/ Bibel heute
Glück wünschen
Der Bibeltext Psalm 32 – ausgelegt von Hans-Claus Ewen.
Eine Unterweisung Davids. Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist! Wohl dem Menschen, dem der HERR die Schuld nicht zurechnet, in dessen Geist kein Falsch ist! Denn da ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen.
Das Glück der Vergebung
Haben Sie schon einmal den Begriff „Brutto-National-Glück“ gehört? Im Königreich Bhutan steht das Recht auf Glück seit 2008 in der Verfassung des kleinen Himalaya-Staates. Der ehemalige König Jigme Singye Wangchuck prägte den Begriff des Brutto-National-Glücks als Alternative für das Bruttoinlandsprodukt. Bhutan ist damit das einzige Land der Welt, dem das Glück seiner Bewohner wichtiger ist als sein wirtschaftlicher Erfolg.
Wenn ich Menschen zum Geburtstag gratuliere, wünsche ich ihnen Glück. Jungvermählten wünsche ich Glück für ihren gemeinsamen Weg, Schulabgängern eine glückliche Zukunft. Dabei verstehe ich unter Glück meist Dinge wie Gesundheit, Erfolg, Freude, Frieden und eine gute materielle Versorgung.
Der Psalm, um den es heute geht, bezieht sich nach Ansicht vieler Bibelausleger – wie auch Psalm 51 – auf Davids Ehebruch mit Bathseba und auf den Auftragsmord an ihrem Ehemann Uria. Das Glück, von dem David in diesem Zusammenhang spricht, ist ein ganz anders geartetes Glück: das Glück eines Menschen, dem Gott Sünde, Übertretung und Schuld vergeben hat. Dieses Glück ist nicht mit der Redewendung „Glück gehabt!“ zu verwechseln. Es beschreibt einen bleibenden Zustand, der mit der Vergebung beginnt.
Schuld erkennen und ihre Folgen verstehen
Die Schwere seiner Schuld unterstreicht David durch mehrere Begriffe: Sünde, Übertretung, Schuld und Trug. Je nach Übersetzung finden sich auch Wörter wie Treubruch, Rebellion, Missetat oder Ungerechtigkeit. Damit wird deutlich, dass Sünde nicht nur ein Fehler oder eine menschliche Schwäche ist. Die verschiedenen Begriffe beleuchten unterschiedliche Seiten derselben Wirklichkeit.
Sünde bedeutet zunächst das Überschreiten einer von Gott gesetzten Grenze. David übertrat die Gebote „Du sollst nicht ehebrechen“ und „Du sollst nicht morden“. Zugleich bedeutet Sünde: da verfehlt jemand das von Gott gesetzte Ziel. Sünde ist Rebellion gegen Gott und nimmt den Bruch der Gemeinschaft mit ihm bewusst in Kauf. Besonders interessant ist der Begriff „Trug“. Er beschreibt den Selbstbetrug des Menschen, der versucht, seine Schuld zu rechtfertigen oder zu verharmlosen.
David hat erkannt, dass seine einzige Hoffnung darin bestand, seine Schuld zu bekennen. Seine Erfahrung zeigt, dass Sünde nicht nur eine moralische oder ethische Angelegenheit ist. Er beschreibt körperliche Beschwerden, die er mit seinem Fehlverhalten verbindet. Die Bibel macht deutlich, dass die Sünde des Menschen Auswirkungen auf die gesamte Schöpfung hat. Das wird schon im ersten Buch der Bibel auf den ersten Seiten deutlich: Nach dem Sündenfall wird der Erdboden verflucht (1. Mose 3,17). Und im Neuen Testament behauptet der Apostel Paulus im Römerbrief, dass die ganze Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen wurde und bis heute seufzt und in Geburtswehen liegt (Römer 8,20–22). Sowohl beim Propheten Jesaja als auch im letzten Buch der Bibel, beim Seher Johannes, ist davon die Rede, dass Gott eine neue Erde schaffen wird. Wenn Sünde bereits die Schöpfung so tief betrifft, wie viel mehr den Menschen selbst!
David beschreibt die zerstörerische Wirkung der Sünde mit Bildern aus der Natur: ausgetrocknete Flüsse während großer Hitze und reißende Sturzfluten nach heftigen Regenfällen. Er wusste, dass unausgesprochene Schuld ihn letztlich zugrunde richten würde.
Sündenbekenntnis und Rechtfertigung
Für David bedeutete Sündenbekenntnis, dass er sich Gottes Urteil über die eigene Schuld unterwirft: keine Beschönigung, keine Ausreden, keine Verniedlichung und keine Rechtfertigung. Der Weg zu dem eingangs beschriebenen Glück führt nur über das ehrliche Eingeständnis: „Ich bin schuldig und habe Strafe verdient.“
Im Neuen Testament greift Paulus diesen Psalm in Römer 4 auf und erklärt die Rechtfertigung allein aus Glauben mit den folgenden Worten:
„Dem, der nicht mit Werken umgeht, sondern an den glaubt, der den Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet … Selig sind die, denen die Ungerechtigkeiten vergeben und deren Sünden bedeckt sind.“ (Römer 4,5–8)
Die Sünde des Menschen machte den stellvertretenden Tod Jesu Christi notwendig. David erwähnt bereits zwei wesentliche Aspekte der Erlösung: Die Schuld muss bedeckt und dem Menschen muss Gottes Gerechtigkeit zugerechnet werden. Dieses „Bedecken“ bedeutet nicht, dass Schuld einfach übergangen wird. Im Hebräerbrief, Kapitel 9, wird deutlich: „Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung.“ Das ist ein Hinweis auf den Opferkult Israels – anfangs in der Stiftshütte, dem mobilen Heiligtum aus der Zeit der Wüstenwanderung. Später dann im Tempel in Jerusalem. Die Opfer dort verdeutlichten dieses Prinzip: Die Schuld des Sünders wurde symbolisch auf ein Opfertier übertragen, während dessen Unschuld dem Sünder zugutekam. Diese Opfer haben bereits auf Jesus Christus hingewiesen. Am Kreuz wurde ihm die Schuld der Menschheit zugerechnet. Sein Tod – 1000 Jahre nach David – hat erst die Möglichkeit eröffnet, dass allen Glaubenden Gottes Gerechtigkeit zugerechnet wird.
Gottes Führung im vertrauensvollen Blickkontakt
Zum Schluss des Psalms spricht David über Gottes Führung. Wer seine Schuld bekannt und sich von ihr abgewandt hat, kann darauf vertrauen, dass Gott ihn leitet. Es ist offensichtlich nicht Gottes Wunsch, den Menschen wie ein Maultier oder Pferd zu kontrollieren, um ihnen so seinen Willen aufzuzwingen. Gottes Wille mag nicht immer das sein, was seine Kinder für gut und gerecht halten, aber angesichts der empfangenen Vergebung können sie lernen, ihm vertrauensvoll zu folgen. Gott meint es immer gut, auch wenn man seine Wege nicht direkt versteht. Diese Führung beschreibt David mit dem Bild des Augenkontakts.
Mich erinnert das an kleine Kinder auf einem Spielplatz. Die Eltern beobachten ihre Kinder aufmerksam. Möchte ein Kind etwas tun, von dem es weiß, dass es vielleicht falsch ist, sucht es oft den Blickkontakt mit den Eltern. Deren Blick genügt häufig als Antwort. Ebenso sucht ein Kind nach einem gelungenen Verhalten den Blick der Eltern, um Bestätigung und Freude zu erfahren. Auch hier sagt der Blick oft mehr als Worte.
So verstehe ich Davids Bild von Gottes Führung. Zwischen Gott und seinen Kindern soll ein lebendiger Blickkontakt bestehen. Jesus selbst beschreibt seine Beziehung zum Vater mit den Worten: „Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht“ (Johannes 5,19).
Natürlich bedeutet das nicht, dass wir Gott mit unseren leiblichen Augen sehen. Solche Erfahrungen schildert die Bibel nur in besonderen Ausnahmen. Paulus betet im Epheserbrief darum, dass die „Augen des Herzens“ geöffnet werden, damit wir geistliche Wirklichkeiten erkennen (Epheser 1,17–18).
Ich glaube, dass genau darin der Blickkontakt mit Gott besteht. Wie das Kind den Blick seiner Eltern sucht, können wir die Augen unseres Herzens auf Gott richten. Im Gebet und im Hören auf sein Wort schenkt er Orientierung, Korrektur und Bestätigung. Wer seine Schuld bekennt und Gottes Vergebung angenommen hat, lebt nicht nur im Glück der Versöhnung, sondern kann auch darauf vertrauen, dass Gott ihn auf seinem Weg liebevoll führt.
Ihr Kommentar