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/ Wort zum Tag

Unspektakulär

Michael Gerster über 1. Mose 18,3.

Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber.

1. Mose 18,3

Große Geschichten nehmen oft einen kleinen Anfang. Zum Beispiel Herman Melvilles Moby Dick: „Nennt mich Ismael.“ Oder Tolkiens „Der Hobbit“: „In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.“ Und nicht zuletzt die Weihnachtsgeschichte: "Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde, ein jeder in seiner Stadt“. (Vgl. Lukas 2)

Auch die biblische Erzählung, der der heutige Losungstext der Herrnhuter Brüdergemeine aus 1. Mose 18,3 entnommen ist, beginnt eher unspektakulär: Abraham sitzt in der Hitze des Tages am Eingang seines Zeltes. Er macht das, was jeder vernünftige Mensch in heißen Ländern zur Mittagshitze macht: Er ruht sich aus.

Er ruht sich aus und beobachtet die Umgebung. Er erinnert an den Rentner, der gebeugt über ein Kissen aus dem Fenster heraus die Straße und ihre Menschen beobachtet. Unspektakulärer kann eine Geschichte nicht beginnen. Und sie geht zunächst auch unspektakulär weiter. So scheint es zumindest. Abraham sieht drei Männer auf der Durchreise. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Und trotzdem ist irgendetwas anders. Denn Abraham schießt plötzlich hoch. Vorbei ist es mit der gemütlichen Mittagsruhe.

Abraham stürzt auf die Fremden zu und lädt sie ein, bei ihm Rast zu machen. Abraham nötigt sie förmlich. So heißt es: „Herr, wenn ich denn Gunst gefunden habe in deinen Augen, so geh doch nicht an deinem Knecht vorüber!“ Dies ist mehr als die sprichwörtliche orientalische Gastfreundschaft. Denn Abraham hat etwas erkannt. Er sieht in den drei Fremden einen alten Bekannten. Er sieht in den drei Männern Gott selbst.

Der Abstand zwischen mir und Gott ist genau ein Gebet, hat mir einmal ein weiser Mensch gesagt. Und er hat Recht. Gott ist immer da. Ich kann jederzeit mit ihm sprechen. Das ist ein Geheimnis und gleichzeitig eine zentrale Wahrheit des christlichen Glaubens. Und trotzdem gibt es auch diese besonderen Momente. Die Momente, in denen Gott auf besondere und geheimnisvolle Art und Weise ganz nah ist.

Abraham war offen für diesen Moment. Er hat ihn wahrgenommen, weil er schon lange mit diesem Gott unterwegs war – und seine Fußspuren kennt. Er war offen für diesen besonderen Moment, weil er in der Hitze des Mittags das einzig Vernünftige getan hat: Auszuruhen. Auszuruhen, stille zu sein und offen zu sein für die Welt um ihn herum.

Ich glaube, es gibt auch heute noch in Ihrem und meinem Leben diese besonderen Momente, in denen Gott einem ganz besonders nahekommt. Das kann ein Sonnenaufgang in den Bergen sein. Es kann das Wort eines guten Freundes sein, durch den Gott in Ihr Leben hineinspricht. Es kann ein Bibelvers sein, den man schon zig Mal gelesen hat und der einen auf einmal mit einer Klarheit anspricht, die einen mitten ins Herz trifft und in Bewegung versetzt.

Es sind Momente, die Gott schenkt. Momente, in denen er sich entscheidet, Ihnen besonders zu begegnen.

ann man sich auf diese besonderen Momente vorbereiten? Ich glaube, man kann diese Momente nicht erzwingen, aber man kann offen dafür sein. Meine innere Haltung hilft mir. Glaube und hoffe ich, dass Gott auch heute noch ein Gott ist, der im Leben von Menschen wirkt und sie anspricht? Ich bin überzeugt, man kann jeden Tag wie ein Abenteuer beginnen. Ein Abenteuer, in dem mir der große, geheimnisvolle Gott begegnen kann. Das können auch Störungen sein, Dinge, die meinen Tagesplan durcheinanderbringen.

Wenn ich Gunst gefunden habe in seinen, in Gottes Augen – und das habe ich durch Jesus – dann möchte ich ihn nicht vorübergehen lassen. Und vielleicht ist dies dann auch der kleine Anfang einer ganz großen Geschichte.

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Kommentare

Silke S. /

Vielen Dank für die mutmachende Interpretation des Bibelwortes... die Verbindung zwischen "Alltägliches und Göttliches"... "Unspektakulärem, das doch der Keim für Außergewöhnliches sein kann..."

Michael Gerster /

Hallo Markus, vielen Dank für die nette Rückmeldung, die Auslegung zu dieser Geschichte hat mir besonders viel Freude gemacht!

Markus /

Vielen Dank Herr Gerster für die lebensnahe Auslegung der Begenung des Abrahams. Ich habe weiter gelesen und kann nur staunen, was es sich noch so alles im weiteren Verlauf ereignet hat. Und durch Jesus die Gnade, jederzeit unter seinem Schutz zu stehen. Egal was passiert.
Gottes Segen für sie und ihr tun.