/ Bibel heute
Ein klares Profil
Der Bibeltext Galater 6,10-18 – ausgelegt von Friedrich-Eckart Isemer.
Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen. Seht, mit wie großen Buchstaben ich euch schreibe mit eigener Hand! Die Ansehen haben wollen nach dem Fleisch, die zwingen euch zur Beschneidung, nur damit sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden.[...]
Die Beschneidung als Streitfrage und das Kreuz
Paulus erkennt zwei Problemfelder: Denjenigen, der seine Mitchristen zur Beschneidung auffordert oder gar zwingt, sowie den Christen, der sich beschneiden lässt.
Paulus wirft den örtlichen Autoritäten die Aufforderung zur Beschneidung vor, ja, geradezu den Zwang dazu. Ausgeübt von denjenigen, die „Ansehen wollen nach dem Fleisch“, also gesellschaftliche Anerkennung, um der Verfolgung zu entgehen.
Man kann unterstellen, dass sich Christen in Galatien durch die Beschneidung vor Verfolgung schützen möchten. Sie wollen sich in jüdischer Tradition Gott annähern, zugleich aber bekennen sie sich zum Kreuzestod von Jesus und damit zu ihrer Erlösung.
Bei Paulus steht das Kreuz ganz zentral; es dreht sich alles um die Beziehung zu Gott, eine Herzensbeziehung in Treue zu Gott. Das Kreuz ist die einzige Tür in die Gemeinschaft mit Gott [4]. Die Beschneidung ist als Zeichen des Abfalls von Gott zu sehen. Auf den Christen liegt aber nach Galater 4,23–28 die Verheißung. Es gilt die neue Kreatur in Jesus Christus, im Bekenntnis zum Kreuz.
Es kommt nicht auf das Beschnitten- oder Unbeschnittensein an.
Den Glaubensgeschwistern gibt Paulus seinen Segen: „Friede und Barmherzigkeit über sie.“ Und wie es in dem Galater-Brief heißt: „Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“.
Paulus stellt sich ganz unter das Kreuz und die Gnade Jesu Christi und gibt dies an die Gemeinden in Galatien weiter. So der Schlusssatz im Brief an die Christen in Galatien: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist“.
Christenverfolgung und Mission heute
Was hat nun dies alles mit uns zu tun? Weltweit erleben wir eine massive Christenverfolgung. Auch ich erlebe, dass das Bekenntnis zu Jesus gelegentlich Befremden auslöst. Es wird als rückwärtsgewandt interpretiert, dem Modernen verschlossen.
Wer als Christ den Weg des geringsten Widerstandes gehen will, der wird sein Bekenntnis zurückhalten; vergleichbar zu Zeiten von Paulus also, sich beschneiden lassen. Dies setze ich der Abkehr vom Kreuz gleich.
Es bleibt für mich unverständlich, wie im Oktober 2016 höchste deutsche Bischöfe, evangelisch und katholisch, bei ihrem offiziellen Besuch auf dem Tempelberg in Jerusalem ihre Kreuze, und damit auch ihr Bekenntnis zum Kreuz Jesu ablegten.
Ist der Christ heute im Alltag eher defensiv eingestellt? Ich hoffe: nein. Realität aber ist, dass die Zahl der Gemeindemitglieder der beiden großen Kirchen kontinuierlich abnimmt.
Brauchen wir Mission in Deutschland? Ich denke: ja. „Durch den Traditionsabbruch, den die DDR erzwungen hat, sind zwei komplette Generationen von der kirchlichen Wirklichkeit getrennt worden“, sagt der Pfarrer von Großschirma in Sachsen in der FAZ vom 7. Mai dieses Jahres. Das habe zu einer fast vollkommen atheistischen Gesellschaft geführt. „Wir wollen diesen Osten wieder missionieren“, so sagt er. Gleiches hoffe ich auch für den Westen Deutschlands [2].
Auf der anderen Seite sehe ich große Feste unter dem Kreuz, zuletzt das Gospel-Sänger-Fest in Stuttgart mit 5.000 eingeladenen Sängern und über 50.000 Teilnehmern. Diese haben sich in großer Freude in der Porsche-Arena und in den Kirchen Stuttgarts versammelt.
Der Ruf nach Kirche und Seelsorge wird oft dann laut, wenn Katastrophen über uns kommen. Nach der Amokfahrt eines Autofahrers am 4. Mai dieses Jahres in der Leipziger Innenstadt reichte die Kapazität der Nikolai-Kirche nicht aus, um alle Betenden aufzunehmen.
Die Sehnsucht nach Trost ist groß. Offensichtlich existiert trotz aller Kirchenaustritte dennoch ein christliches Grundgefühl und -Gefüge, das uns nicht verlässt. Der Mensch, auch ein Atheist, ist ein religiöses Wesen und hat mit Religion nicht wirklich Mühe. Er lehnt sich allerdings auf, wenn er mit seiner Schuld vor Gott konfrontiert wird, von der er sich nur durch die Vergebung am Kreuz befreien kann [4]. So bleibt zu hoffen, dass wir als Christen auf diesem Grundstock wieder aufbauen können.
In der Katholischen Kirche wird auf insgesamt niedrigem Niveau ein leichter Anstieg der Taufen im Jahr 2025 dokumentiert. In Frankreich verzeichnet die katholische Kirche zu Ostern 2026 einen neuen Höchststand mit insgesamt 21 386 Taufen. Das entspricht einem Anstieg von rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr [3]. Und fast einer Verdoppelung der Taufrate gegenüber 2024 [5].
Persönliches Bekenntnis im Alltag
Aber wie ist unser eigenes Verhalten einzuordnen? Das kann nur jeder für sich entscheiden. In meinem Umfeld, privat wie auch beruflich, lebe ich mein Christsein. Auch die atheistisch eingestellten Freunde nehmen daran keinen Anstoß, im Gegenteil. Sie fragen mich nach meinen Erlebnissen in Israel und nach den Widersprüchen, die sie in den Kirchen erleben. Das macht mir Mut. Hier erlebe ich Mission im kleinen privaten Umfeld. So kann ein jeder sein christliches Bekenntnis, seinen Beitrag nach außen tragen.
Als Christen setzen wir durch die Eindeutigkeit unserer Beziehung zum Kreuz Jesu einen Kontrapunkt gegen die Beliebigkeit unserer Gesellschaft. Den Mönchen des Klosters Santo Domingo de Silos ist es mit ihrem Psalmengesang gelungen, in die Charts der Pop-Musik vorzudringen. Diese gregorianischen Gesänge gehen in ihrer Klarheit unter die Haut. Das fordert mich heraus. Die Eindeutigkeit im Glauben an Jesus Christus sollte zu meinem Wesen gehören.
Ich möchte klar sprechen und erkennbar, wiedererkennbar sein mit einem eigenen Profil. Dem Profil: Ich vertraue Jesus Christus. Insbesondere auch für die, die sich in der Kirche nicht oder nicht mehr aufgehoben fühlen.
Literatur
- William Barclay: Brief an die Galater / Brief an die Epheser / Auslegung des Neuen Testaments. Aussaat Verlag Neukirchen-Vluyn, 5. Aufl. 1994
- Markus Wehner, Großschirma: Der Missionar. Pfarrer Justus Geilhufe will sich nicht damit abfinden, dass die Kirche in Ostdeutschland stirbt. Er kämpft für ihr Überleben – und gegen die AfD. FAZ v. 7. Mai 2026 Nr. 105, S. 3
- Franziska Harter: Klarer Kurs, Katholischer Journalismus. Die Tagespost 26.03.2026
- Marcel Rebiai, Verein Gesher-Bridge, Jerusalem, persönliche Mitteilung vom 12.05.2026
- https://www.katholisch.de/artikel/52533-rekordhoch-bei-taufen-was-macht-die-kirche-in-frankreich-anders
- Stefan Weinfurter: Karl der Große. Piper Verlag 3. Auflage September
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