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/ Wort zum Tag

Vater, vergib!

Friedhelm Geiß über Lukas 23,34.

Jesus sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!

Lukas 23,34

In diesen Tagen begleiten viele Christen gedanklich Jesus auf seinem Weg ans Kreuz. Ich auch. Wie oft habe ich diese Berichte schon gelesen oder gehört. Die letzten Worte Jesu haben eine besondere Bedeutung und Tiefe. Und deshalb möchte ich seinen Worten nachspüren, sie klingen lassen in meinem Herzen und mich dadurch selbst ansprechen lassen.

So auch das Wort Jesu am Kreuz, wie es im Lukasevangelium, Kapitel 23, Vers 34 übermittelt ist:

Jesus sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass das erste und das letzte Wort, das Jesus am Kreuz gesprochen hat, mit dem kindlichen Vertrauenswort: „Vater“ beginnt? „Vater, vergib ihnen“ und „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“

Niemand in Israel wagte, Gott so anzusprechen. Jesus aber tut es. So bildet diese Anrede den Moment der Heimkehr. Und liegt darin nicht bereits ein tiefer Trost verborgen? Wie viel Not und Schmerz waren bis dahin über Jesus hinweggegangen? Gethsemane mit dem Leidenskampf, Tränen und blutiger Schweiß; die Jünger haben ihn verlassen, keiner hat ihm die Treue gehalten, allein. Ganz allein musste er den Weg der Erniedrigung gehen, und Stunde um Stunde wurde es dunkler und schmerzlicher für ihn.

Jesu Leben endet zwar in Angst und unter Gottlosen und Übeltätern. Und doch strömt von diesem Kreuz ein Strom der Barmherzigkeit in unsere zerrissene Welt. Ein Kreuz im Museum des Münsters auf der Insel Reichenau hat für mich – seit ich es kenne – eine tiefe Bedeutung. Es ist für mich das Kreuz der Barmherzigkeit geworden. Egal an welcher Stelle ich in dem Raum stehe, ich habe immer den Eindruck, der Gekreuzigte schaut mich mit seinen Augen an. Und es ist kein schmerzverzerrter, leidender Blick, sondern es sind Augen der Barmherzigkeit.

Wem schaut Jesus vom Kreuz in die Augen? Da sieht er die Pharisäer, die zwar erkannten, aber nicht anerkennen wollten, da sieht er Menschen, die schweigend einfach allem hinterherlaufen, da sieht er die rohen Soldaten, die brutal und ohne Rücksicht ihr Handwerk ausüben. Und da sieht er mich und Sie mit seinen Augen der Barmherzigkeit an. Unter Schmerzen und Qualen spricht er noch einmal. Und das Ergebnis allen Leidens fasst er in ein Wort zusammen: „Vater“.

Kein Vorwurf, keine Abrechnung oder Aufrechnung, keine Enttäuschung, sondern einfach „Vater“.

Er wendet sich an den, der das Leben ist und in dem keine Finsternis ist und bittet für die, die vor ihm stehen und ihn ans Kreuz gebracht haben. „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Und schließt dieses Gebet nicht auch die ein, die sehr wohl wissen, was sie tun?

Beachten wir: Jesus betete nicht: Vergib, was sie getan haben, sondern „was sie tun“. Seine Fürbitte für uns schließt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein.

Damit wird das Kreuz zum Hoffnungszeichen. „Vater – ich bezahle jetzt alles, lass sie frei sein!“

Ist dieser Augenblick nicht das Kernwort der Liebe Gottes? Eine Liebe, die es fertigbringt, den Hass zu überwinden und anstatt eines Fluches zu beten: „Vater - vergib ihnen!“ Das ist die Kraft der Liebe Gottes.

Von diesem Wort Jesu lebe ich auch. Wie viel bin ich ihm und Menschen schuldig geblieben an Liebe, Gaben, Kraft, Zeit, Geld, Ehre, mein Leben? Wie gut, dass auch über meiner Unwissenheit, über meinen erkannten und unerkannten Sünden, über alles was war und noch kommen wird, dieses Wort Jesu gesprochen ist. Und nun höre ich, dass er für mich um Vergebung bittet. Er bittet den Vater für mich um das Startkapital zum Neubeginn. Und ich darf aufatmen, frei werden und bekomme damit auch die Kraft zur Vergebung.

So bleibe ich unter dem Kreuz stehen und höre für mich dieses Wort: „Vater- vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“

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Kommentare

Silke S. /

Lieber Friedhelm Geiß,
vielen Dank für Ihre Gedanken zum Tag...
für ihre guten Worte.... Mir tat besonders gut, dass sie die Menschen, die Zeitgenossen von Jesus waren, so allgemein gültig charakterisieren - dass wir sie auch heute wiederfinden....
Ich dann, dass Jesus nicht noch alles in Bitterkeit zusammenfasst... an die einzelnen Gruppen und Menschen richtet, sondern: "Vater.." sagt... Wenn Jesus selbst vom Weltgericht sagt, dass er einem in jedem Menschen begegnet.... also auch in mehr