Navigation überspringen

/ Bibel heute

Von der Dunkelheit ins Licht

Der Bibeltext Johannes 9,1-12 – ausgelegt von Cornelia Gellermann.

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.[...]

Johannes 9,1–12

Von der Dunkelheit ins Licht

In meiner Kindheit in den 60er Jahren gab es im Familienumfeld einen blinden Jungen. Stefan war ein paar Jahre älter als ich und der erste blinde Mensch, den ich kannte. Ich war schon damals ein Augenmensch, ich liebe Farben und die Natur. Und die Mimik von Menschen ist mir sehr wichtig im Kontakt. Das alles nicht sehen zu können, konnte ich mir nicht vorstellen. Kindlich offen stellte ich Stefan Fragen wie: „Wie ist es, nie die Sonne zu sehen?“ Und ebenso offen gab er mir einen Einblick in diese mir fremde Welt. Dafür bin ich sehr dankbar.
 

Im Dunkeln sitzen

Der blinde Mann hier im Text hat das Tageslicht auch noch nie gesehen. Blind geboren zu sein, galt damals als Strafe Gottes. Er wird ausgegrenzt, gehört zur Randgruppe. Von Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist er weit entfernt. So sitzt er in Jerusalem am Straßenrand und bettelt um Almosen. Wenig geachtet, wenig beachtet. Das ist seine Lebensrealität, dunkel und trostlos. Tag ein, Tag aus.
 

Jesus sieht

Jesus kommt mit seinen Jüngern vorbei. Er übersieht den blinden Mann nicht, hat ihn im Blick. Bei den Jüngern kommt sofort die Frage nach dem „Warum“ auf. „Wer ist hier schuld: Er oder seine Eltern?“ Leid sucht nach Antworten. Krankheit als Folge von Schuld: Dieses Denken ist damals tief verwurzelt in der Tradition. Und auch heute noch höre ich solche Ansichten. Manchmal sind Zusammenhänge von Verhalten und Krankheit offensichtlich. Aber längst nicht immer ist eine persönliche Schuld auszumachen. Schließlich leben wir nicht im Paradies, sondern in einer gefallenen Schöpfung. Krankheit kann hier jeden Menschen treffen. Eine neue Welt ohne Leid ist in der Bibel verheißen (Offenbarung 21,4), aber sie ist noch nicht da.

Jesus stellt sofort klar: Es geht hier gar nicht um die Schuldfrage. Sondern um etwas ganz anderes: Der blinde Mensch soll zum lebendigen Beispiel werden für das Wirken Gottes. An ihm soll deutlich werden, wer Jesus ist: Das Licht der Welt, das die Dunkelheit der Menschen erhellt (Johannes 8,12).
 

Jesus handelt

Die Initiative geht eindeutig von Jesus aus. Der blinde Mann schreit nicht um Hilfe, wie Jesus es in anderen Begegnungen erlebt. Nein, der Blinde ist völlig passiv. Er kann sich nicht selbst aus der Dunkelheit befreien. Und nach so langen Jahren erwartet er wohl kein Wunder. Und da macht Jesus den ersten Schritt auf ihn zu.

Er mischt einen Brei an aus Speichel und Erde. Woran erinnert das? Adam – wörtlich übersetzt „vom Erdboden“ – wird einst aus Lehm erschaffen (1. Mose 2). Damals herrschen noch paradiesische Zustände: Die Sicht auf Gott ist frei, wird dort beschrieben. Aber nun – nach dem Sündenfall – ist jeder Mensch von Geburt an „geistlich blind‘ für Gott. Jesus stellt an anderer Stelle klar (Johannes 3,3): „Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Es braucht also eine Neu-Schöpfung. Dieses Wunder geschieht hier.

Dabei kommt Jesus dem blinden Menschen ganz nah: Er berührt ihn, streicht ihm den Brei auf die Augen. Der lässt es zu, vertraut sich Jesus still an. Was hat er zu verlieren?
 

Jesus vertrauen

Dann erst fordert Jesus den Mann auf, selbst aktiv zu werden: „Geh zum Teich und wasch den Lehm ab.“ Dorthin zu kommen, mag eine Herausforderung für den Mann gewesen sein. Aber er vertraut den Worten Jesu. Er wagt diesen Gehorsamsschritt und wäscht den Lehm ab. Und nun? – Staunen! Er kann tatsächlich sehen! Dem Geheilten fehlen die Worte. Offenbar ist er innerlich zutiefst berührt von diesem Wunder. Wie verändert nimmt er nun seine Umwelt wahr!

Da steht er mitten in Jerusalem am Teich Siloah. Menschen kommen hierher, um sich zu reinigen. Siloah bedeutet „der Gesandte‘ und deutet auf den Messias hin. Der von Gott Gesandte reinigt, erneuert, sodass Menschen geistlich sehen können.
 

Jesus bezeugen

Die Heilung des blinden Mannes geschieht vor den Augen vieler Menschen. Seine Veränderung ist für das Umfeld offensichtlich. „Ist das nicht der Blinde? Warum sieht er plötzlich? Wie kann das sein?“, fragen sich Nachbarn und Bekannte. Neugierig und verwirrt versuchen sie zu verstehen, was passiert ist. Noch dazu am Sabbat! Da ist es doch verboten zu heilen. Es sei denn, es besteht Lebensgefahr. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Diese Heilung fällt ja völlig aus dem Rahmen!

Doch das stört den sehenden Mann nicht. Er hat gerade ein großes Wunder erlebt. Davon erzählt er nun mutig. Er bezeugt einfach und klar, was Jesus an ihm getan hat. Dabei spricht er zunächst von Jesus, dem „Menschen‘, etwas später nennt er ihn „Prophet‘ (Vers 17). Und bei einer zweiten Begegnung mit Jesus erkennt er in ihm den verheißenen Messias (Vers 38). Seine körperliche Heilung geschieht plötzlich. Doch seine geistlichen Augen durchlaufen einen Prozess, bis sie Jesus als das Licht der Welt erkennen.
 

Jesus heute

Auch heute noch will Jesus Licht ins Dunkel bringen. „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1.Timotheus 2,4). Was ist nun die Wahrheit? Jesus erhebt den Anspruch: „Ich bin die Wahrheit“ (Johannes 14,6). Er will Menschen begegnen, sie berühren im Herzen, ihnen die geistlichen Augen öffnen. Wann, wo, wie unterliegt seiner Souveränität. Jesus handelt so individuell, wie die Menschen und ihre Lebenssituationen eben sind. Ob das ins gesellschaftliche oder eigene Raster passt oder nicht.

Stellt sich die Frage: Bin ich offen für Jesu Wirken, vertraue ich ihm, folge ich ihm? Kann ich bezeugen: „I was blind, but now I see.“, „Ich war blind, aber nun sehe ich“, wie es im Lied „Amazing Grace“ heißt? In Jesus den Messias, den Erlöser entdecken – das ist Gnade. Doch kein Mensch wird Jesus völlig erkennen, schreibt Paulus (1. Korinther 13,12). Auf Erden ist alle Erkenntnis Stückwerk, Puzzleteilen gleich. Das vollkommene Bild wird sich erst in der Ewigkeit zeigen. Deshalb tausche ich mich gerne aus über meine Puzzleteile. Geht es Ihnen auch so?

Ihr Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht. Bitte beachten Sie beim Schreiben Ihres Kommentars unsere Netiquette.