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/ Bibel heute

Der Zug nach Ägypten

Gisela Wichern über Jeremia 43,1-13.

Als Jeremia dem ganzen Volk alle Worte des HERRN, ihres Gottes, ausgerichtet hatte, wie ihm der HERR, ihr Gott, alle diese Worte an sie befohlen hatte, sprachen Asarja, der Sohn Hoschajas, und Johanan, der Sohn Kareachs, und alle aufsässigen Männer zu Jeremia: Du lügst! Der HERR, unser Gott, hat dich nicht zu uns gesandt und gesagt: »Ihr sollt nicht nach Ägypten ziehen, um dort zu wohnen«, sondern Baruch, der Sohn Nerijas, hetzt dich gegen uns auf, damit wir den Chaldäern übergeben werden und sie uns töten oder nach Babel wegführen.[...]

Jeremia 43,1–13

Angst zu haben ist menschlich. Angst ist ein hilfreicher Schutzmechanismus. Es gibt Situationen, die erfordern Wachsamkeit und Vorsicht. Es gibt aber auch Ängste, die weit über das Normalmaß hinausgehen. Sie können uns in Panik versetzen. Sie lassen unser Fühlen und Denken Achterbahn fahren. Sie beeinflussen unsere Entscheidungen auf dramatische Weise. Was, wenn die Angst vor Vernichtung übermächtig wird?

Panik

Die Situation im Südreich Israels war sehr angespannt. Ein Großteil des Volkes war nach Babylon verschleppt worden. Jetzt hatte man den babylonischen Verwalter Gedalja ermordet. Die übriggebliebenen Judäer befürchteten die Rache Babylons. Was tun? Sollten sie nach Ägypten fliehen? Das schien sinnvoll zu sein. Vorsichtshalber baten sie den Propheten Jeremia, bei Gott für sie einzutreten. Welchen Rat würde der seinem Volk geben?

Und Jeremia hatte Anweisungen erhalten. Die sorgten für Spannungen. Die Juden sollten im Land bleiben. Hier würden sie sicher sein. Hier könnten sie ohne Angst vor den Babyloniern ihre Zukunft gestalten. Gott selbst wollte ihr Schutz sein.

Sollte Gott so etwas gesagt haben? Die Worte Jeremias konnten nicht stimmen, oder? Das war doch unrealistisch. In Ägypten wären sie bestimmt in Sicherheit. Im Südreich Juda zu bleiben, hieße auf ihre Vernichtung zu warten. Die Angst war zu groß … die Antwort hart:

„Du lügst!“ Zwei Worte. Mit ihnen wird die Tür des Vertrauens zugeschlagen.

Jeremia hat dieser aggressiven Reaktion der führenden Männer nichts mehr entgegenzusetzen. Deren Entscheidung steht fest. Sie werden in Ägypten Schutz suchen. „Und sie zogen nach Ägyptenland“, heißt es. „Denn sie wollten der Stimme des Herrn nicht gehorchen“.

Warnung

Auch Jeremia wird nach Ägypten verschleppt. Und hier wird er noch einmal zum Sprachrohr Gottes. Der Prophet kündigt die Vernichtung durch Nebukadnezar an. Babylon wird Ägypten schlagen … und damit auch die, die dort so verzweifelt Schutz suchen. Die Umsetzung der eigenen Pläne endet dramatisch. Im Nachhinein ist man immer klüger … Hätten sie doch nur auf Gottes Worte gehört.

Angst zu haben ist menschlich. Aber Angst ist nicht immer der beste Ratgeber. Gottes Rat ist in Juda zwar erwünscht, aber er soll den eigenen Vorstellungen entsprechen. Er soll logisch sein und nachvollziehbar. Was Jeremia weitergibt, wird nicht geglaubt. Soweit geht das Gottvertrauen auch wieder nicht. Die Angst deckt hier einen Beziehungskonflikt auf. Die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk ist gestört.

Es ist immer wieder das Gleiche. Von Adam und Eva an bis heute wird die Frage gestellt: „Sollte Gott gesagt haben?“ Kann man das nicht auch anders sehen? Sollte ich das nicht lieber selbst entscheiden?

Gottvertrauen

Dem menschlichen Denken mit all seiner Angst Gottvertrauen entgegensetzen, das erfordert eine klare Entscheidung. Diese Entscheidung wird durch zwei Worte unmöglich gemacht: Du lügst.Statt im Südreich Juda zu bleiben, ergreifen sie die Flucht. Ägypten wird aber zur tödlichen Falle.

Flüchten, das ist eine typische Reaktion auf Angst. Und Ägypten? Das kann im weiteren Sinn alles Mögliche sein. Das kann zum Beispiel die Flucht in eine ungute Art von Schweigen sein. Schweigen über schlimme Erfahrungen. Aber Schweigen ist keine Lösung. Es kann zur Falle werden und Beziehungen zerstören.

Ägypten, das kann die Flucht in Drogenkonsum sein … in Pornografie, in übermäßige Aktivität und vieles mehr. Das alles kann zeitweise die Angst verdrängen. Eine heilsame Lösung ist es nicht. Wie Ägypten kann es zur Falle werden.

Die Flucht nach Ägypten war nicht Gottes Plan. Gottes Plan hieß: Bleiben und vertrauen. Er hieß Hoffnung und Leben. Für die Bewohner von Juda hätte es Geborgenheit bedeutet. Und Geborgenheit ist das Gegenteil von Angst.

Entscheidungen treffen

Ich frage mich, wie wohl meine Entscheidung damals ausgefallen wäre. Hätte ich den Worten Jeremias geglaubt? Hätte ich Gott vertraut oder hätte die Angst gesiegt? Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht.

Aber im Rückblick auf mein eigenes Leben kann ich sagen: ich kenne Situationen, die angstbesetzt sind … Krisenzeiten, in denen ich Entscheidungen treffen musste, ohne wirkliche Sicherheiten zu haben. Oder Zeiten, in denen ich Angst um meine Kinder hatte.

Ich bin keine große Glaubensheldin. Ich habe gelernt: Gottvertrauen braucht immer wieder eine Entscheidung.

Ich habe mir angewöhnt, regelmäßig in Gottes Wort zu lesen. Warum? Ich möchte ihn kennenlernen. Seine Gedanken, seine Anliegen, seine Kraft. Wie sich Schafe an die Stimme ihres Hirten gewöhnen, will ich mein Herz an Gottes Wort gewöhnen. Damit ich in Zeiten der Angst seine Zusagen kenne. Damit ich mit Gottvertrauen mutig gehen oder bleiben kann.

Gehen oder Bleiben, das ist in der heutigen Zeit für viele eine drängende Frage. Täglich brechen Menschen auf und verlassen ihr Land, ihre Arbeitsstelle, ihre Beziehungen. Andere entscheiden sich zu bleiben und hoffen auf Veränderung.

Und Gott spricht. Er spricht in die Situation jedes einzelnen Menschen hinein.

Heute ist ein guter Zeitpunkt, wieder ganz konkret nach seinem Willen für uns zu fragen. Heute ist ein guter Zeitpunkt, ganz bewusst die Entscheidung zu treffen: auch wenn meine Lebenssituation schwierig ist … Auch wenn meine Angst noch so groß ist … Gott ist größer … Ich vertraue ihm.

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