/ Bibel heute
Wer ist Jesus?
Der Bibeltext Johannes 7,40-52 – ausgelegt von Lorenz Diehl.
Etliche nun aus dem Volk, die diese Worte hörten, sprachen: Dieser ist wahrhaftig der Prophet. Andere sprachen: Er ist der Christus. Wieder andere sprachen: Soll der Christus etwa aus Galiläa kommen? Sagt nicht die Schrift: Aus dem Geschlecht Davids und aus dem Ort Bethlehem, wo David war, kommt der Christus?[...]
Geteilte Meinung – ein deutsches Phänomen
„Wir sind zu Hause immer geteilter Meinung. Papa sagt seine Meinung – und wir dürfen sie dann teilen.“
Diesen Witz mochte ich schon als Teenager. Nicht nur, weil mein Vater sich die Zustände vielleicht so gewünscht hätte. (Seine Lieblingsregel war: „Papa hat immer recht.“) Sondern auch, weil der Witz schön zeigt, dass im Deutschen „eine Meinung teilen“ und „geteilter Meinung sein“ völlig gegenteilige Bedeutungen haben.
Der heutige Bibeltext steht im Bericht des Johannes über das Leben von Jesus, dem Johannesevangelium. Er spielt gegen Ende des jüdischen Laubhüttenfests in Jerusalem. Jesus ist erst einige Tage nach Beginn des Festes gekommen und hat die Menschen über ihre heiligen religiösen Bücher, auch kurz „die Schrift“ genannt, gelehrt und einige Zuhörer damit offenbar beeindruckt. Jetzt sprechen die Menschen untereinander über Jesus.
„Wer ist Jesus?“ – Eine Diskussion ohne Bildungsschwelle
„Wer ist Jesus?“ Jeder kann mitdiskutieren:
- Manche sagen: Ein Prophet! (Wie Mose, der dem Volk das Gesetz Gottes gegeben hat und dem es gehorchen soll)
- Manche sagen: Der Erlöser! (Der das Volk befreien wird von fremder Herrschaft)
- Manche sagen: Ein großer Redner!
- Andere sagen: Ein Mann von zweifelhafter Abstammung! (Galiläa statt Bethlehem, das scheint keinen guten Eindruck zu machen.)
- Oder sogar: Ein Verführer!
Es gibt keine Bildungsschwelle, das „Volk“ diskutiert ebenso wie die Hohepriester und Phariäser, die Gelehrten.
„Wer ist Jesus?“ wird auch heute diskutiert. In unserem Land und unserer Zeit mit anderen Vokabeln. Manche sprechen vom „christlichen Abendland“, das die Kultur prägt. Andere bezeichnen sich als „wiedergeborene Christen“ und legen den Fokus auf eine persönliche Gottesbeziehung. Manche sind beeindruckt von Jesu Lehre und wollen sie möglichst wörtlich und direkt anwenden, andere sind auch beeindruckt und verwenden viel Zeit, die Worte zu deuten und in die heutige Zeit zu übertragen. Manche halten sie für veraltet und glauben, bessere Theorien zu kennen. Religion ist für manche nach Karl Marx „Opium fürs Volk“, um die harte Realität erträglicher zu machen.
Klar ist: Die Diskussion ist nicht vorbei. „Wer ist Jesus?“ – die Frage ist auch heute wichtig für einzelne Menschen und für die Gesellschaft als Ganzes. Und jeder kann mitdiskutieren.
Was ist Ihre Position?
Argumente auf dem Prüfstand
In der Diskussion im Bibeltext werden einige Argumente ins Feld geführt. Wenn ich sie mir ansehe, habe ich fast überall leichtes Unbehagen:
- Etliche aus dem Volk haben ihre Meinung wegen der Worte Jesu, die sie gehört haben. Die Knechte, die Jesus zu den Phariäsern bringen sollen, sagen sogar: „Noch nie hat ein Mensch so gesprochen.“ Worte, keine Taten. Johannes berichtet auch nicht von Wundern, die Jesus auf dem Laub hüttenfest tut. Aber sind Worte das, wonach ich meine Meinung bilden will? Oder nach „Aura“, also der Ausstrahlung eines Redners? Haben wir nicht schon genug, die einfache Lösungen versprechen und denen viele nachlaufen, ohne dass irgendetwas besser wird?
- Die Gelehrten berufen sich auf ein Autoritätsargument: „Glaubt denn einer von den Oberen oder von den Phariäsern an ihn?“ Ich suche, bewusst oder unterbewusst, oft nach Menschen, an deren Meinung ich mich anlehnen kann. Am besten Experten, die sich auskennen. Aber ich fühle mich nicht wohl, wenn ich auf Grund einer Expertenmeinung etwas glauben soll, das ich nicht nachvollziehen kann und das meinem Verständnis entgegensteht. Ich habe den Eindruck, dass die Gelehrten im Bibeltext weniger inhaltlich überzeugen wollen als eine Diskussion in ihrem Sinne beenden. An manchem Stammtisch höre ich heutzutage ein: „Man wird doch wohl noch sagen dürfen ...“, wenn heikle Themen angesprochen werden. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass die Gelehrten unserer Zeit den Diskussionsraum bei manchen Themen ebenfalls gern auf ihnen genehme Meinungen verengen möchten.
- Außerdem wird „die Schrift“ als Argument ins Feld geführt: Der Messias soll aus Bethlehem, einem Ort südlich von Jerusalem, kommen. Jesus dagegen ist zwar in Bethlehem geboren, aber im Norden, in Nazareth, aufgewachsen. Die Weihnachtsgeschichte erzählt, wie Maria und Josef, Jesu Eltern, auf Grund einer Volkszählung des Kaiser Augustus aus Nazareth nach Bethlehem reisen, wo Jesus geboren wird. Das Argument, dass Jesus aufgrund seiner Herkunft nicht der Messias sein kann, ist also nicht stichhaltig. Es wirkt daher auf mich, als ob diejenigen, die so argumentieren, ihre eigenen Argumente nicht sauber prüfen. Sobald die eigene, vielleicht schon vorgefertigte, Meinung gestützt wird, wird das Argument nicht mehr genauer untersucht. Ich frage mich, wie oft ich ähnlich vorgehe und nur das wahrnehme, was meine aktuelle Meinung unterstützt.
Ich habe mit diesen Argumenten also so meine Probleme. Aber wie sieht ein besserer Ansatz aus?
Erkenntnis braucht Göttliche Hilfe
Nikodemus schlägt im Text vor, Jesus anzuhören und zu erkennen, was er tut. Nikodemus wird dafür niedergemacht, aber das Prinzip hat sich durchgesetzt. Nicht erst im heutigen Rechtsstaat, auch damals wird es in der Schrift, dem jüdischen Gesetz, bereits gefordert. Und selbst in der Schöpfungsgeschichte und dem nachfolgenden Sündenfall geht es um die „Erkenntnis des Guten und Bösen“.
Ich will also mein Urteilsvermögen sorgfältig einsetzen als Startpunkt für die Frage: „Wer ist Jesus?“ Aber wie weit führt das? Wenn das reicht, warum kommen dann nicht alle Menschen zum selben Ergebnis?
An einer anderen Stelle beantwortet der Jünger Petrus die Frage nach Jesus mit: „Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ und Jesus sagt ihm, dass er das nicht „durch Fleisch und Blut“, also aus eigener Kraft erkannt hat. Jesus weist auch auf dem Laub hüttenfest auf den Geist Gottes hin, der den Menschen Gott zeigt und damit auch Jesus, der behauptet von Gott zu kommen. Um Gott zu erkennen, brauche ich also Gottes Hilfe. Durch Jesus hat er diese Hürde weggenommen. Jesus sagt: „Wer sucht, der findet.“ Und so will ich auch bei dieser Frage Gott bitten, dass er mir Antworten zeigt. Vielleicht ist das auch für Sie eine Option: Egal, wie oft sie schon gebetet haben: Bitten Sie einfach: „Gott, zeige mir, wer Jesus ist und was das für mich bedeutet.“
Zum Schluss:
„Wer ist Jesus?“ Diese Frage wird schon zu Beginn des Laubhüttenfestes gestellt, bevor Jesus kommt. Dann können sich die Menschen einige Tage ein Bild von Jesus machen. Nun diskutieren sie wieder. Jesus beteiligt sich im heutigen Bibeltext nicht mehr an der Debatte; jeder geht nach Hause. Jeder muss diese Frage am Ende in eigener Verantwortung beantworten.
Wie gehen Sie das an?
Sie haben Fragen zur Bibel und zum christlichen Glauben? – Nikodemus.AI gibt Antworten.

© Ruth Schneider / ERF
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