/ Bibel heute
Jesus als Weltenbummler
Der Bibeltext Johannes 8,21-30 – ausgelegt von Martin Hirschmüller.
Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Ich gehe hinweg, und ihr werdet mich suchen und in eurer Sünde sterben. Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. Da sprachen die Juden: Will er sich denn selbst töten, dass er sagt: Wohin ich gehe, da könnt ihr nicht hinkommen? Und er sprach zu ihnen: Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.[...]
Zwei Welten – die sichtbare und die unsichtbare
Jesus macht es seinen Zuhörern damals und heute nicht unbedingt leicht. Er redet von verschiedenen Welten, ohne das genau zu erklären. Juden damals denken dabei unwillkürlich an die jüdische Unterscheidung vom jetzigen vergehenden Äon oder Weltzeit und der kommenden Welt, die die jetzige vergehende Welt einmal ersetzen wird. Oder mit anderen Worten, von der kommenden Gottesherrschaft, oder dem Reich Gottes.
Jesus redet von dieser Welt, der irdischen vorfindlichen Welt mitsamt dem ganzen Kosmos, der damit verbunden ist. Aber er selbst, Jesus, stammt nicht aus dieser Welt, sondern aus einer anderen Welt, in die er nach seiner „Erhöhung“ gehen wird, und wohin ihm seine Zuhörer nicht folgen können. Jesus bezieht sich auf den ersten Satz der Bibel 1. Mose 1,1: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Er versteht diese Aussage aber im Sinne des ersten gesamt-ökumenischen Glaubensbekenntnisses von Nicäa aus dem Jahr 325 n.Chr.:
„Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.“
Sichtbare und unsichtbare Welt, nicht in einem zeitlichen Nacheinander, sondern gleichzeitig. Auch nicht örtlich nebeneinander oder hintereinander, sondern flächendeckend identisch, voneinander getrennt wie durch einen unsichtbaren dünnen Vorhang. So wie unsere irdische sichtbare Welt durchzogen wird von unsichtbaren Strahlen, Funkwellen, Röntgenwellen und atomarer Strahlung. Wir spüren sie nicht, obwohl sie auch unseren Körper durchdringen. Entsprechend wird unsere sichtbare, materielle Welt überdeckt und durchdrungen von Gottes unsichtbarer Welt, dem sogenannten Himmel.
Engel, Mächte, Geistesgewalten, Satan und seine Engel, die Dämonen umgeben und durchdringen die sichtbare und materielle Welt. Sie existieren – aber wie hinter einem unsichtbaren Vorhang und sind deshalb unserem Blick verborgen. Diese geistigen, unsichtbaren Wesen und Mächte können in unsere materielle Welt eingreifen und hineinwirken. Engel können den Vorhang durchdringen und in unserer Welt plötzlich als Boten Gottes erscheinen. Gott kann den Vorhang durchschreiten und sich auf der Erde zeigen, meist verhüllt in einer Wolke, oder als Lichtgestalt. Und der Heilige Geist kann Menschen aus dieser Welt einen Blick hinter den Vorhang ermöglichen, so dass manche der Propheten Gott und seinen himmlischen Thronsaal sehen. Das sind aber nur ganz seltene Ausnahmen. Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, öffnet Gott diesen trennenden Vorhang weit und gibt Johannes große Einblicke in das Geschehen in der unsichtbaren Welt. Das bedeutet die aus dem Griechischen stammende Bezeichnung „Apokalypsis“, Apokalypse. Sie bedeutet „enthüllen“, „einen Vorhang öffnen, um das Dahinterliegende sichtbar zu machen“.
Jesus – zwischen zwei Welten: Menschwerdung, Kreuz und Himmelfahrt
Wenn Jesus sagt, er sei „nicht aus dieser Welt“, meint er damit, dass er durch den Heiligen Geist aus der unsichtbaren Welt Gottes in diese sichtbar-materielle Welt in den Leib der Maria „gezeugt“ wurde, um dann als Mensch in diese Welt hineingeboren zu werden. Nach seinem Kreuzestod und seiner Auferstehung, seiner „Erhöhung“, kehrt er dann in der Himmelfahrt in Gottes unsichtbare Welt zurück. Dabei muss er nicht mit Raketen hinter unseren Kosmos fliegen, sondern er wird verhüllt in einer Wolke. Er verschwindet hinter dem Trennvorhang in der unsichtbaren Welt. Dahin können ihm Juden bzw. andere Menschen grundsätzlich nicht folgen.
Schon im Gespräch mit Nikodemus (Johannes 3) hat Jesus ja deutlicher gesagt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ und „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Mit „Reich Gottes“ meint Jesus hier nicht wie viele Juden das kommende Gottesreich, sondern die jetzt schon existierende unsichtbare Welt Gottes. Menschen, die nicht wiedergeboren sind, glauben auch nicht an Jesus. Sie sterben deshalb in ihren Sünden den geistlichen, ewigen Tod. Darauf hat Jesus auch schon im Gespräch mit Nikodemus hingewiesen mit der Aussage: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Die einzige Sünde, wegen der die Menschen von Gott verurteilt werden, besteht in ihrem Unglauben gegenüber Jesus.
„Ich bin“ – der Name Gottes und seine Bedeutung für den Glauben
Dies vertieft Jesus hier in unserem Gespräch gegenüber den Juden noch einmal. Allerdings kann ich es erst richtig verstehen, wenn ich mit „jüdischen“ Ohren höre. Er sagt in Vers 27: „Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin …“
Die Wendung „dass ich es bin“ erinnert jeden bibelkundigen Juden sofort an die Berufungsgeschichte des Mose in 2. Mose 3: Gott redet aus einem brennenden Dornbusch und schickt Mose nach Ägypten, um das dort versklavte Volk Israel aus der Gefangenschaft in die Freiheit zu führen. Dann fragt Mose, wie er denn den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gegenüber den Israeliten nennen soll. Und Gott nennt ihm seinen Namen. „Ich bin der ich bin“ (2. Mose 3,14).
Der zunächst harmlos klingende Satz, in unserem Text Vers 28 „Ihr werdet erkennen, dass ich es bin“, bedeutet dann wörtlich: „Ihr werdet erkennen, dass ich der Ich bin, bin.“ Und dann sprengt dieser Satz plötzlich jedes traditionelle Gottesbild von Juden und Heiden. Denn nun bedeutet Glauben an Jesus in Wirklichkeit: Anerkennen, dass der irdische Jesus von Nazareth identisch ist mit dem „Ich bin“, mit dem Jahwe im ganzen Alten Testament. In Jesus begegnet uns der Gott, der Himmel und Erde schuf, der Gott Abrahams, Jakobs und Esaus, der Gott Israels, der Gott Zebaoth und wie Gott sonst noch genannt wird.
Gotteslästerung oder Offenbarung? Die Provokation Jesu
Das ist natürlich scharfer Tobak für jüdische Ohren. Das bedeutet für die meisten Juden klare Gotteslästerung, wenn ein „normaler“ Mensch behauptet, er sei Gott in Person. Deshalb hat Jesus in den Augen der meisten Juden verdient, dass er als Gotteslästerer gekreuzigt wird. Aber billiger macht es Jesus nicht – auch nicht für uns.
© Ruth Schneider / ERF
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