/ Bibel heute
Zofars erste Rede
Volker Hase über Hiob 11,1–20.
Da hob Zofar von Naama an und sprach: Soll ohne Antwort bleiben, der viele Worte macht? Muss denn ein Schwätzer immer recht haben? Müssen Männer zu deinem leeren Gerede schweigen, dass du spottest und niemand dich beschämt?[...]
Zophar, der Naamathiter, Hiobs dritter Freund, beginnt nun seine Rede:„Ein Mensch, der so viel zu seiner Verteidigung redet wie du, Hiob, der muss ganz einfach schuldig sein!“
Dieser dritte Freund Hiobs macht von allen die wenigsten Worte. Aber seine wenigen Worte sind im Vergleich zu den Reden der anderen Freunde am arrogantesten und setzen die Ehre Hiobs am meisten herab. Zophar war ein strenger Mann. Es fehlte ihm an Mitgefühl und er urteilte unbarmherzig. Er lebte ein „saures“ Frommsein, auf das er auch noch stolz war.
Zophar will scheinbar unbedingt beweisen, dass Hiob sich grundlegend irrt - und dass er, Zophar, mit seinen scheinbar geistlichen Ansichten recht hat.
Sollte ein Mann, der viel redet, gerechtfertigt werden? - Zophar hatte die Nase voll von Hiobs Unschuldsbeteuerungen. Deshalb macht Zophar mit einer Zurechtweisung gegenüber Hiob weiter. Zophar scheint in seiner Argumentation eine Art Sackgasse erreicht zu haben.
Er nutzt die Wirkungen gruppendynamischer Prozesse und erreicht damit, dass nun alle Freunde bereit sind, direkte Anschuldigungen gegen Hiob zu erheben.
Hiobs Freunde verlieren die Geduld mit ihm. In einem bemerkenswerten Akt der Freundschaft saßen sie sieben Tage lang schweigend bei ihm. Sie versuchen nun, Hiob klarzumachen, dass es irgendeine Sünde sein muss, die dieses große Unglück in seinem Leben verursacht hat, aber Hiob weigerte sich, das zu erkennen. Je mehr sie darauf bestanden und je mehr Hiob es hartnäckig leugnete, desto frustrierter wurden sie.
Hiob wusste genau, dass hinter dem Verlust seiner Kinder, seiner Gesundheit, seiner Diener und seines materiellen Reichtums keine besondere oder spezifische Sünde seinerseits stand. Dennoch wusste Hiob auch, dass er im allgemeinen Sinne schuldig war und im Vergleich zu Gott nicht als gerecht angesehen werden konnte. Daher verstehe ich Hiobs Behauptung, untadelig zu sein, so, dass es in der Tat keine spezielle oder besondere Sünde seinerseits gab, die sein großes Leiden auslöste. In der Tat erkannte sogar Gott selbst Hiob als schuldlos in diesem Sinne an.
Hiob hatte seinen Eifer zum Ausdruck gebracht, Gott herauszufordern - und Zophar wünscht sich, dass Gott diese Herausforderung annimmt. Der Gedanke von Zophar ist: „Gott ist nicht ungerecht und grausam, sondern hat dir das volle Maß deines Vergehens erspart.“ Nach Zophars Ansicht war Hiob nicht nur im Unrecht, wenn er behauptete, rein oder sauber zu sein, sondern er war tatsächlich so schuldig vor Gott, dass er viel Schlimmeres verdient hätte, als er erlitten hatte.
Das bedeutet, dass Gott weniger Strafe für Hiob fordert, als Hiob verdient hat, denn Hiob konnte sich nicht an alle seine Sünden erinnern. Diese Aussage passt zu Zophar, der in meinen Augen der grausamste und herzloseste von Hiobs Freunden ist.
Kannst du zu Gottes Höhen aufsteigen, zu seinen Weiten vordringen und seine unendliche Vollkommenheit begreifen? In dieser rhetorischen Frage wird bekräftigt, dass Hiob das wahre Wesen Gottes nicht herausfinden kann.
Die nächste Lektion in Zophars Theologie war die Souveränität Gottes. Zophar glaubte, das Beste, was Hiob tun könne, sei, seine Strafe von Gott zu akzeptieren, anstatt gegen die Ungerechtigkeit zu protestieren. Nach Zophars Meinung war Hiobs Strafe gerecht, und Gott gab Hiob tatsächlich weniger, als er eigentlich verdient hätte.
Zophar deutete an, dass Hiob wollte, dass Gott sich von seiner Vergeltungs-Gerechtigkeit abwendet. Aber Zophar wollte Hiob zu verstehen geben, dass es falsch - und böse - ist, sich zu wünschen, dass Gott den Betrug und die Schlechtigkeit des Menschen, in diesem Fall Hiobs Unredlichkeit und Schlechtigkeit, nicht berücksichtigt. Für Zophar gab es in Hiobs Situation keinerlei Rätsel: Gott war souverän, Gott war gerecht, Hiob war ein Sünder, und deshalb sollte er dankbar sein, dass es ihm nicht schlechter ging. Die Gedanken von Zophar sind: Wo immer es Leid gibt, gibt es Sünde, echte und greifbare Sünde, die im Verhältnis zu diesem Leid steht. Gott regiert die Welt durch Belohnungen und Strafen, und diese Belohnungen und Strafen werden hier unten mit einer unbestechlichen Gerechtigkeit verteilt.
Daraus folgt, dass dieser Hiob, dieser scheinbare Heilige, in Wirklichkeit ein Mensch voller abscheulicher Sünden ist. - Und genau das will Zophar unbedingt beweisen!
Wenn man Zophars theologisches Verständnis von Hiobs Situation bedenkt, ist die Antwort leicht: Hiob sollte einfach Buße tun und die Barmherzigkeit und Güte Gottes suchen. „Du wirst alle deine Sorgen vergessen - wie ein Wassertropfen, der gerade geflossen ist, werden sie aus deinem Gedächtnis verschwinden.“
Ja, genau das ist es, wonach sich Hiob sehnte: so wiederhergestellt und gesegnet zu werden, dass er all das vergisst, was ihm je widerfahren ist.
Es ist interessant, im weiteren Verlauf des Buches Hiob festzustellen, dass die Lösung von Hiobs Schwierigkeiten überhaupt nicht auf die Art und Weise erfolgte, wie ausgerechnet Zophar sie Hiob vorschrieb. Obwohl Zophar die Ursache falsch verstand, wusste er doch, wie die Heilung aussehen würde - dass man sein Elend vergessen kann und sich an es erinnert wie an das Wasser, das vergangen ist. Zophar ermutigte Hiob, seine Sünde zu bekennen und zu bereuen, indem er ihm zeigte, wie Gott ihn segnen und ehren und ihm wieder ein helles, zuversichtliches und bewundertes Leben schenken würde.
Zophar ermutigte Hiob, zu bekennen und Buße zu tun, indem er ihn vor den Folgen warnte, wenn er es nicht täte. Sicherlich würde er nicht entkommen, wenn Gott sein Missfallen noch stärker zum Ausdruck bringen würde.
Es gibt in der Tat viel zu bewundern an der Theologie und Philosophie von Zophar und Hiobs Freunden. Sie sagen vieles, was im Allgemeinen wahr und wertvoll ist, und es wird - im Allgemeinen - durch die Weisheit der Alten gestützt. Sie glaubten an die Macht Gottes und seine absolute Gerechtigkeit. Sie glaubten auch, dass Gott einem Sünder verzeihen und ihn wieder in seine Gunst aufnehmen würde, wenn der Sünder richtig auf die von Gott verhängte Strafe reagierte. Dennoch war die Anwendung dieses Glaubensbekenntnisses - diese tief verwurzelten Überzeugungen darüber, wie das Leben, Gott und das Universum funktionieren - in Hiobs Situation völlig falsch. Die Gründe für sein Unglück lagen völlig außerhalb des Vorstellungsvermögens von Hiobs Freunden, obwohl sie sich sicher waren, dass sie die Situation völlig verstanden.
Sie wendeten die wertvollsten Wahrheiten und die erbaulichsten Lehren falsch an; sie verwandelten gesunde Nahrung in Gift; sie drängten ihrem Freund jene Halbwahrheiten auf, die manchmal die schlimmsten Unwahrheiten sind. Wahre geistliche Freunde, echte Väter und Mütter in Christus, die Gottes Herz wirklich kennen, werden sich mit Sicherheit anders verhalten, als es hier beschrieben wird.
Ich wünsche Ihnen, dass sie solche Menschen als Freunde haben - und: Werden sie selbst zu solchen!
© Ruth Schneider / ERF
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