/ Bibel heute
Freiheit, die Gott meint
Der Bibeltext Galater 4,21-31 – ausgelegt von Dirk Bösenberg.
Sagt mir, die ihr unter dem Gesetz sein wollt: Hört ihr nicht das Gesetz? Denn es steht geschrieben, dass Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Magd und einen von der Freien. Aber der von der Magd ist nach dem Fleisch geboren worden, der von der Freien aber durch die Verheißung.[...]
Freiheit in Gottes Gegenwart und das himmlische Jerusalem
Paulus schärft uns im Galaterbrief, Kapitel 2, Vers 20 ein: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern
der Christus – der Sohn Davids, der Sohn Gottes – lebt in mir.“ Gott selbst lebt in einem Christen.
Ich habe die Freiheit, ihm zu gehören; die Freiheit, von seiner Auferstehungsmacht getragen zu
sein; und die Freiheit, für immer in Gottes Gegenwart zu sein.
1. Paulus greift verschiedene Bilder aus der hebräischen Bibel auf. Ein schönes Bild ist das von
Jerusalem, das droben und unsere Mutter ist, die sich in Jubel und Freude über die große
Schar ihrer Kinder ergreifen lässt. Was ist damit im Lichte der jüdischen Tradition gemeint?
Zum einen, Jerusalem ist der Ort, der nach 2. Samuel 5 von David erobert und zur Stadt
Davids wird. Zum anderen, nach 2. Samuel 7: Gott bindet sich an David und verheißt, dass
Davids Königshaus auf Dauer bestehen wird, und kündigt an, dass der Sohn Davids ihm ein
Haus bauen wird – den Tempel auf dem Zion. Das Lied für den Tempeldienst Psalm 132,11–
14 ruft: „Denn der Ewige hat David eine Treue geschworen, von der Er nie ablassen wird: Aus
der Frucht deines Schoßes werde ich dir [Nachkommen] auf den Thron setzen! Wenn deine
Söhne meinen Bund halten und dieses Zeugnis von mir, das ich sie lehre, sollen auch ihre
Kinder für alle Zeiten auf deinem Thron sitzen. Denn der Ewige hat Zion für sich gewählt, es
als seinen Wohnsitz gewollt. Das ist meine Ruhestätte für immer; hier will ich wohnen, denn so
will ich es …“. Gottes Gegenwart ist mit Jerusalem für immer verbunden. Dazu kommt Jesaja
25,6–9 (in Kurzform): Gott lädt alle Völker zu einem Festmahl ein, hebt den Schleier der Völker
ab, verschlingt den Tod, trocknet jede Träne und nimmt die Schmach seines Volkes weg – und
die Antwort der Erlösten lautet: „Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und
fröhlich sein über sein Heil.“ Für das Wort „Heil“ steht hier in der hebräischen Bibel: Yeshuah,
das Wort für Jesus. Dann kann man sagen: „Weil der Tod auf ewig verschlungen ist, lasst uns
jubeln und fröhlich sein über Yeshua-Jesus.“ Hier hat jeder die Freiheit, in der Gegenwart
Gottes zu sein. Jeder hat die Freiheit, ihm zu gehören.
Der Abrahambund und der Umgang mit Gottes Verheißung
2. Nun zum Abrahambund, der besagt: Gott gibt Abraham das Versprechen: „Ich will dich segnen
… und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen … Und in dir sollen gesegnet
werden alle Geschlechter der Erde.“ Diese Verheißung ging nicht an Hagar und Ismael,
sondern an Sara und Isaak. Aus dieser Linie ist das Volk Israel hervorgegangen – und nach
einer langen Zeit der Zerstreuung lebt es heute wieder in seinem Land. Abraham, Sara und
Hagar haben Gottes Wort auf eigene Faust so umgeformt, dass es ihrer eigenen Planung
diente. Das ist Gott gegenüber überheblich und übergriffig. So Gottes Wort in die eigene Logik
zu pressen oder über Gottes Wort zu richten, mag wie Freiheit aussehen – doch die Folgen
zeigen das Gegenteil.
Sinai und irdisches Jerusalem: Freiheit und Gefangenschaft
3. Dann ein weiteres Bild, vom Sinai, von Knechtschaft und dem damaligen irdischen Jerusalem:
In 2. Mose 20 steht das Volk Israel hinter einer Grenze, die Moses um den Berg gezogen hat,
getrennt von der Gegenwart Gottes. In den Versen 18–19 heißt es: „Und das ganze Volk sah
den Donner und die Blitze und den Posaunenschall und den rauchenden Berg; und als das
Volk solches sah, erschraken sie und blieben ferne stehen. Und sie sprachen zu Mose: Rede
du mit uns, so wollen wir hören; aber Gott rede nicht mit uns, dass wir nicht sterben.“
Das Volk Israel lebt nach seiner Befreiung aus Ägypten in Freiheit – und doch ist es gefangen in
seiner Angst und der Trennung von Gott. Gott selbst ist in ihrer Mitte, sie hören Gottes Stimme,
und doch bauen sie das goldene Kalb. Sie sind so frei und doch gefangen in ihrem Hochmut. Gott
löst seinen Bund mit Israel nicht auf.
Das gilt auch für die damalige Stadt Jerusalem. Man lebt die Freiheit von Gottes Gedanken. Es
gibt einen Tempel mit Gottesdiensten. Der König stammt nicht aus dem Hause Davids, die
Priesterschaft ist zerrissen, ein tägliches Opfer für den Kaiser, dazu im Land drei römische
Tempel. Es gibt eine lebendige Religiosität, und gleichzeitig kann man mit Jesaja 1, Vers 4 sagen:
„Wehe dem sündigen Volk, dem Volk mit Schuld beladen, dem boshaften Geschlecht, den
verderbten Kindern, die den HERRN verlassen, den Heiligen Israels lästern, die abgefallen sind!“
Sie erleben: Wer sich über Gott stellt, wählt die Unfreiheit. Und doch sendet Gott seinen Sohn
Jesus und eine Freiheit, mit Gott zusammen zu sein.
Das Gesetz hören und Gott in Jesus gehören
4. Es wird gefragt: „Hört ihr nicht das Gesetz?“ (Vers 21)
Damit kann gemeint sein: „Ihr hört das Gesetz nicht.“ Oder: „Gott sei Dank, es gibt die Heilige
Schrift, und da kann ich Gott zuhören. Also schaue ich mal in die Schrift.“ Da frage ich mich: Mit
welcher Einstellung gehe ich an das Alte Testament heran? Will ich akzeptieren, dass es das
Fundament der Geschichte Gottes mit Israel und mit den Christen ist?
5. „Ihr, die ihr unter dem Gesetz sein wollt.“ (Vers 21)
Ich meine, hier sind nicht die Juden gemeint. Hier werden Nicht-Juden in den Blick genommen, zu
denen gesagt wird: „Ich sage euch, die ihr das wahre Volk Gottes unter dem Gesetz sein wollt, ihr
wollt nicht hören, was das Gesetz sagt.“ Sie wollen Israels Vorrang übernehmen. Die Freiheit, sich
über Gott zu stellen, hilft nicht. Die Freiheit, Gott in Jesus zu gehören, schon. Weil sie sich mit
Jesus verbunden fühlen, nehmen sie sich die Freiheit, die Verheißungen zu modernisieren und
weiterzuentwickeln. Jesus ist doch kein Instrument zur Freiheit! Er ist die Freiheit, Gott in Jesus zu
gehören. Er ist die Freiheit in mir – Gottes Gegenwart.
[1]Übersetzung von Miriam Magall, 2023, aus: Das Buch der Psalmen, Ohel Josef Jizchak, Verlag „Jüdisches“ e.V.
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