nicht nur enttäuscht. Dann kann in ihm auch ein letzter Funke Hoffnung erlöschen. Dann kann auch sein Glaube an Gott wie ein Kartenhaus in sich zusammmenfallen.

Billiger Trost

So sind Elifas Worte für Hiob, wenn überhaupt, nur ein billiger Trost. Elifas ist nicht fähig, seinem Freund Hiob zu helfen. Er denkt und spricht zwar wie die Weisen seiner Zeit. Aber in der seelsorglichen Begleitung seines trauernden Freundes Hiob erweist er sich als unklug. Anstatt Hiob zu neuem Lebensmut zu führen, begegnet Elifas ihm mit Vorhaltungen und Mahnungen, mit Warnungen und allgemeinen Redewendungen. Damit wird er der besonderen Situation von Hiob überhaupt nicht gerecht. Er geht so gut wie gar nicht auf Hiob und sein Leiden ein.

Warum lässt Gott Hiobs Leid zu? Hiob ist ein ungewollt und unschuldig leidender Mensch. Elifas mag vieles erforscht haben. Eine für alle befriedigende Antwort auf diese Frage hat er nicht. Wahrscheinlich gibt es sie auch nicht.

Ein mit-leidender Gott

So unschuldig wie Hiob leidet viele Generationen später auch Jesus am Kreuz. Und in Jesus begegnet uns Gott nicht als ein strafender, sondern als ein mit-leidender Gott. Ein Gott, der unser Leid sieht und kennt. Ein Gott, der weiß, was wir brauchen, ob auf grünen Auen oder in finsteren Tälern. Und darauf will ich vertrauen in Freud’ und Leid, im Leben und im Sterben.

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