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/ Bibel heute

Überraschend!

Der Bibeltext Johannes 7,25-39 – ausgelegt von Christian Oelke.

Da sprachen einige aus Jerusalem: Ist das nicht der, den sie zu töten suchen? Und siehe, er redet frei und offen, und sie sagen ihm nichts. Sollten unsere Oberen wahrhaftig erkannt haben, dass er der Christus ist? Doch wir wissen, woher dieser ist; wenn aber der Christus kommt, so weiß niemand, woher er ist.[...]

Johannes 7,25–39

Jesus – gut für Überraschungen

Jesus ist gut für Überraschungen. Menschen wundern sich über ihn, nicht nur, wenn er Wunder tut. Das, was er sagt, wann er es sagt und wie er es sagt, lässt die Menschen aufhorchen. Im heutigen Bibeltext begegnet uns das gleich mehrfach und ich möchte drei Beispiele dafür benennen.
 

Erstens: Jesus lehrt im Tempel – und niemand kann ihn davon abhalten

Wenn ich die Texte der Bibel lese, kommt diese Tatsache ganz unspektakulär daher, aber das ist es nicht. Der Tempel ist das Zentrum des religiösen Lebens, und wer dort sprechen darf, ist eine religiöse Autorität. Auch heute darf man schließlich nicht ohne Weiteres in Kirchen auf die Kanzel gehen. Jesus ist den Menschen in Jerusalem schon bekannt; der Text zeigt uns, dass er eine strittige Person ist. Die einen setzen große Hoffnung auf ihn, die anderen wollen ihn zum Schweigen bringen. Viele stehen dazwischen und haben Angst, sich zu positionieren.

Die Menschen damals sind unsicher, wer dieser Jesus eigentlich ist. Und ich glaube, dahinter steckt ein tieferes, menschliches Problem, das uns bis heute betrifft: Wir kennen und erkennen Gott nicht. Jedenfalls nicht einfach so von uns aus, obwohl wir als sein Ebenbild geschaffen sind, wie ich es als Christ glaube. Jesus konfrontiert dieses Problem und seine Zuhörer direkt: Ihr kennt Gott nicht. Wenn ich als Mensch mir in einer Sache unsicher bin, suche ich nach Autoritäten, die mir helfen, klarer zu sehen oder besser zu verstehen. Damals fragen sich die Menschen, was wohl die religiösen Führer über Jesus sagen. Heute berufen sich viele auf vermeintliche Autoritäten aus Wissenschaft, Politik oder der Promiwelt, um entweder den eigenen Glauben oder Unglauben zu begründen. Jesus hat einen ganz anderen Ansatz. Er sagt: Wenn ich ihm glaube und mein Leben auf ihn baue, dann lässt er in mir eine sprudelnde Quelle entstehen, die im Leben hilft zu reifen, zu entscheiden, zu verstehen und zu glauben. Es überrascht also nicht nur, dass Jesus im Tempel lehrt. Und das, was er lehrt, macht ihn zur Autorität schlechthin, der im Tempel genau da ist, wo er hingehört.
 

Zweitens: Jesus kündigt seinen Weggang an

Die zweite Sache, die die Menschen erstaunen lässt, ist, dass Jesus seinen Weggang ankündigt. Seinen Jüngern gegenüber hat er wiederholt ganz klar gesagt, was mit ihm geschehen wird – doch selbst sie können es nicht glauben. Die Zuhörer von Jesus im Tempel verstehen nicht. Will er auf Reisen gehen? Wo soll er schon hin, wo wir ihn nicht mehr finden könnten? Diese Reaktion ist bemerkenswert. Besonders, da sie sich vorher noch den Mund darüber zerrissen haben, wo er herkommt, und behaupten, genau deshalb zu wissen, dass er nicht der Messias sein kann.

Während sich seine Zeitgenossen noch über diese Herkunftsfrage austauschen, ist Jesus gedanklich schon einen gewaltigen Schritt weiter. Auch hier erstaunt er, und ich habe wieder den Eindruck, dass die Leute einfach nicht mitkommen. Bis heute suchen und forschen etliche, was Jesus mit so manchen seiner Aussagen meint. Für viele bleibt es ein Fischen im Trüben. Doch diejenigen, die Jesus vertrauen und sein Wort annehmen, finden in seinen Worten Worte des ewigen Lebens und einen großen Schatz. Und das überrascht bis heute, obwohl Jesus nicht mehr da zu sein scheint.
 

Drittens: Jesus als das lebendige Wasser beim Laubüttenfest

Die dritte und letzte Überraschung, von der ich sprechen möchte, erfordert, dass ich etwas aushole. Jesus befindet sich auf dem Laubüttenfest in Jerusalem – ein Fest, zu dem Menschen aus dem ganzen Land hinaufziehen, um tagelang miteinander zu feiern. Der Höhepunkt ist eine feierliche Prozession am Ende der Festwoche: das Schöpfritual. Priester gehen dabei vom Altar im Tempel hinab zum Teich Siloah, der am Fuß der Davidstadt liegt – ein Fußweg von gut 20 Minuten. Unter dem schmetternden Klang von Posaunen wird aus diesem Teich Wasser geschöpft. Dieses Wasser bringt man in dieser feierlichen Prozession in den Tempel und gießt es auf den Altar aus. Dazu wird ein Text aus dem Propheten Jesaja, Kapitel 12 gelesen: „Mit Freuden sollt ihr schöpfen aus den Quellen des Heils.“ Wenn ich diesen Text auf Hebräisch lese, fallen zwei Wörter auf, die immer wieder genannt werden: Zum einen ist wiederholt die Rede vom Namen Gottes. Zum anderen kommt wieder und wieder das Wort Jeshua – was übersetzt „Heil“ oder „Rettung“ bedeutet. Es ist gleichzeitig die hebräische Form des Namens von Jesus.

Stellen Sie sich mal diese Szene bildhaft vor: Die Priester gießen das Wasser aus, die Posaunen dröhnen, die Menge singt fröhlich vom Heil, von Jeshua. Und genau in diesem Moment stellt sich Jesus, Jeshua in den Tempel und ruft den Menschen zu: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme des lebendigen Wassers fließen.“ Was sagt er damit anderes, als: „Ich bin der, von dem ihr gerade singt! Ich bin das Heil und die Rettung Gottes! Ich bin das Wasser, das euren Durst nach Leben stillt!“?

Dieser Anspruch ist von überraschender Sprengkraft – damals wie heute. Wie lebendig diese Szene ist, zeigt die Archäologie Jerusalems: Gerade in den letzten Jahren wurden dieser alte Teich Siloah und die monumentale Pilgerstraße hinauf zum Tempel wieder ausgegraben. Während die Welt voller Sorge auf den Nahen Osten blickt, legen Archäologen die Quellen der Geschichte frei, die zeigen: Die Botschaft von Jesus ist kein erfundenes Märchen. Sie ist historisch greifbar, aktuell und wahrhaftig. Für die Menschen damals ist der Siloah-Teich ein innerhalb der Stadt zugängliches Wasserreservoir, das sie in Friedenszeiten schätzen, aber das besonders bei Bedrohung und Belagerung lebensnotwendig wird. So ist auch das Wasser, das Jesus uns schenkt, wie eine zugängliche und lebensstiftende Quelle. Wer sein Heil bei ihm sucht, wird nicht nur fündig, sondern selbst zu einer Quelle in der Trockenheit dieser Welt. Diese Quelle fließt, überraschenderweise bis heute.

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