/ Bibel heute
Vier Augenblicke vor dem Kreuz
Der Bibeltext Johannes 19,16b-30 – ausgelegt von Martin Gohlke.
Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.[...]
Der Thron des Königs
Was sehe ich, wenn ich die Kreuzigung Jesu betrachte? Was sagt mir das Kreuz? Dazu vier Gedanken. Vier Augenblicke vor dem Kreuz. Vier Begegnungen mit dem Gekreuzigten.
Aus sicherer Entfernung sehe ich als Erstes, wie das Kreuz Christi aufgerichtet wird. Ich sehe den Berg von Golgatha. Ich sehe die 3 Kreuze. Jesu Kreuz steht in der Mitte. Das haben sich die Jünger von Jesus sicherlich anders vorgestellt. Einige hofften, dass in Jerusalem die Krönung Jesu stattfindet und dass er den Thron besteigt. Damals begann alles mit der Salbung des neuen Königs durch einen Propheten. Bei Jesus durch eine Frau mit teurem Salböl. Es folgte das Reiten auf einem Esel in die Stadt Jerusalem unter dem stürmischen Jubel der Menge: „Lang lebe der König!" Jesus zieht als der neue König auf einem Esel nach Jerusalem ein und das Volk jubelt: „Hosianna, der da kommt im Namen des Herrn." Jetzt fehlt nur noch die Besteigung des Thrones.
An dieser Stelle aber unterscheiden sich die Feierlichkeiten zur Thronbesteigung von Jesus von allen Königsfeiern auf der ganzen Welt. Denn für alle irritierend schildert Johannes diese Thronbesteigung als Kreuzigung. Aus sicherer Entfernung erkenne ich: Der königliche Thron von Jesus ist der Berg Golgatha. Der König der Könige hängt am Kreuz zwischen zwei Verbrechern. Die Könige dieser Welt halten sich in der Regel in prächtigen Palästen auf. Ihr Thron ist Ausdruck ihrer Macht. Nur der, der für würdig befunden wird, darf sich diesem Thron nähern. Die Berater des Königs sitzen zur Rechten und zur Linken. Wie viel mehr müsste das für den Thron des Sohnes Gottes gelten? Johannes beschreibt zwar auch, wie Jesus seinen Thron besteigt. Aber die Zeremonie fällt denkbar schlicht aus. Eine kleine Tafel über dem Kreuz zeigt an, dass hier der König der Juden hängt. Statt Jubel gibt es nur Spott. Statt kostbaren Kleidern hängt Gottes Sohn nackt am Kreuz. Mitten zwischen zwei Verbrechern – ohne Glanz und Gloria, mitten in der Sünde dieser Welt. Ein Thron der besonderen Art ist das – mitten in der Dunkelheit. Draußen vor der Stadt.
Langsam nähere ich mich dem Kreuz. Ich sehe stumme wie spottende Zuschauer, die unter dem Kreuz sind und alles betrachten. Noch verstehen sie nicht, was sich da am Kreuz abspielt. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun," spricht darum Jesus. Johannes geht im Gegensatz zu den anderen Evangelisten nicht groß auf die Menschen am Kreuz ein. Er beschränkt sich auf Maria, die Mutter Jesu, und die wenigen, die ihm die Treue halten. Und Johannes beschreibt, wie sich vier römische Soldaten über die Kleider und das Gewand von Jesus hermachen. So eine Kreuzigung zog sich hin über Stunden. Da war ein Zeitvertreib wie dieser an der Tagesordnung. Jesus wird seiner letzten Kleider beraubt. Das Los entscheidet. Für eine Kreuzigung damals ist dies nichts Außergewöhnliches. Aber für die Amtseinführung eines Königs ist dies ein Skandal! Als die Soldaten die Kleider von Jesus unter sich aufteilen, da hängt also nicht nur ein entblößter Mensch am Kreuz, sondern da wird Gott selber bloßgestellt. Was sehe ich also, wenn ich auf das Kreuz schaue? Ich sehe einen ungeschützten Gott, der auf jede Distanz zu dieser Welt verzichtet. Der mir am Kreuz ganz nahe kommt. Der alle Vorstellungen, die es bisher über Gott gab, abstreift, damit er für Sie und mich deutlich zu erkennen ist in der Person Jesu, des Sohnes Gottes. Der seine Arme ausbreitet, um mir entgegenzukommen.
Ich wage noch einen weiteren 3. Schritt und stehe damit direkt unter dem Kreuz. Nun höre ich das schwere Atmen von Jesus am Kreuz. Kurz vor seinem Tod sorgt Jesus noch dafür, dass Johannes sich Maria, Jesu Mutter, annimmt. Er nimmt noch einmal alle Kraft zusammen, um dies zu regeln. Danach spricht er: „Es ist vollbracht!" Im Griechischen ist das ein einziges Wort: Tetelestai. Damit ist alles gesagt. Mehr geht auch nicht mehr. Denn am Kreuz ist keine Zeit für lange Reden.
Das Kreuz spricht Bände. Es sagt: „Es ist vollbracht!" Die feierliche Amtseinführung des neuen Königs ist damit vollendet. Der Sohn Gottes hat den Willen des Vaters ausgeführt. Seine Mission ist beendet. Jesus ist nicht gekommen, um eigene Ziele zu verfolgen. Er hat nur das getan, was der Vater von ihm wollte. „Es ist vollbracht!" Das ist kein Jubelschrei. Mitten zwischen zwei Verbrechern, ohne den königlichen Abstand zum Volk, vielmehr direkt bei den Menschen, so hängt Jesus am Kreuz. Jesus ist das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt. Denn exakt zu der Zeit, in der die Passahlämmer im Tempel geopfert werden, stirbt auch Jesus. „Es ist vollbracht." Jesus legt damit sein Leben und sein Sterben in die Hände des Vaters.
Am Kreuz sehe ich abschließend 4. Gottes unendliche Liebe – Gottes Liebe, die bereit ist, auf alle Macht zu verzichten. Eine Liebe, die bereit ist, bis in die Abgründe unserer Welt zu steigen. Denn was gibt es Tieferes als das Kreuz mit Verrat und Verleugnung, Feigheit und Hass, Hohn und Spott, Geißelung und Folter? Am Kreuz wird Jesu Liebe deutlich – eine Liebe, die alles gibt und alles auf sich nimmt: Diese Liebe kostet Gott seinen Sohn. Sie kostet ihn alles. Dabei hätte Jesus jederzeit vom Kreuz steigen können. Doch dann wäre alles umsonst gewesen. Und dann wären Sie und ich verloren gewesen. Denn die Sünde hätte mir keiner sonst abnehmen können. Das konnte nur Jesus allein. So ist das Kreuz das Zeichen für Leben, für mein Leben. Und es ist das Zeichen für Liebe, für Gottes Liebe.
Gott wollte die Welt nicht untergehen lassen, sondern ihr einen Neubeginn ermöglichen. So ist das Kreuz das Zeichen für Vergebung. All meine Schuld hat Jesus auf sich genommen, um mich zu erlösen. Dafür sei ihm auf ewig Dank!
© Ruth Schneider / ERF
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