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/ Bibel heute

Gott erlöst sein Volk

Gisela Thimm über Jesaja 43,1–7.

Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich gebe Ägypten für dich als Lösegeld, Kusch und Seba an deiner statt.[...]

Jesaja 43,1–7

Dieser Text aus dem Buch des Propheten Jesaja beginnt mit einem Vers, der für mich zu den wertvollsten Aussagen der Bibel gehört:

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.
Du bist mein.“

Dieser Vers ist für mich ein wichtiger Baustein meines Glaubens, und es gibt immer wieder Situationen, in denen ich ihn regelrecht buchstabiere. Ich fühle mich persönlich angesprochen: Gott kennt auch mich mit all meinen positiven und negativen Eigenschaften und mit meinen ganz persönlichen Problemen, und er spricht mir zu: Fürchte dich nicht, sondern vertraue mir! Du gehörst zu mir.
Diese Zusage gilt für jeden von uns.
Wir führen in der Bonner ACK, d. h. in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, regelmäßig „Gedenkgottesdienste für Unbedachte“ durch. Damit erweisen wir Verstorbenen die letzte Ehre, die durch die Stadt Bonn ohne Trauerfeier bestattet wurden, weil bei ihrem Tod niemand für sie zuständig war. Wie viel Tragik sich dahinter verbirgt, können wir oft nur erahnen. Aber wir vertrauen darauf, dass niemand vor Gott „namenlos“ ist. Deshalb wollen wir sie noch einmal der Vergessenheit entziehen, für die, die sie kannten, beten und die Gottesdienstbesucher zum Nachdenken über ihr eigenes Leben anregen.

Nach dieser kurzen Einführung möchte ich allerdings nicht versäumen, den ganzen Text unserer heutigen Bibellese noch einmal im Zusammenhang zu betrachten.

Der zweite Jesaja

Er führt uns zurück in die Zeit des Babylonischen Exils vor etwa 2600 Jahren.
Nach fast 50 Jahren in der Verbannung glaubten die Menschen kaum noch, dass Gott ihre Klagen hören würde. Zum Teil war ihnen auch bewusst, dass sie ihr Schicksal selbst verschuldet hatten.

In dieser Zeit trat nach meiner Überzeugung ein namenloser Prophet auf, der ihnen im Namen Gottes neuen Mut zusprach. Ihm werden die Verse dieses Textes zugeschrieben. Er wird oft als der „zweite Jesaja“ bezeichnet und lebte selbst mit seinem Volk im Exil. Er wirkte etwa 150 Jahre später als der Prophet Jesaja, der im 8. Jahrhundert v. Chr. von Gott berufen wurde und von dem die ersten 39 Kapitel des Jesajabuches handeln. Den „ersten Jesaja“ lernen wir hauptsächlich als Gerichtsprediger kennen. Er verurteilte, dass sich Israel falsche Bündnispartner suchte und nicht auf Gottes Stimme hörte. Das endete in einer Katastrophe. Die Babylonier unter ihrem König Nebukadnezar besiegten Israel und zerstörten das Land Juda einschließlich seines Tempels in Jerusalem.
Der „zweite Jesaja“ darf nun verkündigen, dass die Zeit der Prüfung zu Ende geht und dass Gott sein Volk auch in schweren Zeiten immer geliebt hat. Er hatte es auserwählt aus dem Stamme Abrahams. Es wurde zunächst nach Jakob genannt, der ein Enkel von Abraham war. Dieser Jakob wurde von Gott am Fluss Jabbok zu einem Kampf herausgefordert, nach dem er nicht mehr derselbe war. Gott gab ihm auch einen neuen Namen: Israel, d. h. „Kämpfer mit Gott“. Es war ein Ehrenname, den auch der heutige Staat Israel beibehalten hat.

Das Schicksal Israels zurzeit des Exils änderte sich unter der Herrschaft des Perserkönigs Kyros II. Er besiegte die Babylonier und machte sein Reich zu einem Großreich, das bis nach Indien reichte. Obwohl er den Gott Israels nicht kannte, war er allen Religionen gegenüber großzügig und ermöglichte den Israeliten die Rückkehr in ihr Heimatland. Er war sogar bereit, sie beim Wiederaufbau ihres Tempels in Jerusalem zu unterstützen. Seine Regierungszeit wird in der Bibel sehr positiv bewertet. Auch Ägypten und die Nachbarländer Äthiopien (Kusch) und Sudan (Seba) verloren ihren Einfluss. Sie konnten den Israeliten auf ihrem Rückweg keine Hindernisse in den Weg legen.
Zurzeit des „zweiten Jesajas“ liegt das Ende des Exils allerdings noch in der Zukunft. Es wird für die Heimkehrer in ein zerstörtes Land nach so langer Zeit sicher nicht leicht werden.

Aber sie sollen sich nicht fürchten, sondern Gott voll und ganz vertrauen. Darauf bereitet sie der Prophet im Namen Gottes vor. Der ganze Text spricht von Gottes großer Fürsorge. Weder Wasser noch Feuer noch fremde Mächte sollen Israel schaden. Es wird seine Heimat sicher erreichen, und auch die Israeliten, die inzwischen in anderen Ländern lebten, werden sich wieder mit seinem Volk vereinigen.

Bedeutung heute

Wenn wir feststellen, dass unser Text ganz auf Gottes Volk Israel zugeschnitten ist – gelten diese Verse dann auch für uns heute? Dürfen wir einzelne Verse aus dem Zusammenhang reißen, wenn sie uns besonders ansprechen? Ist es gerechtfertigt, wenn wir den ersten Vers gern als Konfirmationsspruch verwenden?

Ich glaube, da brauchen wir keine Bedenken zu haben, denn es ist derselbe Gott damals wie heute, und er erwartet auch von uns, dass wir ihm unser ganzes Vertrauen schenken. Das dürfen wir dankbar annehmen.
Es ist derselbe Gott, der schon unter Mose sein Volk sicher durchs Schilfmeer und durch die Wüste in die Freiheit geführt hat.
Und es ist derselbe Gott, der sich uns Menschen Jahrhunderte später in einzigartiger Weise in Jesus Christus zugewendet hat – unüberbietbar in seiner Liebe. Ja, das ist sogar der absolute Höhepunkt von Gottes Zuwendung zu uns Menschen.
Und es ist derselbe Gott, der uns durch seinen Heiligen Geist die Möglichkeit schenkt, auch in unserem Alltag immer wieder Zeichen seiner Liebe zu erkennen.

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